| Santa Claus, der Frauenversteher: So ungefähr hatte sich Buchautor Marc Fischer den Ausgang seiner Tätigkeit als Aushilfsweihnachtsmann vorgestellt. Vielleicht hätte er sich, wie dieser Zunftkollege, besser den wohl frivolsten Weihnachtsmarkt auf der Hamburger Reeperbahn in St. Pauli als Arbeitsplatz ausgesucht. |
Wie heiß finden Frauen den Weihnachtsmann? Als junger Mann wagte Romanautor Marc Fischer den Selbstversuch - und startete eine Flirtattacke in der roten Robe. Am Anfang lief alles furchtbar schief. Doch dann erlebte er tatsächlich eine besondere Nacht.
Viele Typen geben in ihren Biografien damit an, mal eine Zeit lang als Müllmann, Gärtner, Tennislehrer, NPD-Praktikant oder Leichenwäscher gearbeitet zu haben. Nicht schlecht, aber ich war mal der Weihnachtsmann.
Es war die Zeit nach der Schule, in der man sich angeblich so befreit vorkommen soll wie nie: Die Hölle des geklauten Vormittags (Schule) vorbei, die Hölle des geklauten Lebens (Beruf) noch hinterm Horizont. - "Flieg, Vogel, flieg, solang' du noch kannst", sagte mein Vater hinter der Zeitung aus dem Ohrensessel heraus, er wollte mich schnell aus dem Haus, vergaß aber zu sagen, was die Fliegerei so kostet. Geld aber hatte ich weniger als nichts in diesen Tagen; selbst, wenn ich eine Freundin gehabt hätte, hätte ich ihr außer spazierengehen und umsonst fernsehen kaum was bieten können. "Frauen mögen Männer mit Jobs", sagte Vater und sagte dann drei Wochen gar nichts mehr.
In einem Studentenblatt stieß ich auf die Anzeige einer Zeitarbeitsvermittlung: "Für die Adventszeit und Heiligabend werden noch Weihnachtsmänner gesucht". Klang nicht schlecht, klang sogar großartig. Klang nach den Dezembertagen meiner Kindheit, an denen ich mit meinen Eltern an elektrokerzenbeleuchteten Mehrfamilienhäuserfenstern vorbei durch den Schnee gestiefelt war und zerlumpte Ponys mit Zuckerwürfeln gefüttert hatte. Noch entscheidender aber war die Vision, die in diesem Augenblick über mich kam, eine wunderbare Vision. Allerdings spielte sie nicht im Schnee. Sie spielte in den Betten zahlloser Frauen.
Ein Weihnachtsmann hat Narrenfreiheit
Besser, als ein Weihnachtsmann zu sein, kann es ein Mann gar nicht treffen, dachte ich: Niemanden lieben die Menschen dieser Welt so wie den Weihnachtsmann, und wenn ich als Weihnachtsmann auf der Straße stehe und Geschenke verteile, werden sie auch mich lieben. Wenn ich sie in ihren Häusern und Hütten besuchen komme, werden sie mich bitten, zu bleiben. Konnte man unverdächtiger an Frauen rankommen als im Kostüm des Weihnachtsmannes? Ein Weihnachtsmann hat Narrenfreiheit: Wer beschwert sich über ihn, wer bepöbelt ihn vor allen Anwesenden und geht das Risiko plärrender Kleinkinder ein? Wie soll ein Mann reagieren, wenn der Weihnachtsmann seiner Freundin eine Visitenkarte mit Telefonnummer und Wegbeschreibung zur Himmelspforte in die Tasche steckt - dem Weihnachtsmann eine reinhauen? Seine Kinder würden ihn lynchen. Keiner versteht da weniger Spaß als die. Es war ein ganz und gar sicheres Ding.
Gleich am nächsten Tag ging ich zu der Firma. Im Flur hingen Zettel mit nichtabgerissenen Abreißtelefonnummern; auf den Bänken saßen sechs oder sieben Langzeitstudententypen mit Fusselbärten, Bierbäuchen, schlecht geschnittenen Jeans und müden Augen. Wenn das meine Konkurrenten waren, standen draußen schon die Rentiere. Die Frau, die mir den Schlüssel ins Haremsreich überreichte, hatte das Gesicht einer Schleiereule.
"Wann können Sie, und wann können Sie gar nicht?"
"Ich kann eigentlich immer."
"Ihr erster Job ist Samstag: Karstadt, Fußgängerzone. Ziehen Sie sich warm an, soll schneien. Noch Fragen?"
"Gibt es keine Schulung oder sowas?"
"Eine was?", fragte die Eule.
"Eine Weihnachtsmannverhaltensschulung oder etwas in der Art? Damit ich weiß, was ich machen muss. Wenn's Probleme gibt oder so."
"Sind Sie vertraut mit dem Wesen des Weihnachtsmanns?"
"Glaub' schon."
"Roter Mantel, weißer Bart, schwarze Stiefel, ein Sack voller Süßigkeiten. Die verteilen Sie, machen ein paar mal 'Hoho!', streichen einem Kind über den Kopf, kassieren das Geld und verschwinden wieder. Was soll es da für Probleme geben?"
"So gesehen: keine."
"Schönen Tag noch, Nikolaus."
Im Gang sprach mich einer der Studentenvögel an.
"Brauchst 'n Kostüm?"
"Weihnachtsmannkostüm?"
"Was sonst, ham wir Ostern?"
"Lass mal sehen!"
"Spitzenware, alles dabei: Mantel, Mütze, Bart, Handschuhe, Sack, frisch von der Reinigung. 70 Mark, tutto completti. Ich leg sogar noch 'n goldenes Buch drauf, wenn du selber keins hast."
"Goldenes Buch?"
"Mann, bist du ein Anfänger: Da stehen die Wünsche der Kinder drin. Ohne das Ding nimmt dich keine Sau ernst."
"Gut, Bruder."
Ich kaufte den ganzen Mist und nahm sogar das in Goldfolie eingewickelte Buch mit.
Zu Hause im Badezimmer verwandelte ich mich sogleich in den Weihnachtsmann. Die Klamotten standen mir ganz ordentlich. Zwar lag ich weihnachtsmannaltersmäßig etwa 40 Jahre unterm Schnitt, doch das wertete ich als Vorteil: Die Frauen waren alte und schlaffe Weihnachtsmänner gewohnt, ich dagegen wäre nach dem Ablegen meiner Verkleidung eine angenehme Überraschung. Eine Art Sexsymbol in der Wundertüte.
Dann probte ich das, was ich "sexy Sätze" nannte.
- "Mandarine gefällig, gnädige Frau?"
- "Hübsches Kind - garantiert Ihres, oder?"
- "Was Süßes für einen süßen Abend vielleicht?"
Und noch ein paar Brechstangensprüche für die ganz harten Fälle:
- "Wenn Sie mir was ins Ohr flüstern, lass ich die Kinder links liegen und kümmere mich persönlich um Ihre Wünsche."
- "Wissen Sie eigentlich, wie einsam das am Südpol ist, so völlig ohne Frauen?"
- "Zur Heiligen Nacht könnt' ich auch schon vor dem 24. Dezember bei Ihnen vorbeikommen, wenn's genehm ist."
Dialoge wie aus einem Porno? Vielleicht.
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