| Glücklichere Tage: Vor einer Hochzeitsfeier posiert mein Großvater Rainer Keuter im feinen Zwirn für den Dorffotografen vor dem Haus der Familie Blume in Wennigloh. |
Krieg in der Idylle: Im April 1945 erreichten die vorrückenden Amerikaner das abgeschiedene Sauerland. An GIs in grünen Tannenwäldern und explosive Kinderspiele erinnert sich Ferdi Keuter.
Als der Krieg nach Deutschland kam, war ich fünf Jahre alt und meine Eltern schickten mich ins Sauerland. Bei meiner Großmutter in Wennigloh bei Arnsberg glaubten sie mich sicherer als in unserer Heimatstadt. Denn in der Nähe der Industriestadt Eschweiler im äußersten Westen Deutschlands würden die heranrückenden Feinde zum ersten Mal deutschen Boden betreten.
Und tatsächlich ist es zuerst die Erinnerung an eine Idylle, wenn ich an Wennigloh zurückdenke. Nicht einmal 500 Menschen lebten damals dort, und einer davon war meine Großmutter. Sie wohnte in einem kleinen, schiefergedeckten Fachwerkhaus, das drei Zimmer und eine große Küche hatte. In der spielte sich unser Leben tagsüber ab, während für die Nacht das Wohnzimmer zum Schlafzimmer wurde.
Oft lag ich dort abends noch lange wach, wartete darauf, dass eines der seltenen Autos das Haus passierte und das Licht aus seinen Frontscheinwerfern für einen Augenblick den Raum querte, oder lauschte in die Nacht auf den schrillen Pfiff der Dampfloks, den sie mitten auf dem Arnsberger Viadukt zur Warnung abgaben, bevor sie in den Tunnel einfuhren. Bis heute erinnere ich mich genau an diesen Klang. Mit ihm verbindet sich für mich ein Gefühl von unbestimmter Ferne.
Der Krieg kommt in die Idylle
Bis zum Kriegsende blieb das kleine Wennigloh zwar von Bombentreffern verschont. Aber der Krieg war auch in der Fachwerk-Idylle sichtbar, und zwar in Form der schwarzen Tücher, die fast überall an den Außentüren von Häusern auftauchten. Sie erinnerten daran, dass ein Mensch, der hier gelebt hatte, nie mehr in seine Heimat zurückkehren würde, sondern auf einem der Schlachtfelder des verrückten Krieges den Tod gefunden hatte. Viele Wennigloher Familien erlitten in dieser Zeit tiefe Wunden.
Ins Sauerland kam der Krieg im April 1945. Die Westfront schob sich immer schneller vor, sie hatte Aachen und Eschweiler schon im Oktober des Vorjahres erreicht, und würde auch Wennigloh bald einholen. Aus Angst flüchteten wir am 11. April in eine Hütte im Wald, die mein Vater einige Zeit zuvor zusammen mit einem Freund aus Tannenholz und Sechszoll-Nägeln gezimmert hatte. Die riesige Zange, die sie dafür benutzt haben, bewahre ich noch heute auf.
Am Donnerstag, den 12. April 1945, wurde Wennigloh von amerikanischen Truppen eingenommen. Als wir bis Freitagmorgen keinen Gefechtslärm gehört hatten, fassten wir den Mut ins Dorf zurückzukehren. Mein Vater allerdings, der sich dem Krieg hatte entziehen können und sich inzwischen ebenfalls ins Sauerland abgesetzt hatte, blieb fürs erste weiter im Wald.
Es waren also nur Frauen und wir Kinder, die sich auf den Weg machten, der vom Waldrand zu den ersten Häusern von Wennigloh leicht anstieg. Im Dorf angekommen bemerken wir als erstes einen farbigen US-Soldaten, der - ein Bajonett auf sein Gewehr gepflanzt - vor der Tür unseres Nachbarn Schlinkmann Wache hielt. Natürlich waren wir alle sehr verängstigt, doch eine mutige Frau aus unserer Gruppe hatte eine weiße Fahne aus einem Betttuch improvisiert, und die schwenkte sie nun, um unsere Friedfertigkeit zu signalisieren. Ihr Mut wurde belohnt, denn der Soldat ließ uns ohne Probleme passieren.
Vor dem Hause meiner Großmutter hatte ein Panzerspähwagen Stellung bezogen. Vorne hatte er Gummibereifung, hinten Panzerketten, und die Besatzung hatte Äste und Grasbüschel über das gesamte Fahrzeug gehäuft, damit es aus der Luft nicht zu erkennen war. Aus der geöffneten Luke des Führerstands lächelte uns ein ebenfalls dunkelhäutiger Soldat entgegen, der mir den ersten Zuckerwürfel meines Lebens geschenkt hat. Wir müssen wohl einen ganz erbärmlichen Eindruck auf ihn gemacht haben, oder vielleicht er hatte selbst eine Frau und Kinder zu Hause, die er sehr vermisste.
Kriegsspiele nach dem Krieg
Noch im Lauf desselben Tages rückten die amerikanischen Soldaten allerdings schon wieder ab. In Wennigloh witterten sie wohl keine Gefahr, und damit lagen sie natürlich richtig. Zuvor aber hatten sie noch den riesigen Vorrat von Munition, Granaten und Gewehren angezündet, den die deutsche Wehrmacht im Schützenhof gehortet hatte. Tagelang hat es gebrannt wie Zunder und im Minutentakt geknallt, dicke Rauchwolken lagen über unserem kleinen Dorf, und überall roch es nach verbranntem Leder und Stoff.
Als der größte Teil der Ausrüstung verkohlt war, sind wir Kinder - natürlich ohne Wissen der Erwachsenen - zum Schützenhof gegangen. Alles für uns noch Brauchbare wurde gesammelt und in Schuppen und Scheunen versteckt. Wir hatten nun Stahlhelme, Gewehre ohne Schaft, Pistolen mit Munition und Schultertressen aller Dienstgrade. Damit rüsteten wir uns aus, ohne dass uns jemand daran gehindert hätte.
Mit Zangen entfernten wir die Köpfe der Patronen, schüttelten das Pulver auf den Boden und zündeten es in größeren Mengen mit Streichhölzern - die bei uns "Sticken" hießen - an. Meist taten wir das am Wasserturm, weil der Boden hier aus Beton und Kies bestand und deshalb besonders geeignet war, und man von hier außerdem das gesamte Dorf überblicken konnte.
In der Nähe des Wasserturms wohnte mein Freund Lorenz. Seine Mutter war schon längere Zeit tot, und den Haushalt führte Tatjana, eine "Fremdarbeiterin" aus Russland ("Fremdarbeiter" waren Zwangsarbeiter, die aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten verschleppt worden waren, Anm. der Red.). Sie war der Mittelpunkt des Hauses und wir Kinder haben alle sehr an ihr gehangen. Wenn wir nun Werkzeug für unsere "Spiele" brauchten, fanden wir das im Werkzeugschuppen von Lorenz´ Vater. Interessiert hat sich für unser gefährliches Treiben übrigens nie jemand: Unsere Eltern hatten "Wichtigeres zu tun" und die amerikanischen Soldaten unseren Ort bis auf wenige Posten verlassen.
Kabelklau und Abschiedsschmerz
Ein noch gefährlicheres "Spiel" allerdings spielte eines Tages mein Vater, der sein Waldversteck inzwischen verlassen hatte: Ein schwarzes, klebriges Telefonkabel, das sich entlang der Straße quer durch das Dorf schlängelte, hatte es ihm angetan. Er besorgte sich eine Kabeltrommel und mir eine kleine Zange und schickte mich dann ein ganzes Stück entlang des Kabels bis zum Dorfbrunnen, wo ich das Kabel mit der Zange durchkneifen musste. Vater selbst hatte an unserem Haus gewartet und rollte dann das abgeschnittene Kabel auf die Trommel. Bis heute wundere ich mich, dass er nicht riesige Angst hatte, denn wären wir erwischt worden, es hätte kein gutes Ende mit uns genommen.
Später, nach unserer Rückkehr nach Eschweiler, sollte uns das geklaute Kabel gute Dienste leisten: Es machte unseren Haushalt zum ersten in unserer Straße, der wieder Strom hatte. Mit dem Kabel aus Wennigloh legte mein Vater ein komplettes Stromnetz in unser Haus und "zapfte" - was natürlich verboten war - das städtische Elektrizitätsnetz an. Gott sei Dank hat sein Provisorium die Leistung ausgehalten.
Als der Krieg endlich überall in Europa zu Ende war, konnten auch die "Fremdarbeiter" wieder in ihre Heimat zurückkehren. Auch Tatjana, die "Ersatzmutter" von Lorenz, kehrte heim nach Russland. Am Vorabend ihrer Abreise erledigte sie noch einmal alle Hausarbeiten und putzte die Schuhe "ihrer Kinder" Käthe, Cilli und Lorenz. Lorenz und ich sahen ihr dabei zu und waren beide sehr traurig: Wir Kinder konnten nicht verstehen, dass Tatjana schon am nächsten Morgen für immer weggehen sollte.
Wenn ich mich richtig erinnere, war auch Tatjana sehr traurig. Stumm verschwand sie in ihrem Zimmer und machte sich am nächsten Morgen auf die Reise. Ich habe sie nie wieder gesehen, nach diesen Tagen, in denen der Krieg ins Sauerland kam.
Sie versteckten sich in Kellern, Schränken oder Kammern,...
Sie nannten ihn "Onkel Baldrian". Tausende Menschen starben...
Weite Teile Ost- und Mitteldeutschlands waren am 7. Mai 1945...