Mehr als hundert gestörte Telefonleitungen auf einmal? 1973 schrillten im Büro von Fernmeldetechniker Christian Felchow alle Alarmglocken. Schnell machte er ein altes Bleikabel als Ursache ausfindig, kappte es - und geriet so ins Visier des britischen Geheimdienstes.
Plötzlich hagelte es Störungsmeldungen. Bis dahin hatten wir, wie immer bei unserem Sonntagsdienst in der Entstörungsstelle der Westberliner Post, eine ruhige Kugel geschoben. Wir saßen herum und unterhielten uns über das Übliche: den nächsten Urlaub, Autos, Familie. Doch an diesem Sonntag im Jahr 1973 schrillten plötzlich die Alarmglocken. Und alle Meldungen kamen aus dem Bereich der Vermittlungsstelle Lübecker Straße in Moabit.
Meine Kollegen waren ratlos. Sie konnten den Fehler nicht einmessen. Alle Kabel schienen in Ordnung zu sein. Kurz entschlossen machte ich mich auf den Weg zum Verteilersaal in Moabit, um mir vor Ort ein Bild zu machen. 20 Minuten dauerte die Fahrt, dann stand ich in dem riesigen Saal, in dem Tausende von Leitungen zusammenkamen. Ich schaute mir die Kabel jener Nummern an, die eine Störung gemeldet hatten und stellte etwas Merkwürdiges fest: Die Ortsverbindungskabel und Verteilungskabel waren alle ordentlich beschriftet, nur einige alte Bleikabel waren ohne Kennung.
Vergeblich versuchte ich herauszufinden, was es mit diesen alten Bleikabeln auf sich hatte. Auch der Dienststellenleiter konnte mir nicht weiterhelfen. Also knöpfte ich mir die Kabel der gestörten Rufnummern eins nach dem anderen vor und stellte fest, dass sie alle mit einem unbeschrifteten Bleikabel verbunden waren. Also musste hier das Problem liegen. Mit einem Lötkolben bewaffnet entfernte ich die Doppeladern zum "alten" Kabel und schon nach 20 Minuten meldeten sich die ersten Teilnehmer und konnten wieder telefonieren. Ein toller Erfolg.
Verhör in der britischen Militärbehörde
Über hundert Rufnummern hatte ich schon "gesäubert", als sich die Tür öffnete und drei junge Männer hereintraten, die mich in schlechtem Deutsch aufforderten, sofort mit meiner Arbeit aufzuhören. Man zeigte mir Ausweise, die ich noch nie gesehen hatte. Die drei sahen sich mein Werk an und forderten mich auf, sie zu ihrem Fahrzeug - ein Vauxhall - zu begleiten. Wir stiegen ein und fuhren direkt zum Olympiastadion.
Linker Hand vom Hauptportal gab es eine gesonderte Zufahrt zur Britischen Militärbehörde. Die Schranken gingen schnell hoch und auch ein großes Stahltor öffnete sich wie von Geisterhand. Ich wurde in einen Besprechungsraum gebeten und verhört: Wer mich beauftragte, wie ich auf diese Leitungen gekommen sei und warum? Warum?
Ich erklärte ihnen, dass ich nur versucht hatte, die gestörten Leitungen wieder freizubekommen, und dabei auf das gestörte Bleikabel gestoßen sei. Die Briten stellten daraufhin selbst einige Messungen an und bestätigten: Das Kabel war gestört und hatte offensichtlich die anderen Störungen ausgelöst. Nun hatten die Briten ein großes Problem. Wie sollten sie mir erklären, was das Kabel so enorm wichtig für sie machte?
Alle wurden abgehört
Schließlich entschieden sie sich für die Wahrheit und zeigten mir eine sehr große Regalwand mit sehr vielen Tonbandgeräten. Mit Hilfe jenes uralten Bleikabels, über das vermutlich schon die Nazis etliche Anschlüsse angezapft hatten, hörten nun die Briten mit. Alle, die an jenem Sonntag eine Störung meldeten, wurden von den Briten abgehört und die Gespräche auf großen Magnetspulenbändern aufgezeichnet. Ich war sprachlos.
Ich gab den Briten noch ein paar Tipps, wie sie künftig Störungen vermeiden und Fehler eingrenzen konnten, die sie dankbar annahmen. Ein Militärfahrzeug brachte mich schließlich zur Lübecker Straße zurück. Als wir an der Turmstraße vorbeifuhren, bemerkte ich eine Baustelle, die nur provisorisch abgesperrt war. Ich war mir sicher, dass hier die Ursache für das gestörte Bleikabel lag. Vermutlich war es bei den Erdarbeiten beschädigt worden.
Kaum war ich wieder in der Dienststelle, schaute ich nach, wessen Anschlüsse betroffen waren. Und stellte fest: es handelte sich fast ausnahmslos um bekannte Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft. Auch einige Studentenvertreter waren dabei.


