| Im Internat: Wohngebäude der Jugenddorf Christophorusschule Altensteig. In diesem Haus wohnte ich, auf dem Bild bin ich zu sehen. |
Nach der nächtlichen Flucht über die DDR-Grenze und der Befragung durch einen amerikanischen Geheimdienst-Mann in Ludwigstadt kommt Rainer Schinzel über Kronach in das Notaufnahmelager Gießen. Dort steht eine wichtige Entscheidung an: Wie soll es mit der Schule weitergehen?
"Ihr haut alle diejenigen auf die Finger, die ihre Schweineschnauze in unseren sozialistischen Garten stecken wollen. (...) Ihr schießt also nicht auf Bruder und Schwester, wenn ihr mit der Waffe den Grenzverletzer zum Halten bringt. Wie kann der ein Bruder sein, der die Republik verläßt, der die Macht des Volkes verrät, der die Macht des Volkes antastet. Verrätern gegenüber menschliche Gnade zu üben heißt, unmenschlich am ganzen Volk zu handeln."
(Albert Norden, Mitglied des SED-Politbüros und -Zentralkomitees, 1963 zu Angehörigen der Grenzbrigade Berlin. Zitiert nach: Chronik der Mauer)
Nach Kronach zum Jugendamt waren es nur wenige Kilometer zu fahren. Dort erhielten wir unsere Fahrkarten nach Gießen, sowie die Information, daß meine Freundin von dort - nach erfolgter "Einbürgerung" - von ihren Verwandten aus Regensburg abgeholt würde.
Mein Freund war bereits 18 Jahre alt, nach DDR-Recht volljährig, auch in der BRD galt er als volljährig. Der Problemfall war ich: 17 Jahre alt, weder hier noch dort volljährig. Ein Beamter in Kronach sagte mir: "Wenn Deine Mutter einen Antrag stellt, Dich zurückzuschicken" müssen wir das tun. Sie ist die Erziehungsberechtigte."
Würde meine Mutter das tun?
Ermittler bei der Mutter
Ich hatte ihr morgens ein Telegramm geschickt, daß ich gut im Westen angekommen sei. Das Telegramm hat sie nie erhalten, wie sie mir später erzählte, wurde sie von Stasi-Leuten aufgesucht und bedrängt, mich zurückzuholen. Gott sei Dank lehnte sie dies ab, was ihr nicht gerade Vorteile einbrachte.
Was sie mir viel später erzählte, war interessant: Bereits am Sonntagmorgen erschienen zwei "Ermittler" bei meiner Mutter, hatten meine Jacke bei sich und fragten sie, wo ich mich aufhielte. Auf der Stelle begann sie, sich Sorgen zu machten und ahnte, daß irgendwas vorgefallen sei. (Im Internat mussten wir alle Kleidungsstücke mit Namensschildern kennzeichnen, so befand sich auch in meiner Jacke ein Wäscheband mit meinem Namen, das erleichterte die Fahndungsmassnahmen der "Organe" erheblich.)
Die Konversation muß folgendermaßen gewesen sein:
"Wo hält sich denn Ihr Sohn auf?"
"Wo soll er sein! Im Internat!"
"Da isser nich'!"
"Wo isser denn dann?"
"Das wer'n Se früh genug erfahr'n!"
Notfallplan: Frankreich
Mich beunruhigte diese drohende Rückverfrachtung sehr. Was würde ich machen, wenn man mich in die DDR, in die Obhut der Stasi und in die Obhut meiner Mutter zurückexpedieren müsste?
Ich entwickelte einen Notfallplan. Ich würde nach Frankreich weiterflüchten, dort irgendwie "überwintern", bis ich 18 Jahre alt sein würde. Es kam nicht dazu, heute bedauere ich das. Mit Sicherheit hätte ich besser Französisch gelernt, als ich es mir heute zurechtstammele. Oui, bien sûr! In der Schule hatte ich nie Französisch gelernt, nur Russisch und Englisch.
Es gelang uns in Kronach noch, den dortigen Amtsträgern ein Weg- und Zehrgeld "abzuschwatzen", denn bis nach Gießen dauerte es eine Weile. Wir wollten da nicht ausgehungert und verdurstet ankommen. Das sah man ein, gab jedem von uns fünf D-Mark und den Ratschlag, uns dies gut einzuteilen, nichts Unnötiges zu kaufen. Wir versprachen es und kauften uns jeder eine Flasche bayerischen Bieres. Das hatten wir ja bereits kennengelernt.
Zigaretten hatten wir noch in ausreichender Menge, Ami-Zigaretten sogar. Für die Grundbedürfnisse schien gesorgt.
Das Aufnahmelager in Gießen liegt nicht weit vom Bahnhof.
Aus WIKIPEDIA:
"Notaufnahmelager: Gießen (a. d. Lahn), (für DDR-Flüchtlinge)
Das Lager in Gießen wurde 1945 als Durchgangslager für Flüchtlinge und Vertriebene im damaligen Großhessen (heutiges Bundesland Hessen) in der US-Besatzungszone eingerichtet. Im Jahre 1947 wurde es zum Regierungsdurchgangslager für alle Flüchtlinge für das damalige Großhessen. Im September 1950 wurde es in Notaufnahmelager Gießen umbenannt und war nun bundesweit zuständig (Bundesnotaufnahmelager). Im Mai 1986 wurde das Bundesnotaufnahmelager Gießen zur Zentralen Aufnahmestelle des Landes Hessen und erlebte 1989, nach Öffnung der Grenzen zur DDR, einen ungeheuren Ansturm von DDR-Flüchtlingen. Seit 1993 ist die Funktion als Notaufnahmelager eingestellt. Heute ist es Erstaufnahmestelle der Landes Hessen für Ayslbewerber."
Warnung vor den "Nietenhosen"
Als zentrales Aufnahmelager für die gesamte Bundesrepublik für "Ostzonenflüchtlinge" war es sicher bis zum August 1961 (Mauerbau) gut ausgelastet. Als wir im März 1963 dort ankamen, machte alles einen verlassenen Eindruck. Wenige DDR-Flüchtlinge befanden sich dort, sämtliche Dienststellen waren aber noch vorhanden.
Mich beschlich das Gefühl, daß alle dort Beschäftigten, was immer sie auch trieben, froh waren, wieder etwas zu tun zu bekommen. Wir erhielten Laufzettel und waren eifrig damit beschäftigt, Stationen abzuarbeiten. Diesmal lernten wir auch englische Befrager kennen, der katholische Pfarrer gab uns Gutscheine zum Schuhekauf, obwohl wir fest daran glaubten, daß es den lieben Gott nicht gab, (wenn schon nicht für unsere Seelen, so konnte er doch für unsere Sohlen sorgen).
Der evangelische Pfarrer wollte dem nicht nachstehen und gab uns Gutscheine zum Hosen- und Jackenkauf. Er gab uns auch den Rat, keine Nietenhosen zu kaufen, wobei er resignierend bemerkte, daß wir das wahrscheinlich doch täten. Alle täten das. Wir gaben zu, daß wir das auch vorhätten.
Schwarzwald statt Thüringer Wald
Warum uns der Pfarrer von den "Hosen des Klassenfeindes" (so nannten unsere DDR-Lehrer die Blue Jeans oder Nietenhosen) abriet, verstanden wir nicht. Er meinte, damit sei man nicht richtig angezogen. Sie kosteten damals aber auch nur circa 25 D-Mark.
Irgendwann erhielten wir, neben unseren Bundespersonalausweisen, auch ein sogenanntes Eingliederungsgeld von 150 D-Mark, damit konnte man schon wieder einkaufen gehen.
Für mich kristallisierte sich folgende Möglichkeit heraus. Ich könnte eine Internatoberschule besuchen. In welches Bundesland ich denn gehen wolle, wurde ich gefragt. Ich kannte da nun keines genauer, sagte aber, dass mir die Schwarzwald-Gegend zusagen würde, denn ich stellte mir das ähnlich vor wie den Thüringer Wald. Landschaftlich hatte es mir das ja schon gefallen.
Schrottprodukte aus dem Westen
Also Baden-Württemberg. Da gäbe es was Passendes für mich: Christophorusschule Altensteig, ein Gymnasium in der Regie des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland (CJD) mit angeschlossenem Internat. Vom Christlichen Jugenddorf hatte ich noch nichts gehört, Internatsbetrieb war mir aber nicht fremd, schreckte mich nicht.
Ich kleidete mich also auch noch ordentlich ein, kaufte von meinen 150 DM einen Anzug, ein Hemd, einen Schlips, einen Koffer. Der Anzug war preisgünstig, dunkelblau, passte, sah gut aus und taugte überhaupt nichts. Das merkte ich wenig später, als ich damit einmal in den Regen geriet.
Die Hose lief beim Trocknen ein und war dann kürzer, das nasse Jackett hatte mein weißes Hemd stellenweise blau gefärbt. Die Bügelfalte war noch nicht einmal mehr zu erahnen. Was wurde hier im Westen bloß für ein Schrott produziert? Oder hatten sie den günstig aus dem Osten importiert?
Zur "Republikfliucht" verführt?
Einige wenige andere jüngere Zonenflüchtlinge waren ebenfalls noch im Lager Gießen. Wir hatten wenig Kontakt mit ihnen, man hatte uns auch geraten, vorsichtig zu sein. Die Stasi hätte ihre Ohren überall, auch im Westen.vSeltsame "Vögel" waren unter ihnen, zwei kamen nach Erhalt des Begrüßungsgeldes aus der Stadt zurück und zeigten uns stolz ihre Gasrevolver, die sie in einem Waffengeschäft erstanden hatten. Was sie damit wohl anstellen wollten?
Ich hatte andere Sorgen. Meine Freundin war von ihren Verwandten abgeholt worden, wir hatten uns, so kam es mir vor, nicht mal richtig verabschieden können. Schreiben wollten wir uns immerhin. Ihre Verwandten verhielten sich mir gegenüber merkwürdig, als hätte ich die 16-jährige verführt. Zur Republikflucht und was weiß ich, wozu noch. Das war doch alles ihre eigene Entscheidung gewesen, Einzelheiten wurden aber nicht weiter erörtet. Offensichtlich gehörte ich nicht zur Familie.
Dann machte ich mich auf den Weg, meiner schulischen Zukunft entgegen. Nach den Osterferien sollte ich in der 12. Klasse anfangen. Meine mitgebrachten Zeugnisse waren von Nutzen gewesen. Der Einfachheit halber sollte mein Freund Lothar mit dorthin kommen, vielleicht fand sich für ihn auch eine Möglichkeit, die Schule weiter zu besuchen. Er schien davon nicht sehr angetan, kam aber mit.
Was uns erwartete: Die Jugenddorf-Christophorusschule Altensteig. Wie würde der erste Schultag aussehen?
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