Das Öl geht zu Ende, die Wirtschaft stürzt ab, der Zivilisation droht der Knock-out: Mit "Die Grenzen des Wachstums" legte der Club of Rome 1972 die heilige Schrift aller Zukunftsskeptiker vor. Die Computersimulation in Buchform war der erste Öko-Megaseller überhaupt und prägte das gesellschaftliche Klima der Siebziger wie kein anderes Werk.
Input: Ein Topmanager aus Turin, ein Computerpionier aus Nebraska, eine Biophysikerin aus Illinois, 250 000 Dollar, ein 17-Leute-Team, anderthalb Jahre Arbeitszeit. Output: Eine Publikation mit 160 Seiten und 48 Kurvendiagrammen, die zum erfolgreichsten und einflussreichsten Umwelt-Buch nach der biblischen Schöpfungsgeschichte wurde.
Der Ursprung von "The Limits to Growth" - der deutsche Titel lautet "Die Grenzen des Wachstums" - liegt im Jahr 1968, in der goldenen Ära der Zukunftsforschung. Der 1908 in Turin geborene Aurelio Peccei, Chef des Büromaschinenkonzerns Olivetti und der internationalen Beratungsfirma Italconsult, traut den Technikträumen und Wachstumsvisionen nicht. Ihn beschäftigt die Frage, ob die Menschheit mit globalen Herausforderungen wie Übervölkerung und Umweltzerstörung fertig werden kann.
Elitäre Arbeitsgemeinschaft
Im April 1968 lädt er dreißig Wissenschaftler und Ökonomen aus Westeuropa nach Rom in die Accademia dei Lincei, um solche Themen zu diskutieren. Die Debatte endet ergebnislos - doch danach erfolgt im kleinen Kreis die Gründung des "Club of Rome", eine informelle und leicht elitäre Arbeitsgemeinschaft hochrangiger Experten. Peccei ist der erste Präsident, Mitglied wird man durch persönliche Einladung, die Mitgliedzahl darf 100 nicht überschreiten. Das erste Projekt, das im besten Nominalstil nach strukturierten Antworten auf wachsende Komplexitäten und Unwägbarkeiten sucht, ist aber selbst so schlecht strukturiert, dass es auf einer Plenarsitzung in Bern im Juni 1970 zu scheitern droht.
Auftritt Jay W. Forrester: Der Professor vom Massachussetts Institute of Technology (MIT) im amerikanischen Boston ist zehn Jahre jünger als Peccei und ein Kind der Prärie - aufgewachsen war er als Sohn eines Ranchers im US-Bundesstaat Nebraska. Forrester wird Ingenieur, befasst sich zunächst mit analogen Steuergeräten und dann mit den neuen Elektronenrechnern.
Sein "Whirlwind" ist der erste Großcomputer des MIT; der von ihm erfundene Magnetkern-Speicher setzt für zwei Jahrzehnte den Standard in der EDV. 1956 wechselt Forrester zur Betriebswirtschaftslehre und bringt Computer dazu, vernetzte politische und ökonomische Systeme zu simulieren. Dabei treten vielfältige Rückkoppelungen zwischen den Elementen auf, welche die Parameter des Systems absenken oder hochjagen, stabilisieren oder pendeln lassen.
Hungersnöte und industrieller Kollaps
Der Amerikaner sieht, dass diese Rechentechnik das Club-of-Rome-Projekt retten kann, und bietet seine Hilfe an. Der erleichterte Aurelio Peccei erteilt ihm den Auftrag; im Flugzeug nach Amerika skizziert Forrester das Weltmodell "World 1". Das Nachfolgesystem "World 2" ist ausgefeilter, reicht aber für die Ansprüche des Club of Rome immer noch nicht aus. Forrester übergibt das Projekt an den 28-jährigen Dennis Meadows. Der entwickelt mit 16 Mitstreitern aus sechs Ländern - darunter drei Deutschen - das Modell "World 3" und spielt es am Computer durch. Das nötige Geld wird durch das Club-of-Rome-Mitglied Eduard Pestel akquiriert, der als Professor für Mechanik an der Universität Hannover lehrt; ein Gutteil kommt von der Stiftung Volkswagenwerk.
Die Hochrechnungen des MIT reichen von 1900 bis 2100 und untersuchen das Auf und Ab von fünf Werten: Erdbevölkerung, Industrieproduktion, Nahrungsversorgung, Rohstoffvorräte und Umweltverschmutzung. Aus vielen Einzelstudien schält sich eine Erkenntnis heraus: Nur wenn Pro-Kopf-Produktion und Bevölkerungszahl konstant bleiben und der Ressourcenverbrauch auf ein Viertel schrumpft, kann die Menschheit der Katastrophe entgehen. In allen anderen Fällen drohen im 21. Jahrhundert globale Hungersnöte und der Zusammenbruch der Industriekapazität.
Kritik an der "Weltuntergangs-Vision aus dem Computer"
Am 2. März 1972 erscheint in den USA "The Limits to Growth", die 160 Seiten starke Vorabversion des Projektberichts. Autorin ist Donella Meadows, die Ehefrau des Projektleiters. Sie arbeitet seit 1968 bei Jay Forrester am MIT (wie auch wie ihr Mann Dennis), zuvor hatte sie Chemie studiert und in Harvard ihren Doktor in Biophysik gemacht.
Die Reaktion auf das Buch ist zweigeteilt. Die "New York Times" nennt es hohl und irreführend. ZEIT-Journalist Thomas von Randow sieht die "Bombe im Taschenbuchformat" in einem großen Artikel vom 17. März 1972 in der Hamburger Wochenzeitung positiv, während der SPIEGEL vor der "Weltuntergangs-Vision aus dem Computer" zurückschreckt (Heft 21 vom 15. Mai 1972). In der Titelgeschichte von Heft 2/1973 (8. Januar 1973) mahnt das Nachrichtenmagazin, dass ein Wachstumsstopp die Schäden des Fortschritts kaum beheben könne.
Die deutsche Fassung "Die Grenzen des Wachstums", die zwei Monate nach der amerikanischen herauskommt, wird dennoch ein Bestseller. Die Botschaft vom "Nullwachstum" verbreitet sich rasant, und im Oktober 1973 erhält der Club of Rome den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Das Timing hätte besser nicht sein können: Während der Reden anlässlich der feierlichen Verleihung in der Paulskirche kämpfen im Nahen Osten Israelis, Ägypter und Syrer. Und auf den Yom-Kippur-Krieg folgt im Winter 1973/74 in der Bundesrepublik die erste Ölkrise mit autofreien Sonntagen und Tempo 100 auf allen Autobahnen.
Niedergang der Technikbegeisterung
Weltweit wird "The Limits to Growth" in 37 Sprachen übersetzt und mehr als 12 Millionen mal verkauft. Zum einen trifft das Werk den Zeitgeist: Ende September 1971 hatte die Bundesregierung ein Umweltprogramm verabschiedet, im Juni 1972 tagte in Stockholm die erste Umweltkonferenz der Vereinten Nationen. Zum anderen verknüpfte es den Mythos vom allwissenden Computer mit der Aura des Zirkels weiser Männer, als den man den Club of Rome wahrnimmt. In der Bundesrepublik hilft das Buch der noch jungen Ökologie-Bewegung und leitet den Niedergang des technikfreundlichen Flügels der SPD ein.
Kritiker vergleichen "Die Grenzen des Wachstums" bis heute mit den Thesen des Engländers Thomas Malthus, der 1798 einen baldigen Kollaps der Industriestaaten aufgrund von Überbevölkerung voraussah - zu Unrecht, wie man heute weiß. Sie bemängeln außerdem die zugrunde gelegten Daten zur Erschöpfung der globalen Rohstoffvorräte. Neue, beunruhigende Schätzungen der Ölreserven scheinen allerdings gerade in diesem Punkt doch der MIT-Studie Recht zu geben.
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