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| Neues Lebensmotto: Unter dieser befreienden Prämisse begann mein weiterer schulischer Lebensweg in Baden-Württemberg. |
Nach seiner spektakulären Flucht aus der DDR landet der damals 17-jährige Rainer Schinzel 1963 auf einem Internat in Altensteig. Und enttäuscht alle. "Kommunist!", schilt ihn die "Junge Union", "Antikommunist", meckert die Spartakus-Gruppe an der Uni. Nur weil er erzählt, wie er es erlebt hat in der "Zone".
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"Schulbildung schadet niemandem, sofern er sich später die Mühe macht, etwas Ordentliches zu lernen."
Karel Soltan
In Baden-Württemberg mussten wir noch einen Tag im Aufnahmelager Rastatt zubringen, dann ging es endlich weiter nach Altensteig. Das Internat lag oben am Berg. Schöne neue Gebäude, sowohl die Unterkünfte als auch das Schulgebäude. Wir meldeten uns im Sekretariat, meine Eingliederung in den Schulbetrieb schien keine Probleme zu machen.
"Du kommst in die 12. Klasse, wegen deiner Zeugnisse können wir das machen", sagte man mir. Außerdem sei dies die letzte Klasse, in der noch Russisch unterrichtet werde. "Es kommen ja keine Schüler aus der Ostzone nach" - so wurde mir das gesagt. Prima, da hatte ich also die 11. Klasse übersprungen, denn in der DDR war ich ja gerade in der 10. Klasse gewesen. So ein Systemwechsel hatte seine Vorteile!
Herdermedaille in Bronze
Ich wurde zum Direktor gebeten. Ein kleiner, gemütlicher älterer Herr erwartete mich, mit erkennbarer Sympathie für Leute, die aus der Sowjetischen Besatzungszone geflüchtet waren. "Hock Di na", sagte er nach der Begrüßung zu mir. Da er dabei auf einen Stuhl deutete, schloss ich, dass dies eine Aufforderung zum Platz nehmen war.
Auch er ließ sich meinen Hintergrund schildern, fragte dann nach meinen Sprachkenntnissen. "Was für Fremdsprachen kannst Du denn?" Stolz zählte ich auf: Russisch, Englisch, sogar etwas Latein. Ungerührt kam seine Rückfrage: "Kannscht au’ hochdeutsch schwätze?" Mein Thüringer Dialekt, der für ungeübte Ohren wie Sächsisch klang, schien keinen Anklang zu finden. "Du Orschloch", dachte ich bei mir und beschloss, mir meinen Dialekt abzugewöhnen.
Ich bekam ein Stipendium aus Mitteln des Bundesjugendplans, wurde als politischer Flüchtling anerkannt und erhielt den sogenannten C-Ausweis. Dieser hätte mir etwas genützt, wenn ich berufstätig gewesen wäre, denn er schloss Steuerermäßigungen ein. Als Schüler nützte mir dieses Dokument wenig, aufgehoben habe ich es bis heute. In meiner Klasse war ich der Exot. Zwar gab es noch weitere ehemalige Ostzonenflüchtlinge, doch waren die alle mit ihren Eltern in den Westen gekommen, vor dem Mauerbau. Zusammen bildeten wir die Russischklasse. Da war ich zuversichtlich: Meine Russischkenntnisse waren gut, in der DDR war ich mit der Herdermedaille in Bronze bedacht worden - und die bekam nicht jeder.
Was, nicht mal Folter?
Ein Mensch von der Jungen Union meldete sich bei mir. Ob ich nicht Lust hätte, über meine Flucht aus der kommunistischen Diktatur zu berichten und Fragen der Zuhörer zu beantworten. Sie würden einen Abend organisieren. "Man muss die Menschen doch aufklären über die unmenschlichen Zustände in der Zone", sagte der junge Unionist. Selbst dort gewesen sei er aber noch nicht. Deswegen sei es wichtig, eine authentische Stimme von dort zu hören. Ich sagte zu und an besagtem Abend erzählte ich nun die Vorgeschichte und Geschichte unserer Flucht und beantwortete Fragen.
"Nein, gefoltert wurden wir in der DDR nicht, auch wenn wir mal was Falsches sagten. Nein, Hunger leiden musste man in der DDR auch nicht." Und so fort. Einer hatte gehört, dass an einer Schule, wie ich sie besucht hatte, nur Russisch gesprochen werden durfte. Ich musste lachen. Bestimmte Unterrichtsfächer wurden dort zwar in russischer Sprache abgehalten, aber Umgangssprache war Russisch nicht. Und: "Nein, die Lehrer in der DDR waren keine Sadisten. Die meisten waren sogar nett und haben sich sehr um uns bemüht, etwa meine Klassenlehrerin Lisl Urban." Natürlich gab es unter ihnen einige Holzköpfe, Betonköpfe, 150-Prozentige. Vor denen musste man sehr auf der Hut sein.
Doch war das im Westen nicht genauso?
Kommunistische Propaganda
Jedes Mal, wenn ich "DDR" sagte, wuchs die Irritation im Publikum. Im damaligen West-Sprachgebrauch war das verpönt, man sagte Zone, Ostzone, SBZ, Sowjetische Besatzungszone oder Mitteldeutschland. Es machte sich eine gewisse Enttäuschung unter den Zuhörern breit. Man hatte nicht auf uns geschossen, es waren keine Minen detoniert bei unserer Flucht. Das war ja gar nicht so interessant, wie man gehofft hatte. Geduldig versuchte ich, auch die abwegigsten Fragen zu beantworten: Ob es in meinem Russland-Internat eine Gruppe der "Jungen Gemeinde" gegeben habe? Das nun nicht, die hätte aber auch niemand vermisst. Seltsame Vorstellungen hatten manche.
Der Jungfunktionär der Jungen Union zeigte sich im Anschluss von mir enttäuscht. Er hätte nicht erwartet, dass ein Flüchtling aus der Ostzone so offen kommunistische Propaganda betriebe. Ich hatte jedoch nur aus meinen Erfahrungen berichtet, Fragen beantwortet - das sollte kommunistische Propaganda gewesen sein? "Du Arschloch", dachte ich bei mir. Mein Versuch, mir meinen Dialekt abzugewöhnen, zeitigte schon erste Erfolge.
Unnötig, zu erwähnen, dass ich nicht der "Jungen Union" beigetreten bin.
Antikommunistische Propaganda
Später, Ende der 60er Jahre begann ich in Göttingen, Germanistik und Geschichte zu studieren. Ein damaliger Freund war Mitglied des "Spartakus", das war die Hochschulgruppe der Deutschen Kommunistischen Partei. Ihre Mitglieder waren von großem Sendungsbewusstsein beseelt, und er überredete mich, mit zu einem Treffen zu kommen - das interessierte mich! Ich ging mit und wurde mit den Worten präsentiert: "Ich habe heute einen Sympathisanten mitgebracht."
Für meinen Freund gab das wahrscheinlich Pluspunkte. Im Gespräch mit anderen "Spartakisten" kamen wir auf meine DDR-Biographie zu sprechen. Deren Reaktion auf meine Schilderungen war ablehnend: "Wir hätten nicht erwartet, dass Du hier antikommunistische Propaganda machst!"
Unnötig, zu erwähnen, dass ich nicht dem "Spartakus" beigetreten bin.
Lesen Sie auch die vorherige Folge:
Im Notaufnahmelager: Weichen werden gestellt

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