Sie sind das beste Entertainment in einem langweiligen Spiel, werden ausgelacht und bejubelt - und suchen doch nur eines: Popularität für Sekunden. Flitzer in Fußballstadien lassen sich nicht mal durch Strafen beirren: Öffentliche Obszönität ist ihr Spaß im Leben.
Drei sichtlich amüsierte Ordnungshüter in Bobby-Uniformen halten den Übeltäter fest. Einer der Beamten hält seinen Hut schützend über die Körpermitte des Nackten. Gleichzeitig rennt ein älterer Herr mit seinem Mantel herbei, um die Blöße des bärtigen Exhibitionisten komplett zu bedecken, während Hunderte grinsende Zuschauer die ungewöhnliche Szene beobachten.
Das Foto dokumentiert eine Weltpremiere: Der 25-jährige Australier Michael O'Brian war 1974 der wahrscheinlich erste Stadion-Flitzer überhaupt. Bei einem Rugbyspiel zwischen England und Wales in Twickenham rannte er nackt aufs Spielfeld, und das Bild seiner Verhaftung zeigt, was den verbotenen Reiz des "Flitzens" ausmacht: Die ungeteilte Aufmerksamkeit Zehntausender Menschen ist dem Nackten gewiss, und selbst die Beamten haben große Schwierigkeiten, ihr Amüsement zu verbergen.
Auch in Deutschland schaffen es Selbstdarsteller immer wieder, sich mit einem öffentlichkeitswirksamen Spurt im Adamskostüm ein paar Sekunden Sendezeit in der Sportschau zu sichern. Der vielleicht bekannteste deutsche Flitzer ist Ernst Wilhelm Wittig aus Bielefeld, der mit Vorliebe bei Spielen seines Lieblingsclubs Arminia auftritt. Mehr als 76.000 Zuschauer wurden im April 2005 Zeuge, als "Ernie" im Dortmunder Westfalenstadion bis zum Mittelkreis rannte und dort wie ein Bodybuilder posierte, bis ihn die Sicherheitskräfte abführten.
Nacktheit als Kunst?
Während bei den organisiserten Massen-Nackedei-Happenings von Künstlern wie dem US-Fotografen Spencer Tunick der Einzelne in der Menge verschwindet, haben Flitzer in Stadien ein viel größeres Live-Publikum. Ihr Exhibitionismus ist nicht im Voraus mit dem Feigenblatt des Begriffes von "Kunst" abgedeckt und sticht viel stärker heraus. Die Reaktionen der Ordnungshüter gehören dabei genauso zur Inszenierung wie die häufig am Körper angebrachten Mitteilungen an die Außenwelt. Das Spektrum reicht dabei von witzigen Wortspielen bis hin zu Links zur Webseite eines Sponsors.
Der ungekrönte König der Flitzer ist der Brite Mark Roberts aus Liverpool, der schon mehr als 400 öffentliche Auftritte hinter sich hat. Er war bereits in den US-Talkshows von David Letterman und Jay Leno zu Gast und sicherte sich die Rechte an dem Namen "The Streaker", der englischen Bezeichnung eines Flitzers. Höhepunkt seiner Karriere war das Superbowl-Finale 2004, wo er in der Uniform eines Football-Schiedsrichters in die Platzmitte sprintete, dort die falsche Hülle fallen ließ und ein Tänzchen aufzuführen beliebte.
Auch wenn ein Millionenpublikum zusah: Die Show stahl ihm an diesem Abend Janet Jackson, genauer gesagt Jacksons rechte Brustwarze. Denn kurz zuvor hatte die Popsängerin in der Halbzeitpause die zur Prime Time versammelte Fernseh-Nation mit einem Auftritt geschockt, der später als "Nipplegate" berühmt werden sollte. Bei so viel Aufregung um Jackson blieb dem "Streaker" nur eine Nebenrolle unter den Nacktskandalen des Abends. Und ein Bußgeld in Höhe von 1000 US-Dollar. Die Strafe dürfte er jedoch verschmerzt haben, denn die öffentlichkeitswirksame Selbstinszenierung brachte Roberts Werbeverträge mit dem französischen Autohersteller Renault und dem spanischen Fußballclub Atletico Bilbao ein.
Zwischen Schwimmbad-Slapstick und Schulhof-FKK
Roberts, der mit Anfang 20 von der Schauspielschule flog, geht es nicht vorrangig um Exhibitionismus, sondern um die perfekte Zehn-Sekunden-Unterhaltung fürs Publikum. Wer mit der Rückenaufschrift "19th Hole" und einem Pfeil in Richtung Allerwertesten über einen Golfplatz rennt, dem können selbst die über Abwechslung dankbaren Ordnungshüter nicht so recht böse sein. Schon mehr als einmal kam der sympathische Vater von drei Kindern ungestraft davon.
Doch der Provokation, die ein Flitzer auch heute noch auslösen kann, tun solche Heldengeschichten keinen Abbruch. Auf die 15 Sekunden Ruhm folgt gewöhnlich eine Strafanzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Denn die Stadion-Spurter laufen auf einem schmalen Grat zwischen humorvoller Selbstinszenierung und öffentlicher Obszönität über das Spielfeld. Schließlich sind auch Kinder unter den Zuschauern, die das Spektakel traumatisieren könnte.
Manche besonders exhibitionistische Flitzer weiten ihre Aktivitäten auch auf andere öffentliche Räume aus. Moralische Welten liegen zwischen harmloser Nackedei-Komik im Stil von "Mr. Bean im Schwimmbad" und einer überraschenden FKK-Einlage auf einem Schulhof in Bielefeld. Dafür nämlich musste "Ernie" für einige Monate in den Knast.
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