Über einestages

1970-2010

60 Jahre Formel 1

"Es war schick, drei Freundinnen zu haben"


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James Hunt: Niki Lauda nannte ihn den "letzten bunten Hund" der Formel 1 - und tatsächlich war James Hunt (hier mit seiner Frau Suzi beim Großen Preis von Großbritannien in Brands Hatch, 1974) eine Ausnahmeerscheinung. Der zehnmalige Grand-Prix-Sieger rauchte Kette und war auch dem Alkohol nicht abgeneigt - vor allem aber nicht den Frauen. Berühmt wurde sein Rennoverall, auf dem stand: "Sex - Breakfast of Champions". Hunt, der 1976 Weltmeister wurde, starb 1993 an einem Herzinfarkt.

Die Formel 1 der Siebziger und Achtziger galt als glamourös, die Fahrer als Playboys. Motorsportlegende Hans-Joachim Stuck war damals als Pilot dabei. Im Interview spricht er über irre Typen, ihre Girls - und die Angst, die immer mitfuhr.


Hans-Joachim Stuck, 59, fuhr von 1974 bis 1980 in der Formel 1. Der in Garmisch-Partenkirchen geborene Sohn der Rennsportlegende Hans Stuck ging in insgesamt 74 Rennen an den Start und schaffte es zweimal auf das Podium. In den Achtzigern war Stuck, der heute als Motorsportrepräsentant des Volkswagen-Konzerns arbeitet, als Werkspilot und Tourenwagenfahrer sehr erfolgreich, er gewann unter anderem zweimal das 24-Stunden-Rennen von LeMans, wurde Langstrecken-Weltmeister und DTM-Champion 1990. Stuck, genannt "Striezel", bewundert Sebastian Vettel und sorgt sich um die Zukunft der Formel 1. Mit einestages sprach er über Glamour, den Fahreralltag und die großen Tragödien einer Serie, die für Stuck vor großen Umbrüchen steht.

einestages: Herr Stuck, Sie sind 1,91 Meter groß, würden Sie heute noch in ein Formel-1-Auto passen?

Stuck: Bis 1979 ging es problemlos, dann kamen die sogenannten Wing Cars, der Tank wurde von der Seite nach hinten verlegt. Es wurde etwas enger im Auto. Theoretisch aber könnte ich wieder fahren, es gibt ja eine Cockpit-Mindestgröße.

einestages: In den frühen Jahren der Formel 1 mussten die Fahrer nicht allzu sehr auf ihr Gewicht achten. Wie war das zu Ihrer Zeit?

Stuck: Als ich 1974 in die Formel 1 kam, war die Fitness schon längst ein Thema. In diesen Jahren konnte man nicht mehr abends in Massen Rotwein trinken oder Schweinshaxen essen. Man hat schnell gemerkt, dass Konzentration und Kondition zusammenhängen. Ich kann mich jedenfalls an keinen Dicken erinnern, nur an gut trainierte Fahrer.

einestages: Angeblich hatten Sie damals schon einen Fitnesstrainer.

Stuck: Aber nicht für mich allein. Der damalige Rennleiter Jochen Neerpasch fing schon 1972 an, uns bei Ford mit dem Eisschnellläufer und ehemaligen Olympiateilnehmer Günther Traub trainieren zu lassen. Jeder Fahrer bekam sein Programm und musste auch selbständig arbeiten. Heute ist es natürlich viel extremer. Formel-1-Fahrer haben ihre eigenen Trainer, sie sind fester Bestandteil im Leben jedes Einzelnen.

einestages: Was hat sich außerdem geändert?

Stuck: Der Einzug der Telemetrie, also der Datenaufzeichnung, in den achtziger Jahren war entscheidend. Vorher hatte man die ganzen Informationen in seinem Popometer…

einestages: ...wo?

Stuck: Im Hintern, der Verbindung zwischen Auto und Straße. Diese gefühlten Werte wurden dann an den Ingenieur weitergegeben. Heute gehen die Fahrer nach jedem Training dreieinhalb Stunden Datenaufzeichnungen durch. Wenn das Training vorbei ist, fängt die Arbeit erst an.

einestages: War Erfahrung damals entsprechend wichtiger?

Stuck: Natürlich, der Fahrer selbst musste wesentlich mehr einbringen. Nicht zu vergessen: Man hatte keinerlei Vergleichsmöglichkeiten mit seinem Teamkollegen. Wenn ich den gefragt habe, ob ich eine Kurve im fünften Gang voll fahren kann und der log mich an, bin ich rausgeflogen. Die Möglichkeiten heute machen die Arbeit und auch den Konkurrenzkampf auf der einen Seite transparenter - aber auch schwieriger. Die Zeitabstände betragen ja keine fünf Zehntel mehr, sondern nur noch Tausendstel oder Hundertstel.

einestages: Worin unterscheidet sich denn heute ein sehr guter von einem guten Fahrer überhaupt noch?

Stuck: Gar nicht. In der Formel 1 gibt es nur noch sehr gute Fahrer. Geben Sie allen Fahrern die gleichen Materialien zur gleichen Zeit unter den gleichen Bedingungen - und alle fahren die gleichen Zeiten. Es sind die weltbesten Piloten.

einestages: Sie selbst hatten die Chance, 1979 vom durchschnittlichen Shadow-Team zum neuen Williams-Rennstall zu wechseln, haben es aber nicht getan. Warum?

Stuck: Das stimmt, ich hatte sogar schon Sitzproben im Auto gemacht. Aber ich wäre der zweite Fahrer gewesen und hätte mich bei jedem Rennen in einer Vorqualifikation durch das Feld kämpfen müssen. Ich hätte außerdem weder ein Reserveauto gehabt noch testen können. Und bezahlt hätte Frank Williams auch nichts. Dann kam das Angebot von Günther Schmidt, dem Chef des ATS-Teams, dort war ich einziger Fahrer, hatte zwei Autos zur Verfügung und verdiente viel Geld. Im Nachhinein war es ein Fehler, aber die sind ja da, um gemacht zu werden.

einestages: Wo ist eigentlich der ganze Glamour hin, die wilden Partys und die Fahrer wie James Hunt, die auch Playboys waren?

Stuck: Es ist so schwer, alte und neue Zeiten zu vergleichen. Wir hatten sicher unseren Spaß, es war ein wildes Leben. Wir waren damals mit Anfang dreißig alle noch nicht verheiratet und es war schick, drei Freundinnen dabei zu haben. Wir waren tolle Rennfahrer und hatten tolle Hasen dazu. Heute sind die Fahrer schon mit Anfang zwanzig in festen Beziehungen.

einestages: Die Partys waren sicher auch wilder.

Stuck: Davon können Sie ausgehen. Aber als Michael Schumacher in die Formel 1 kam, fing auch das Zeitalter der privaten Formel-1-Übertragungen an. Wenn man zu meiner Zeit einmal ins ZDF-Sportstudio eingeladen wurde, war man der König. Heute wird auch das Privatleben der Fahrer auf allen Sendern bis ins kleinste Detail durchleuchtet. Da hatten wir es etwas einfacher. Es gab nämlich noch eine Privatsphäre.

einestages: Und mehr Freundschaften unter den Kollegen?

Stuck: Klar. Ein Nico Rosberg kann heute nicht mehr zu Ferrari gehen und dort einen Kaffee trinken, das wäre undenkbar. Eigentlich schade. Bei uns war das gang und gäbe. Es gab noch keine Motorhomes, man saß einfach in einem Café an der Strecke mit Fittipaldi und hat Backgammon gespielt. Allerdings hat sich in den vergangenen zwei Jahren eine Gruppe junger Fahrer wie Robert Kubica, Adrian Sutil und Rosberg gefunden, die spielen immer Poker zusammen. Da baut sich vielleicht gerade etwas auf.

einestages: Bernie Ecclestone ist der Impresario der Formel 1, er hat sie zu einem Milliardenunternehmen gemacht und ist selbst ebenfalls reich geworden. Sie haben ihn bei Brabham noch als Teamchef kennengelernt. Was hatten Sie für einen Eindruck?

Stuck: Bernie war schon immer ein Visionär, und ihn als Chef zu haben, war ein tolles Erlebnis. Er weiß genau, was er will. Für ihn zu fahren war zwar stressig, brachte aber auch jede Menge Spaß. Und wenn du bei ihm einen guten Job gemacht hast - egal ob als Fahrer oder Mechaniker -, dann bist du in seinem Herzen, solange du lebst. Wenn er mal das Zepter abgibt, dann geht’s mit der Serie erstmal bergab.

einestages: Sie haben Angst um die Formel 1?

Stuck: Ich kann nur sagen, dass Bernie sich langsam Gedanken um seine Nachfolge machen muss. Das wäre wichtig für die Zukunft der Serie.

einestages: Musste man in den siebziger Jahren noch Angst haben, in ein Auto zu steigen?

Stuck: Die Statistik der Toten spricht eigentlich für sich. Ich hatte glücklicherweise vor den Rennen nie Angst, die kam dann im Rennen. Trotzdem habe ich, wenn ich an Rennsonntagen aus dem Zimmer ging, meine Sachen immer ordentlich hingelegt.

einestages: Warum das?

Stuck: Damit es aufgeräumt war, wenn man nicht vom Rennen zurückkam. Die Angst fuhr wesentlich häufiger mit als das heute der Fall ist.

einestages: Der größte Schock für die Formel 1 der vergangenen zwanzig Jahre war sicher der Unfalltod von Ayrton Senna am 1. Mai 1994.

Stuck: Senna war ein halbes Jahr vor seinem Tod Audi-Vertragshändler geworden, ich selbst war damals in Diensten von Audi und wir haben in Sao Paulo die ersten Niederlassungen eingeweiht. Am 28. April hatten wir noch einen lustigen Abend in München, und drei Tage später war er tot. Ich war auch einer von denen, die Sennas Sarg in Sao Paulo getragen haben. Das war sicher die bewegendste Beerdigung, die ich jemals mitgemacht habe. Das Bild der Hunderttausenden Menschen, die damals Anteil nahmen, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

einestages: Senna war ein König in Brasilien, auch wegen seines sozialen Engagements.

Stuck: Er war tatsächlich sehr sozial eingestellt, vielleicht wie kein zweiter. Und mit ihm konnte man auch Spaß haben. Gerhard Berger, Senna und ich sind mit einem Hubschrauber geflogen, und Berger warf plötzlich einfach Sennas Aktenkoffer aus 300 Metern Höhe raus. Wir sind auch mal in sein Hotelzimmer, haben alle seine Sachen in die Badewanne gelegt und Wasser darüber laufen lassen. Und das waren noch die harmlosen Sachen.

einestages: Sein großer Rivale Alain Prost galt hingegen als spröde, als Perfektionist.

Stuck: Prost kannte tatsächlich auch das letzte kleine Detail seines Autos und konnte so alles herausholen. Schon Lauda hatte die Formel 1 umgekrempelt. Schumacher hat das später weiter perfektioniert, und Sebastian Vettel treibt es heute auf die Spitze. Er macht lange Streckenbegehungen und hat immer ein kleines Büchlein dabei, in dem jeder Gullideckel aufgeführt ist. Das hat er auch als Formel-BMW-Nachwuchsfahrer schon gemacht, zusammen mit seinem Vater.

einestages: Vettel ist die deutsche Zukunft der Formel 1. Aber wie sieht die Zukunft der gesamten Serie aus?

Stuck: Wir stehen vor einem großen Umbruch. Wahrscheinlich werden in nicht mal zehn Jahren Elektroautos in der Formel 1 fahren, oder eben Rennwagen mit alternativen Antrieben. Die Autos müssen umweltfreundlicher werden. Leider werden sie dann auch leiser. Was man aber bei all der Anpassung an das Notwendige nicht vergessen darf: Die Formel 1 fasziniert auch deshalb, weil sie so laut ist.

Das Interview führte Christian Gödecke

Zum Weiterlesen:



Eckhard Schimpf: "Stuck: Die Rennfahrerdynastie." Delius-Klasing-Verlag, 2010, 183 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


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