Sie warfen mit Steinen und sympathisierten mit linken Gewalttätern: Maoisten, Trotzkisten und Anarchisten galten als eingefleischte Achtundsechziger. Dabei waren sie nur unbedeutende Randgruppen - sagt Johano Strasser. Echte Achtundsechziger gingen in die SPD. Wie er.
Über die Studentenbewegung und die Achtundsechziger ist unendlich viel geschrieben worden, das meiste über den zahlenmäßig eher unbedeutenden, aber wegen der spektakulären Aktionen und der martialischen Rhetorik besonders auffälligen Teil, der später dogmatische Kleinstparteien und sektiererische Zirkel bildete oder in die Gewalt abdriftete.
Zuweilen wird von ehemaligen Protagonisten der Bewegung der Eindruck erweckt, ein richtiger Achtundsechziger sei seinerzeit entweder Maoist oder Trotzkist oder Anarchist gewesen, habe Steine auf Polizisten geworfen, mit der RAF oder den Roten Zellen sympathisiert und bestenfalls Mitte der siebziger oder Anfang der achtziger Jahre gemerkt, dass er auf dem falschen Dampfer ist, habe sich dann flugs in einen braven Verfechter der parlamentarischen Demokratie verwandelt und damit das Recht erworben, jungen Leuten, die sich heute politisch engagieren wollen, schulterklopfend gute Ratschläge zu erteilen.
Ich halte von solchen legitimatorischen Legenden wenig, weil ich mich nur zu gut daran erinnere, dass Fehlentwicklungen und dogmatische Verengungen innerhalb der Bewegung selbst von Anfang an kontrovers diskutiert wurden. Es kann keine Rede davon sein, dass die Achtundsechziger insgesamt, naiv und unerfahren wie sie waren, mehr oder weniger zwangsläufig zur Beute dogmatischer Heilslehren und eines simplen Freund-Feind-Denkens wurden. Die große Mehrheit von ihnen sprach sich dezidiert gegen Gewalt als Mittel der Politik aus und begab sich auf einen Weg der Reformen.
Wunsch nach mehr Action
Für mich und Tausende anderer führte dieser Weg in die SPD. Den letzten Anstoß für meinen Eintritt in die Partei gab eine Demonstration gegen die Notstandsgesetze, die im Sommer 1967 in Mainz stattfand. Die Demonstration war, wie in Mainz üblich, ohne gewaltsame Zwischenfälle verlaufen und sollte nach den Vorstellungen der Organisatoren, zu denen auch ich gehörte, vor dem Stadttheater mit einer kurzen Kundgebung enden. Als wir aber den Theaterplatz erreichten, machten sich einige aus Frankfurt hinzugestoßene Aktivisten daran, das Mainzer Stadttheater, in dem gerade Paul Linckes Operette Frau Luna gegeben wurde, zu stürmen.
Die friedlich Gesonnenen bildeten eine Kette und versuchten die Randalierer daran zu hindern, die Türen des Theaters einzudrücken. Das war nicht einfach, denn der eher ereignislose Verlauf der Demonstration hatte offenbar bei vielen den Wunsch nach mehr Action erzeugt. In diesem Augenblick trat der Intendant des Theaters auf den Plan und rief: "Diskussion!" Der Elan der Angreifer erlahmte augenblicklich, denn die Forderung nach Diskussion war damals so etwas wie der kategorische Imperativ.
Charleys Tante
Also wurde diskutiert. Auf einem Podest, das noch von den Feiern zur Johannisnacht stehen geblieben war, standen die Organisatoren der Demonstration dem Intendanten gegenüber. Die Vorsitzende des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der Universität, die dem Sozialistischer Deutscher Studentenbund (SDS) angehörte, sprach zuerst. Mit scharfen Worten verlangte sie von dem Intendanten Rechenschaft für das verdummende und niveaulose Programm, das er seit Jahren dem Publikum vorsetze.
Der Intendant hörte geduldig zu, nickte ein paar Mal, und als er endlich zu Wort kam, sagte er, dass er selbst auch lieber ein anspruchsvolleres Theaterprogramm bieten würde, ihm aber dafür das Publikum fehle. So habe sich der AStA der Universität, der seines Wissens von lauter kritischen Studentenorganisationen getragen werde, als Sondervorstellung für die Studentenschaft Charleys Tante gewünscht. Ich stellte daraufhin den Antrag, unter diesen Bedingungen doch lieber von der Erstürmung des Theaters abzusehen. Es kam dann tatsächlich zu einer gütlichen Einigung. Es wurde vereinbart, dass zehn Vertreter der Demonstranten nach der Aufführung auf die Bühne gehen sollten, um das Publikum über die Notstandsgesetzgebung zu informieren.
Irgendetwas lief schief
Als wir nach dem Schlussapplaus die Bühne betraten, blieb das überraschte Abonnementspublikum sitzen und hörte sich geduldig an, was wir zu sagen hatten. Keine Proteste, keine Fragen. Womöglich glaubten die Menschen da unten im Parkett, unser Auftritt gehöre noch zum Programm. Als sich nach zwanzig Minuten immer noch nichts tat, die Theaterbesucher immer nur verständnislos, aber freundlich zur Bühne blickten, traten wir einigermaßen irritiert ab.
Irgendetwas, das war mir klar, war falsch gelaufen. Unsere Vorstellung von diesen Menschen, die soeben Frau Luna gesehen hatten und die wir partout über die von den Notstandsgesetzen ausgehende Gefahr für die Demokratie aufklären wollten, war offenbar völlig irrig gewesen. Was waren das für Menschen? Wie lebten sie? Konnte es sein, dass für sie ganz anderes wichtig war als für uns? Mir wurde schlagartig klar, dass wir nicht zu und mit den Menschen sprachen, sondern im Grunde ein Selbstgespräch führten. Und dass wir dieses Land nur würden verändern können, wenn wir das Raumschiff Universität verließen und uns zur Erkundung der Realität aufmachten.
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