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Jugend in der DDR Ausfahrt ins Feindesland



10 Debattenbeiträge zu diesem Thema

Letzter Beitrag:

Siegfried Wittenburg

2. August 2010, 14:11
@ Thorsten Goldberg

Es wurde ein junger Sachse in ein Dorf nach Mecklenburg geschickt, um Hochdeutsch zu lernen. Nach sechs Wochen sächselte das ganze Dorf.

Ja, der sächsische Dialekt ist sehr hartnäckig, vor allem weil auch Walter Ulbricht so nuschelte: "Niemand hat die mehr...

Siegfried Wittenburg
28. Juli 2010, 12:15
An der Ostsee lebend und jeden Sommer von Berlinern und Sachsen massenweise „heimgesucht“, konnte ich am Ende jeder Saison perfekt berlinern und sächseln. Umgekehrt verstand niemand von den Berlinern und Sachsen unsere „Weltsprache“ Niederdeutsch. Das zum Thema „Fremdsprachen“.

Dass Dresden farbloser als Berlin gewesen sein sollte, ist sicher von individuellen Wahrnehmungen beeinflusst. Politisch bedingt waren die Gebäude in Berlin Mitte nicht so von der Umweltverschmutzung in Mitleidenschaft gezogen wie in Dresden, Leipzig und anderen Industriestädten, aber die „Farbenfreude“ scheint nur dem Buntfernseher zu entstammen. Außerdem wurden damit überwiegend Westprogramme empfangen, außer vielleicht „Ein Kessel Buntes“ oder „Klock Acht achtern Strom“, womit wir wieder bei unserer „Weltsprache“ sind. Dort ging es recht farbenfroh zu, existierte in Wirklichkeit aber gar nicht. Es waren Kulissen. Potemkinsche Dörfer.

In Dresden konnte kein Westfernsehen empfangen werden und man nannte diese Stadt das „Tal der Ahnungslosen“. Doch das ist ein Vorurteil, der von einigen arroganten Berlinern in die Welt gesetzt sein könnte, denn diese brauchten nur einen nassen Schnürsenkel aus dem Fenster hängen und hatten alle westlichen Werbespots und Sportprogramme zur Verfügung. Wir an der Küste mussten schon meterlange Antennen auf den Dächern montieren und technischen Aufwand betreiben, um die „Tagesschau“ und den „Rockpalast“ zu sehen.

Es gab auch Radioprogramme, die generell ohne Farbe die Menschen sehr gut informierten. Diese Radioprogramme wurden im gesamten Ostblock gehört und erzielten mehr Wirkung als der Buntfernsehempfang in Ostberlin. Das war auch in Dresden der Fall. Ich erlebte dort eine Kultur, die ich anderswo im Osten nicht fand. Außerdem sprechen die Dresdner für mein Empfinden einen sehr kultivierten Dialekt, aber wer ist befugt, darüber zu urteilen?
Siegfried Wittenburg
28. Juli 2010, 14:00
Noch etwas fiel mir auf, was aber dem DDR-Museum in Berlin anzulasten ist: Es wird auf den Fotos vermittelt, dass es in der DDR vorrangig standardisierte Schrankwände gab, die ein Fach für den Fernseher hatten, womit man Erich Honecker, die Staatsmacht und das Volk unablässig jubeln sehen konnte.

Davon abgesehen, dass die Mehrheit der Menschen in der DDR trotz äußerlichen Jubels Westfernsehen guckte, also eher Helmut Kohl vom Bildschirm winken müsste, kenne ich nur sehr wenige Leute, die einen dieser Schrankwände mit Fernsehfach besaßen. Meistens waren es Leute, die in Staatsnähe arbeiteten.

Viele andere Menschen haben sich, so gut es ging, individuell eingerichtet. Da wurden der Schrank und die Kommode von der Oma aufgemöbelt, die Petroleumlampe und die antike Standuhr gepflegt, nur um eine persönliche Note in den Einheitsstil zu bekommen. Die Schrankwände standen zwar massenhaft in den Möbelhäusern herum, aber allein das ist schon ein sicheres Zeichen, dass sie kaum jemand gekauft hat.

Hatte man die Gelegenheit, aus irgendwelchen Gründen bei diesen staatsnahen Bürgern im standardisierten Wohnzimmer auf der Couch zu sitzen, machte sich ein beklemmendes Gefühl breit. Nein, so wollte man ganz gewiss nicht leben.
Peter Degenkolb
29. Juli 2010, 13:13
Ich war und bin selbst Anhänger von Dynamo Dresden und habe in Dresden zu DDR Zeiten studiert. Der Autor hat alles vorzüglich beobachtet. Selbst die Stimmung, die zum damals legendären Spiel herrschte, ist vortrefflich wiedergegeben.
Bereits zum Kartenvorverkauf an der Alten Reitbahn herrscht Voksfeststimmung. Drei Tage vor dem Beginn des Vorverkaufs lagerten dort die Menschen. Wir hatten vor Ort als Studenten in Schichten angestanden und so noch einen halbwegs ordentlichen Platz ergattert udn behauptet. Allerdings lief den Vorverkäufern alles außer Kontrolle, als am Tag vor Beginn des Verkaufs die Massen in das Gelände der Kassen hereingelassen wurden. Es wurden dann ein Areal abgesperrt und wir versuchten selbts zu verhindern, dass immer mehr Menschen vor die Kassen strömmten. Die Polizei stellte notdürftig ein paar Scheinwerfer auf. Und entschied, damit nicht alles außer Kontrolle geriet, schnellst möglich noch in der Nacht die Kassen zu öffnen. Dieser Entschluss war natürlich falsch. Und so kam, was kommen musste, als gegen Morgen die Kassen öffnen sollten, kam es zu unkontrollierten Bewegungen. Eine ungeheuere Welle von Menschen rollte über uns hinweg. Menschen wurden gegen Drahtzäune gedrückt, verloren den Boden unter den Füßen, wurden im Schlaf niedergewalzt. Die Polizei war machtlos. Wir verleißen überstürzt das Gelände und kauften aus Protest keine Karten. Die musset ich mir dann auf dem Schwarzmarkt für 60 OStmark besorgen. Inoffiziell wurde von Toten und Verletzten gesprochen, was ich mir gut vorstellen kann. Die Junge Welt schrieb in ihrem Artikel, dass es zu Auseinadersetzungen mit den "Ordnungsorganen" kam und das so glaube ich, die Menge alkoholisiert war. Das stimmte und stimmte auch wieder nicht. Irgendwie hatte dann das berühmte Spiel gegen Stuttgart eine faden Beigeschmack. Obwohl 36.000 im Stadion für die berühmte Stimmung sorgten.
Ralf Hübner
29. Juli 2010, 15:35
Sehr gut und witzig geschrieben!

Zu einer kollektiven Freundschaft zwischen Berlinern/Preußen und Dresdnern/Sachsen wird es wohl niemals kommen, egal welche Staatsformen gerade vorherrschen.

Was mich aber bei dem Thema DDR - Dresden/Sachsen immer am meisten ärgert, ist, dass heutzutage furchtbar extrem sächsisch sprechende Leute als Synonym für die DDR herhalten müssen.

Erstens ist diese extreme Form des "sächsischen" Dialektes fast nur im Raum Leipzig anzutreffen, in den anderen Teilen ist das wesentlich entschärfter bzw. gibt es da die wesentlich verbreitetere erzgebirgische und oberlausitz/niederschlesische Mundart.
Zweitens war die zentralistische DDR in fast allem auf Berlin geeicht. Wenn es überhaupt etwas Luxus und Komfort in der DDR gab, dann in und um Berlin. Der Rest der Republik war vereinfacht gesagt dazu da, dass zu erwirtschaften, was in Berlin konsumiert und dargestellt wurde.
Gerade dazu passt die hier geschilderte Geschichte mit dem Farbfernseherkauf eigentlich überhaupt nicht. In 99% der Fälle fuhr der gemeine nicht Berliner-DDR-Bürger gen Berlin, um außer Brot und Selters etwas zum erwerben!

So haben also ein paar Berliner auch noch neben "heiligen" Dynamokarten einen von wohl 50 für den Bezirk Dresden vorgesehenen Farbfernseher "geraubt".
Wobei die Dynamokarten wesentlich schlimmer sind, denn wie geschrieben konnte man im Tal der Ahnungslosen (=oberes Elbtal) auch mit einer 50 m Hilfs-Antenne kein Westfernsehen empfangen.

Zuletzt..., die chaotischen Zustände beim Einlass von Dynamo Dresden gibt es auch 20 Jahre nach der Wende noch...

Ralf Hübner
Jupp Schmitz
29. Juli 2010, 18:39
Bin zwar wessi, aber vielleicht interessieren ja die Dresdner und Berliner meine Frühjahr 1989 in beiden Städten produzierten Momentaufnahmen

http://www.youtube.com/watch?v=vY3mG8CLeBY
http://www.youtube.com/watch?v=N5uXikr3aNE
http://www.youtube.com/watch?v=4b-lLIRmZoE
Siegfried Wittenburg
30. Juli 2010, 11:29
Ich habe mir die Videos angeschaut. Das waren die Schokoladenseiten der DDR!
Siegfried Wittenburg
30. Juli 2010, 11:33
"Was mich aber bei dem Thema DDR - Dresden/Sachsen immer am meisten ärgert, ist, dass heutzutage furchtbar extrem sächsisch sprechende Leute als Synonym für die DDR herhalten müssen."

Keine Sorge. Das ändert sich in wenigen Generationen.
Thorsten Goldberg
31. Juli 2010, 19:40
»Das ändert sich in wenigen Generationen.«

Leider wird eher das Gegenteil der Fall sein. Wenn meine Generation nicht mehr da ist (ich bin ganz gegen Ende der DDR erwachsen geworden), werden nur die Klischees bleiben. Und »Ossisprache = Sächsisch« ist eins der Hartnäckigsten.
Thorsten Goldberg
31. Juli 2010, 19:45
Die Formulierung »der einzige Ort zwischen Rügen und Fichtelgebirge« hört sich für meine Ossi-Ohren komisch an. Geografisch kommt das sicher hin, aber da das Fichtelgebirge (ganz überwiegend) in Bayern liegt, wurde es zu DDR-Zeiten in diesem Kontext nicht benutzt. Gängig waren Formulierungen wie »zwischen FichtelBERG und Rügen/Kap Arkona«, »zwischen der Ostsee und dem Vogtland« u.ä.
Siegfried Wittenburg
2. August 2010, 14:11
@ Thorsten Goldberg

Es wurde ein junger Sachse in ein Dorf nach Mecklenburg geschickt, um Hochdeutsch zu lernen. Nach sechs Wochen sächselte das ganze Dorf.

Ja, der sächsische Dialekt ist sehr hartnäckig, vor allem weil auch Walter Ulbricht so nuschelte: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Das ist in die Geschichte eingegangen und alle Eingeschlossenen mussten mitleiden und sich unterordnen. Die Mauer hat dann ein Saarländer gebaut, der den schwierigen Begriff "Deutsche Demokratische Republik" nicht richtig aussprechen konnte. Vor allem hatte er ein Problem mit der Demokratie. Außerdem stellte er seine Hosenträger zu straff ein, dass die Anzughose zu kurz wirkte. Zum Glück gehört nun nicht zum Klischee, dass alle Ostdeutschen "Hochwasserhosen" tragen.

Ostdeutsche Männer konnte man auch lange daran erkennen, dass viele ihre Krawatte kurz banden und in den Jeans keine Gürtel trugen. Ebenso konnte man die westdeutschen Männer daran erkennen, dass sie ihre Krawatten lang banden in den Jeans Gürtel trugen.

Das mit dem Fichtelgebirge stimmt. Man sagte auch "Zwischen Kap Arkona und dem Fichtelberg".

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