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1989

20 Jahre Love Parade

"Wir donnerten unseren Sound in die Stadt"



4 Debattenbeiträge zu diesem Thema

Letzter Beitrag:

Kolja Beckmann

1. Juli 2009, 21:47
Lieber Dr. Motte, vielen Dank für die Love Parade!
Es stimmt, die Love Parade brachte einen völlig neues Selbstverständnis in die Techno-Bewegung.
Plötzlich zog durch die Stadt von wo aus beschämend auch für meine junge Generation einst Hitlers Panzer und Stukas sich mehr...

Jens Degenkolb
1. Juli 2009, 14:25
Als ich den Bericht hier gelesen habe, lief mir ein prickeln durch den Körper....unvergessliche Momente kamen wieder in mir hoch. Es ist zwar schade das es die Loveparade in Berlin nicht mehr gibt, aber diese Momente kann einem keiner mehr nehmen......Danke Dr.Motte!!

FRIEDE FREUDE EIERKUCHEN

Jens
Oliver Hölcke
1. Juli 2009, 14:31
Ich bin im Frühjahr 89 von Hamburg nach Berlin gezogen und war extrem enttäuscht über die langweilige House-Szene in Berlin. Ausser der kleinen Turbine und vielleicht dem noch viel kleinerem Krk in der Motzstraße gab es nichts, wo man gut und anständig auf Acid-house feiern konnte. In Hamburg dagegen gab es schon seit Ende 87, Anfang 88 eine florierende House-Szene. Vorreiter in allem das schwule "Front" am Berliner Tor. Da hat Boris Dlugosch angefangen und einfach das beste Zeugs aufgelegt. Legendär auch die Donnerstags-Partys im Grünspan auf dem Kiez. Ich selber habe meinen 25.Geburtstag im August 88 in einem gemieteten Club (das "Camelot" auf dem Hamburger Berg) als Acid-Party veranstaltet. Daraufhin haben wir wochenlang Dienstags dort Party gemacht. Vorher fand im Camelot öfters die Flirt-Box statt. Nach New Yorker Vorbild wars das Club im Club-Prinzip, das nirgendswo so perfektioniert und wild ausgenutzt wurde wie auf dem Hamburger Kiez.
Was die Hamburger aber nicht können, das ist auf der Straße feiern.. das ist peinlich. Deswegen haben wir die erste Love-Parade auch nur von weitem angeguckt, weil es ja eigentlich auch nur die Geburtstagsparty von Motte war... Neidlos mußten wir eingestehn, dass die angemeldete Demo mit dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" schon ziemlich klasse war. Ein Seitenhieb auf die damals vorherrschende politische Demonstrationskultur, mit der wir so gar nichts anfangen konnten. Wir bauten uns auf den Partys unsere eigene Parallelwelt, in der wir glücklich und friedvoll miteinander umgingen ohne dafür uns großartig in PArteien oder Bürgerinitiativen engagieren zu müssen. Die Welt draussen war feindlich. Wir drehten uns in unserem Kosmos ohne an Zukunft, Karriere oder Sozialversicherung zu denken. Die glücklichen Momente waren, wenn wir den einen speziellen Beat, die abgefahrene Bassline zusammen fühlten. Natürlich spielten chemischen Hilfsmittelchen ein große Rolle. Das Leben sollte genauso minimal sein wie der Beat. Keine komplizierten Zusammenhänge, so wie wir es von den politisierten, verkopften Hippies oder den 80er karrieregeilen Yuppies kannten, sondern ein befreites Loslassen völlig dadaistisch.
Natürlich war uns wichtig wer wo auflegte, aber der Charme lag darin, dass der DJ sich nicht wichtig nahm, eher im Hintergrund war und Platten von Künstlern auflegte, die sich für jede Platte völlig unprätentiös einen neuen Fantasienamen gaben. Auf den Platten war oft kein Label, weil nicht der kommerzielle Wiedererkennungswert wichtig war, sondern die Musik an sich. Das kam alles später, als die Masse den "Techno" entdeckte.
Ich bewundere die Leute, wie z.B. Motte, die den Weg, diese Parallelwelt nie verlassen haben und dadurch die andere reale Welt als DJ auch kennen gelernt haben. Nur so konnte man weitermachen. Eben als DJ oder Partymacher. Ich mußte halt die Schattenseite der Partywelt kennen lernen, die Mitte der 90er härter, anonymer und gnadenloser wurde. Schließlich bin ich als Partygänger ausgestiegen.
Alexander Zutt
1. Juli 2009, 20:35
never forget the secrets?! hehe ;-)
Kolja Beckmann
1. Juli 2009, 21:47
Lieber Dr. Motte, vielen Dank für die Love Parade!
Es stimmt, die Love Parade brachte einen völlig neues Selbstverständnis in die Techno-Bewegung.
Plötzlich zog durch die Stadt von wo aus beschämend auch für meine junge Generation einst Hitlers Panzer und Stukas sich noch vor 50 Jahren über die Welt hermachten eine Parade der Liebe. Blumen statt Panzer! Neohippies statt Piefkes! Ein neues Symbol für das neue friedliche geeinte Deutschland. Ein Symbol das groß genug war überall auf der Welt wahr genommen zu werden. Waren die Deutschen jetzt ganz verrückt geworden ? Nein, sie zeigten nur, dass es Lebensfreude auch hier gibt - sogar außerhalb des Oktoberfestes.

Das hatte den Deutschen keiner zugetraut. Panzer oder Weißwurst ja, aber eine Liebesparade ? Wen interessiert(e) schon auf der anderen Seite des Teiches der 1000. weltweite Karneval oder der - sehr lobenswerte - Berliner CSD ? Ehrlich? Nicht wirklich jemanden - zu mindestens medial nicht.
Ich würde behaupten, auch die meisten Deutschen wüssten nicht, was z.B. wann in Paris passiert oder ob überhaupt - und das ist unser geschätztes Nachbarland.

Aber die Love Parade ist einzigartig mit weltweiter Aufmerksamkeit. Ein Symbol zu der Künstler und Fans aus aller Welt anreisen und an dem wir teilnehmen konnten und vielleicht auch wieder können.
Sie war/ist auch ein Zeichen für eine neue Musik: Techno fühlten wir als Alternative zum kommerziellen industriell organisiertem und fabrizierten Popgenudel der End-Achtziger. Die uninspirierten Jammerballaden der Industrie wurden durch die energiegeladene Wucht der Bassdrum und Synthesizer ersetzt.
Die Love Parade machte darum Berlin vielleicht zur europäischen Hauptstadt der Musik, Liebe und Innovation.

Wenn da nicht die HerrInnen Schildbürger gewesen wären: Verspielt wurde dieses Spektakulum wohl durch Menschen aus Verwaltung oder Politik, welche die wahre Ausstrahlung und Bedeutung dieser Veranstaltung nicht erkannt haben. Erbsenzähler, Paragrafenreiter, Tiergartenschrebergärtner waren noch nie ein guter Nährboden für Innovation.
Berlin hat nicht gesehen, dass die Love Parade ein neuer Karneval in Rio hätte werden können (und vielleicht noch werden kann) - allerdings ein wirkliches Original und keine hundertste Kopie, die es auch anderswo gibt. Ein Original, das seine Wurzeln in Berlin hat. Doch der Volksmund hat recht: Der Prophet zählt zu oft nichts im eigenen Lande. Anstatt sich auf die eigenen Stärken zu besinnen, läuft man fremden Perlen hinterher und sägte die eigene Liebesparade ab. Das ist auch eine Art Kurzsichtigkeit zu demonstrieren.
Meine Forderung: rollt der Love Parade den roten Teppich aus! Auch in Deutschland darf man lernen, die Dinge nicht erst postum zu ehren, sondern schon zu Lebzeiten. Und auch, dass man die eigenen Errungenschaften in Liebe gerne pflegen darf, auch wenn man sie nicht versteht. Denn das ist aber gerade der Sinn und das Wesen einer Innovation.
In Zeiten in denen Berlin laut Wikipedia im Bankenskandal 1,7 Milliarden großspurig verprasst hat, das entspricht ohne Zinsen 1700 Jahren Vollfinanzierung der Love Parade, bzw. über 21 Milliarden dort verbürgt, dieses entspricht Kosten für die Love Parade rückwärtsgerechnet bis in die Steinzeit, könnte man die Erbsenzähler bemitleiden, die ein weltweites Aushängeschild mit einer Mischung aus Ignoranz, Phantasielosigkeit, Unverständnis, Piefketum und Gleichgültigkeit oder Unfähigkeit verspielen. Es wäre so (oder zu) einfach gewesen einen Stempel zu geben.
Darum lieber Dr. Motte und Schaller raucht die Friedenspfeife und bringt diese wunderbare Erfindung auch wieder mal nach Berlin. Die Fans werden es Euch danken.

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