Über einestages

1986

Das Grauen der Lappen

Mein Führerschein



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Ein Morgen im "Café Angst": "Es war ein grauenhafter Tag, der nie hätte so früh beginnen dürfen, weil der Tag zuvor einfach nicht enden wollte. Denn Oktoberzeit ist der Beginn der kurzen Bockbierzeit. Als junger Mensch war ich süchtig nach dieser süßen Brühe - getrunken wurde, was das fragile Körperchen vertrug. Manche dieser Nächte frästen tiefe Gedächtnislücken ins Gehirn, die ersten Stunden der Folgetage erlaubten allenfalls geringfügig qualifizierte Tätigkeiten. Eine Führerscheinprüfung zählt definitiv nicht dazu. Noch heute erinnere ich das Gesicht, das ich nach der süßen Bockbiernacht morgens im Spiegel ansichtig wurde: Eine kalkweiße Maske mit zwei rubinrot-funkelnden Knöpfchen links und rechts der Nase. Es waren die Augen. Die Mutter tat alles, um ihren Erstgeborenen stark zu reden, braute einen Kaffee, der eine Armee tagelang wach gehalten hätte und schickte mich zur Straßenbahn. Darmstädter Führerscheinprüflinge versammelten sich schon damals in einer Bäckerei mit Kaffeeausschank - 'Café Angst' genannt. Es gibt wohl nicht viel Schlimmeres in unserer zivilisierten Welt als diese Minuten vor der Fahrprüfung. 'Gerth, Sie sind der Erste.' Der Prüfer hätte auch sagen können: 'Welche Art der Hinrichtung darfs denn sein?' Ich wählte einen Mitsubishi Colt Diesel. Geboten wurde mir dafür die Tempo-30-Route - was für ein Segen. Jede höhere Geschwindigkeit wäre an diesem Morgen nicht zu kontrollieren gewesen, eine mörderische Autobahnfahrt hätte ich freiwillig abgesagt oder wäre spätestens nach der sicheren Massenkarambolage abgebrochen worden. Also mit 30 (manchmal noch langsamer) durchs Altbauviertel schleichen, rechts vor links beachten, irgendwie die Augen aufhalten. Dass ich beim Rückwärtseinparken nicht meinen und den Außenspiegel des stehenden Wagens abgefahren habe war reines Glück. Für den Prüfer war ich spätestens jetzt nicht mehr wert als eine Küchenschabe, nur das Strafgesetzbuch hinderte ihn wohl daran, mich sofort zu erwürgen. Gegen 9.45 Uhr entstieg ich dann dem Colt, irgendwie benommen, begleitet von einer Tirade des Prüfers. Es fielen die Vokabeln 'asozial', 'am liebsten noch mal antreten lassen', 'Frechheit'. Meine Fahrlehrerin, eine goldblonde Literaturwissenschaftlerin, muss innerhalb wenigen Sekunden diesen Satan verzaubert haben. 'Na gut, bestanden.' Staksiger Gang zurück ins 'Café Angst', man reichte mir einen Kugelschreiber, da lag das Dokument, 'hier bitte, unterschreiben', ich krickelte meinen Namen dahin, nahm diesen granitfarbenen Lappen, taumelte zur Straßenbahn, daheim gabs einen Kuss von Mutter - und am Abend freies Bockbier für die Kumpels.


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