
Die Aktivisten um den Atomphysiker und Dissidenten Andrei Sacharow, die 1988 in Moskau die Gesellschaft MEMORIAL (russisch "Mahnmal") ins Leben riefen, hatten zwei Anliegen: Zum einen wandten sie sich gegen das Verschweigen der dunkelsten Seite der sowjetischen Geschichte. Damit wollten sie besonders die unzähligen Opfer der Stalinschen Gewaltherrschaft ¿ und auch die Opfer politischer Willkür späterer Jahrzehnte ¿ dem Vergessen entreißen. Dahinter stand zweitens aber auch die Überzeugung, dass eine lebendige und freie Gesellschaft auf einen offenen Umgang mit der Geschichte angewiesen ist. Mit ihrem Protest gegen die hermetisch geschlossene Sicht auf die sowjetische Geschichte wollten die Gründer von MEMORIAL dazu beitragen, dass der Reformprozess der "Perestrojka" in einer freien und offenen Gesellschaft münden würde.
In zahlreichen lokalen Zweigen in Russland und anderen postsowjetischen Staaten widmet sich MEMORIAL drei Aufgaben: Neben der historischen Aufarbeitung politischer Repressionen ist dies die Aufdeckung gegenwärtiger Menschenrechtsverletzungen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sowie das Anliegen, juristische und soziale Rechte von überlebenden Opfern des Stalinismus und der post-stalinistischen Willkürherrschaft zu wahren.
MEMORIAL Deutschland e.V. wurde zu Beginn der 90er Jahre gegründet, um die Arbeit der russischen MEMORIAL-Organisationen materiell zu unterstützen. Angesichts der gemeinsamen Erfahrung einer totalitären Vergangenheit widmet sich MEMORIAL auch in Deutschland der Aufarbeitung deutsch-russischer (beziehungsweise deutsch-sowjetischer) Geschichte. Der deutsche Zweig von MEMORIAL beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte ehemaliger deutscher Häftlinge in sowjetischen Lagern sowie dem Wirken von Geheimdienst und sowjetischem Militär in der DDR.
MEMORIAL Deutschland engagiert sich seit Jahren für die Einrichtung und den Erhalt der Gedenkstätte "Ehemaliges KGB-Gefängnis" in der Potsdamer Leistikowstraße: Der Verein erstellte die Ausstellung von "Potsdam nach Workuta", dokumentiert die Erlebnisse ehemaliger Häftlinge und veröffentlicht Dokumente und Forschungsergebnisse. Seit Sommer 2007 wird die Gedenkstätte vom Land Brandenburg gefördert, eine neue Dauerausstellung ist in Arbeit.
Einen wichtigen Beitrag zur historischen Aufarbeitung des sowjetischen GULAG-Lagersystems leistet MEMORIAL mit dem Internetportal www.gulag.memorial.de und der zugehörigen CD-Rom. Detailliert ist die geographische Ausdehnung des Lagersystems mit umfangreichem Kartenmaterial dokumentiert. Per Mausklick erhält der Leser Informationen über die einzelnen Lager, illustriert mit Fotos aus dem Lageralltag, Zeitzeugenberichten ehemaliger Häftlinge, Dokumente aus der Lagerhaft sowie Zeichnungen und Gedichten der Inhaftierten.