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DDR-Unterrichtsstunde: Zur Aufzeichnung von Unterrichtsstunden war im Aufnahmeraum der Humboldt-Universität Berlin in der sogenannten "Kommode", Unter den Linden 9, ein komplettes Klassenzimmer eingerichtet worden. Das Foto entstand um 1978. Rund 30 Jahre später wurden Filmaufnahmen aus dieser Zeit wiederentdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
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Inquisitorische Gespräche, Denunziation, Propaganda: Jahrelang war über die Lehrmethoden an DDR-Schulen nur wenig bekannt. Jetzt geben Unterrichtsmitschnitte aus den siebziger Jahren Einblick - und offenbaren unerwartete Praktiken.
Über den Schulunterricht in der DDR wird wieder viel geredet. Solch schlechte PISA-Ergebnisse hätte es in der DDR nicht gegeben, überhaupt sei das Schulsystem der Einheitsschule in Ostdeutschland vorbildlich gewesen, weil niemand sozial benachteiligt worden sei - meinen die einen. Die anderen betonen vor allem die ideologische Indoktrinierung der Schüler durch die DDR-Pädagogik. Die Erinnerungen von Zeitzeugen sind bekanntermaßen nicht sehr zuverlässig, weil standortabhängig. Lehrpläne und Unterrichtshilfen sagen nur aus, wie der Unterricht sein sollte, nicht wie er war. Einblicke in den konkreten DDR-Unterricht gibt es bislang nicht.
Die jüngste Veröffentlichung von DDR-Unterrichtsstunden, die in den siebziger und achtziger Jahren zu Forschungszwecken mitgeschnitten worden waren, ist deshalb eine kleine Sensation.
Aufnahmestudio "Kommode"
Vor vier Jahren waren an der Berliner Humboldt-Universität rund 100 Filme zu verschiedenen Unterrichtsfächern in unterschiedlichen Klassenstufen und Schulformen aufgetaucht. Aufgenommen worden waren sie in einem eigens dafür eingerichteten Aufnahmestudio der Universität, Unter den Linden 9, in der sogenannten "Kommode". Doch so, wie sie aufgefunden wurden, waren die Aufnahmen nicht brauchbar. Die Abspieltechnik war nach der Wende an der Universität entsorgt worden. Da es in den siebziger Jahren noch keine Standards für Videotechnik gab, schien es somit fast ausgeschlossen, ein geeignetes Gerät zum Abspielen der Bänder zu finden.
Schließlich gelang es doch. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft half, den Fundus an 1-Zoll-Videobändern der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Material wurde auf internetkompatible Formate überspielt. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung (DIPF) entstand beim größten pädagogischen Portal Deutschlands eine Videodatenbank zum Schulunterricht in der DDR, die jetzt eröffnet wurde.
Bedrohungslage im O-Ton
Einer der aufgefundenen Filme zeigt eine Geschichtsstunde aus dem Jahr 1977. Das Thema: "Sicherung der Staatsgrenze am 13. August 1961". Die Lehrerin will mit den Köpenicker Schülern die Leitfrage bearbeiten, weshalb der Bau der Berliner Mauer ein Beitrag zur Sicherung des Friedens war. Für die im Lehrplan vorgeschriebene Unterrichtseinheit wird eine Schallplatte des DDR-Verlages SCHOLA eingesetzt. In der Manier der TV-Propagandasendung "Schwarzer Kanal" suggeriert der Beitrag mit Versatzstücken von O-Tönen westdeutscher Politiker eine akute Bedrohungslage. Die DDR habe sich nur noch durch den Bau der Mauer wehren können und den Imperialisten so "die Grenzen ihrer Macht" aufgezeigt...
Der Ausschnitt findet sich auf einer DVD, die das Medieninstitut FWU und die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben haben. Es war es gelungen, die Schüler und Lehrer des Mitschnitts zu identifizieren und zu interviewen. Doch der Fund ist noch weit umfangreicher.
Einige der Unterrichtsstunden muten an, als seien sie als Musterstunden konzipiert und durchgeführt worden. In einer Aufzeichnung - einer Biologiestunde zum Skelettbau der Vögel - wird eine Szene sogar leicht verändert wiederholt. Die Lehrerin gibt Regieanweisungen, erklärt, wer sich jetzt zu melden habe. Zumindest für diese Stunde lässt sich eine bewusste Inszenierung nachweisen.
Dokumentierte Denunziation
Andere Aufzeichnungen werden wegen großer Disziplinprobleme vorzeitig abgebrochen. Eine Lehrerin kann mit dem Unterricht erst gar nicht beginnen und das, obwohl den Schülerinnen und Schülern bewusst ist, dass sie gefilmt werden. Es sind Fehler von Schülern, aber auch von Lehrern dokumentiert. So werden z.B. undisziplinierte Schüler genau von der Kamera beobachtet. Danach findet ein inquisitorisches Gespräch mit der Schulpsychologin statt, das auch von der Kamera dokumentiert wird. Einige Szenen machen einen sehr spontanen Eindruck, Lehrerinnen und Lehrer gehen frei auf die Diskussionen der Schüler ein.
Viele Stunden werden ausschließlich im Frontalunterricht durchgeführt. Andere Aufzeichnungen dokumentieren dagegen den keineswegs mit DDR-Pädagogik assoziierten Gruppenunterricht.
Mit dem jetzt erschlossenen Videomaterial kann das Schulsystem der DDR in seiner ganzen Ambivalenz erfahren werden. Von der Integration aller in dieses System - die gerade nach den PISA-Ergebnissen wieder entdeckt wurde - bis hin zur Exklusion und von einem Lehrer in der Klassendiskussion beförderten Denunziation einzelner Schüler als Streber finden sich Zeugnisse auf diesen Bändern.
Mit dem Filmmaterial wird es nun möglich, zum ersten Mal auch Unterrichtsaufzeichnungen aus West- und Ostdeutschland miteinander zu vergleichen, was das Ziel eines Folgeprojekts sein wird.
Zum Video: Mauerbau im DDR-Schulunterricht
Die Sammlung Kindheit und Jugend des Stadtmuseums Berlin zeigt bis Ende Januar 2008 eine Ausstellung zum Thema "Schule in der DDR".
Weitere Informationen:
Das Forschungsprojekt von Henning Schluß, Michael Kraitzitzek und Julia Meike
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