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1994-1997

Milliardenbetrüger Jürgen Schneider Der Gauner mit der weißen Weste


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In den Bau: Das Ehepaar Jürgen und Claudia Schneider nach seiner Festnahme beim polizeilichen Erkennungsdienst in Miami, Florida. Der Frankfurter Bauunternehmer hatte bei seiner Flucht aus Deutschland am 6. April 1994 einen Schuldenberg von rund sechs Milliarden DM hinterlassen. Ihm wurde vorgeworfen, für die größte deutsche Immobilienpleite verantwortlich zu sein.

Er wirkte seriös und verlässlich - und war ein beispielloser Betrüger: Jürgen Schneider richtete mit frisierten Immobiliengeschäften einen Milliardenschaden an. Vor zehn Jahren wurde der Baulöwe in einem spektakulären Prozess verurteilt. Doch Schuld war er nicht allein. Von Hasnain Kazim


Sie mochten ihn alle. Ein Mann mit sonorer Stimme, freundlich, aber bestimmt, nur gelegentlich herrisch, mal im Pullunder, mal im Anzug, aber immer mit Krawatte, eine akkurate Erscheinung. Ein Mann, der zu seinem Wort steht. Verlässlich, glaubwürdig, mit weißer Weste - so wirkte er. Dr. Utz Jürgen Schneider war lange der Liebling deutscher Banker. Viel zu lange. Sie ließen sich blenden von seiner Erscheinung, sie gaben ihm immer neue Millionenkredite - und sie trugen damit zu einem der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Nachkriegszeit bei.

Am Ende seines jahrelangen Glücksrittertums hatte der Immobilienunternehmer aus dem hessischen Königstein über fünf Milliarden Mark Schulden angehäuft: Kredite, die ihm Banken bewilligt hatten, ohne die von Schneider geplanten Investitionen genauer zu überprüfen. Mit vorgetäuschten Mieten, Scheinrechnungen, gefälschten Unterschriften und frisierten Immobilienplänen erschlich er sich das Vertrauen der Kreditinstitute.

Die Tricks hatte der studierte Bauingenieur in der Firma seines Vaters gelernt: "Als Novize im Baugeschäft war ich zunächst über das Ausmaß des alltäglichen Betrugs entsetzt, beruhigte mich aber, sobald ich verstand, dass er üblich und sogar notwendig war." Diese Erkenntnis brachte Schneider nach ganz oben - und dann nach ganz unten.

Showdown in Miami

Als seine Betrügereien im Frühjahr 1994 durch einen Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ruchbar wurden, setzte sich Schneider gemeinsam mit seiner Ehefrau in die USA ab. Er musste damit rechnen, dass nun all die absurden Verträge überprüft würden. Zu diesem Zeitpunkt hatte er längst den Überblick über sein Imperium verloren. In einem Brief an die Deutsche Bank warnte er noch vor seiner drohenden Zahlungsunfähigkeit - und überwies sich vor seiner Flucht selbst noch rasch 245 Millionen Mark auf ein Schweizer Konto.

Erst im Mai 1995 spürten Ermittler ihn in Miami auf. Die Fotos des zerzausten alten Mannes mit sonnengegerbter Haut gingen um die Welt. Im Februar 1996 wurde Schneider nach Deutschland ausgeliefert und kam in Untersuchungshaft.

Was folgte, war ein langes Leiden - vor allem für die deutsche Bankenszene. Im wohl spektakulärsten Wirtschaftsprozess der Bundesrepublik vor dem Frankfurter Landgericht wurde zwar in erster Linie Schneider angeklagt, namentlich wegen Betrugs, Kreditbetrugs und Urkundenfälschung. Doch vor den Augen der Republik stand auch die Sorglosigkeit, ja Unfähigkeit mancher deutscher Finanzinstitute am Pranger. Mehr als 50 Zeugen sagten in dem Mammutverfahren aus. Schneider legte ein Teilgeständnis ab und verwies auf die Mitverantwortung der Banken. Dann schwieg er mehrere Tage lang und trieb Richter Heinrich Gehrke so zur Weißglut. Vor zehn Jahren, am 23. Dezember 1997, fällten die Richter ihr Urteil und verdonnerten den Pleitier zu sechs Jahren und neun Monaten Gefängnis. Kritikern zufolge war das noch ein zu mildes Urteil angesichts des Milliardenschadens, den Schneider angerichtet hatte.

Deutschlands größter Darlehensnehmer

Schneider hatte das Geld in Prachtbauten und historische Immobilien in innerstädtischen Bestlagen sowie in aufwändige Sanierungen investiert. Darunter waren bundesweit bekannte Bauten: Das Kurfürsteneck in Berlin, der Frankfurter Fürstenhof und die Zeilgalerie sowie die Mädler-Passage und der Barthels Hof in Leipzig erstrahlten in neuem Glanz.

Das Problem war nur: All diese Gebäude waren nur drei Milliarden Mark wert und brachten viel weniger Miete ein als Schneider den Banken zugesichert hatte. Um seine defizitären Bauten zu finanzieren und neue Kredite zu bekommen, startete der Baulöwe immer neue Projekte. Am Ende gehörten Schneider 168 Objekte, er war Deutschlands größter privater Immobilienbesitzer - und zugleich größter Darlehensnehmer. Die erhofften Rekordgewinne blieben jedoch aus.

Schneider gab sich während des Prozesses und auch danach davon überzeugt, er habe das Bild vieler deutscher Städte durch einmalige Bauten geprägt. Doch ein Teil des Geldes, das ihm die Banken gaben, verschwand in seiner Tasche. "Ich bin kein Unschuldslamm und habe viele Fehler gemacht, die ich heute bereue", sagte er während seiner Untersuchungshaft. Aber er deutete damit an: Auch andere haben sich zu verantworten - allen voran die Banken.

"Flucht bei Nacht und Nebel"

"Wo hat es so etwas in Deutschland schon einmal gegeben, dass ein einzelner Privatmann, der praktisch aus dem Nichts auftauchte, binnen einer kurzen Zeitspanne zu einem der größten Häuserbauer und -besitzer aufsteigt, mit einem attestierten Nettovermögen von fast 5000 Millionen Mark, finanziert von einem halben Hundert deutscher Banken?", schrieb Richter Gehrke in die Urteilsbegründung. "Und der dann, nach dem unvermeidlichen Crash, bei Nacht und Nebel mit 245 Millionen flieht, ein Firmendesaster hinterlässt - und natürlich eine eindrucksvolle Phalanx der namhaftesten deutschen Geldinstitute, die wie begossene Pudel dastehen und sich krampfhaft, zum Teil unter Benutzung zweifelhafter Wortspiele, für ihre Gutgläubigkeit und ihr Versagen zu rechtfertigen suchen."

Nach Ansicht des Frankfurter Landgerichts trugen auch die Banken eine Mitschuld an der milliardenschweren Pleite. Die Bankiers handelten sorglos, fahrlässig, vielleicht auch dumm: Sie übernahmen blind die in Schneiders Kreditanträgen angegebenen Zahlen und gaben ihm Geld, darunter die NordLB, die BHF Bank oder die Deutsche Bau- und Bodenbank. Alle bemühten sich um den Kunden Schneider, wollten ihn keinesfalls der Konkurrenz überlassen und liehen ihm insgesamt Milliardensummen, die er nie wieder zurückzahlen konnte.

"Wie der Hauptmann von Köpenick hat der Spekulant - im strengen Gewand des seriösen Geschäftsmannes - die Öffentlichkeit genarrt und die Obrigkeit, in diesem Fall die Banken, dem Gespött der schadenfrohen Menge preisgegeben", schrieb der SPIEGEL im Sommer 1996. Schneider habe bewiesen, dass "Frechheit, wenn ihr Anspruch nur hoch genug ist, in der Tat siegt".

"Peanuts" wurde zum Unwort

Größter Geldgeber Schneiders war die Deutsche Bank. Ihr damaliger Chef Hilmar Kopper erlangte bittere Berühmtheit, als er unbezahlte Handwerkerrechnungen aus Schneiders Geschäften in Höhe von 50 Millionen Mark als "Peanuts" abtat - die Bank erlitt einen erheblichen Imageschaden, "Peanuts" wurde zum Unwort des Jahres 1994 gewählt. Für viele Handwerker wurde aus der Schneider-Affäre ein existentielles Problem: Sie blieben auf ihren finanziellen Schäden sitzen. "Dass ich die Handwerker zu hart behandelt habe, tut mir heute noch leid", sagte Schneider in einer Vernehmung.

Er verließ das Gericht als Freigänger. Im Dezember 1999 hat er seine Strafe verbüßt. Heute lebt Schneider, inzwischen 73 Jahre alt, mit seiner Frau in München. Das schlechte Gewissen plagt ihn offenbar: Die Erlöse aus seinen inzwischen drei Büchern fließen in einen Hilfsfonds für jene Handwerker, die er einst geschädigt hat.


Debatte

insgesamt 2 Beiträge zur Debatte
Peter Grolig am 23. Februar 2013, 22:52
Herr Schneider (und nicht wie irrtümlich im Artikel per Foto dargestellt) hat Banken um Milliarden abgezockt. Das war für uns damals sehr unverständlich, kassieren...

Daniel Schneider am 3. Januar 2008, 19:00
Die unglaubliche Schneider-Story würde übrigens auch in einer wunderbaren Komödie (u.a. mit Ulrich Mühe, Iris Berben und Rufus Beck) entsprechend...


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