Über einestages

1941-1943

Ostfront Attacke um jeden Preis


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Schlacht um Rschew: Panzergrenadiere der 6. Panzerdivision wehren im März 1942 bei Rschew einen sowjetischen Angriff ab. Nachdem Stalin die Wehrmacht im Winter 1941 von Moskau zurückdrängen konnte, gab er die Devise aus, den Deutschen nun "keine Atempause mehr zu geben". Stalin startet massive Gegenoffensiven, darunter auch im Raum Rschew. Über 15 Monate wurde hier in mehreren Schlachten gekämpft. Sowjetische Historiker gehen neuerdings von bis zu zwei Millionen Toten aus.

Blutiger als Stalingrad: Bei Rschew lieferten sich Wehrmacht und Rote Armee monatelang erbitterte Stellungskämpfe. Stalin drängte zur rücksichtslosen Offensive, um die Deutschen einzukesseln. Hitler musste erstmals einen Rückzug befehligen - dann wurde Rschew auch für einen russischen Kriegshelden zum Fiasko. Von Christian Neef


Ich bin vor Rschew gefallen, in feuchten Niederungen. Der Angriff war uns allen so plötzlich aufgezwungen. Sind's Jahre, die ich liege? Vor wie viel Tagen, Wochen hat man in diesem Kriege von Stalingrad gesprochen? Alexander Twardowski

Er hatte mich vorgewarnt. "Sie werden das Dorf nicht finden", hatte Anatolij Projdakow gesagt. "Ich komme Ihnen entgegen."

Und so sitzt er an diesem Morgen wartend in seinem kleinen Niwa-Geländewagen gleich hinter der Brücke über die Wolga, dort, wo die Straße wenige hundert Meter weiter nach Rschew hineinführt. Rund 200 Kilometer westlich von Moskau.

Was gleich aus zwei Gründen bewundernswürdig ist: Es ist Projdakows Geburtstag. Und: Er ist 80 geworden.

Seine Warnung war völlig berechtigt. Wir fahren von der Fernstraße ab und durch die Dörfer nach Norden, nirgendwo gibt es Wegweiser, und bald schon hört der Asphalt auf. Es ist neblig, Wiesen und abgeerntete Felder sind in schmutziges Braun getaucht, nach Osten hin fallen sie zur Wolga ab.




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Plötzlich stoppt Projdakow, steigt aus und zeigt auf ein zerfallenes Haus jenseits der Felder: "Dort war früher das Dorf Kolesnikowa, dort haben die Deutschen meinen Vater und meine Schwester erschossen, 20 war sie. Am 19. April 1942."

Er sagt es ohne jede Bewegung in der Stimme, steigt wieder ein, zehn Minuten später sind wir am Ziel. Maloje Pischalino ist ein kleiner Weiler inmitten von Kieferwäldern.

"Links hier: das Haus eines zugereisten Moskauer Zollbeamten, eines Neureichen" - Projdakow beginnt, sein Dorf vorzustellen -, "und dort rechts bei den drei Birken war früher die Banja. Dort haben sie meine Mutter umgebracht. Sie haben sie vergewaltigt, ihr dann die Zähne ausgeschlagen, die Hände gebrochen und sie mit vier Bajonettstichen getötet. Kommen Sie, die Geburtstagsgäste sind gleich da."

Was ist in einem vorgegangen, der so, im Vorbeigehen, über den Tod seiner Familie reden kann? Und der es schafft, an einem Ort zu leben, an dem ihn Tag für Tag die Erinnerung an diese Schrecken einholen muss?

"Es war ein Übergriff", sagt Projdakow fast entschuldigend, "die Deutschen selbst haben die Mörder hingerichtet. Ich hatte Glück, eine Tante rettete mich."

Links liegt Projdakows Haus, er hat es lange nach dem Krieg gebaut, von seinem Elternhaus ist nichts geblieben. Tatsächlich warten die Gäste schon: Wladimir Petrowitsch Miroschnitschenko, 86, ein ehemaliger Frontkämpfer, ist da, Walentina Trubinowa, 70, vom Moskauer Veteranenkomitee und der "Posten Nr. 1" aus Rschew, Schüler, die die Ehrenwache am dortigen Kriegsdenkmal stellen.

Die Jugendlichen singen, einer liest laut, aber teilnahmslos eine Grußadresse an den "tapferen Frontkämpfer Anatolij Iwanowitsch Projdakow" vom Blatt, die Veteranen aus Moskau überreichen Urkunde und Ehrenabzeichen.

Denn auch Projdakow ist damals noch in den Krieg gezogen, er war gerade mal zwölf Jahre alt. Das 781. Artillerieregiment der 215. Division der Roten Armee nahm den elternlosen Jungen auf, als "Sohn des Regiments". Der Kindersoldat Projdakow trug Waffe und Uniform, er brachte Post in die vorderen Linien und wurde dann Adjutant des Regiments.

Nach wortreichen Trinksprüchen steht der Veteran Miroschnitschenko auf und sagt etwas, das selbst die Jungen aufhorchen lässt. Er hat in der 215. Division gedient, an seiner Jacke hängt das Abzeichen "Wir werden siegen" mit dem Stalin-Porträt, daneben der Orden "Roter Stern" und einer "Für die Einnahme Königsbergs" - des heutigen russischen Kaliningrad.

Warum, fragt Miroschnitschenko in die Runde, sei nicht auch Rschew nach dem Krieg zur sowjetischen Heldenstadt ausgerufen worden? In dem so schwer umkämpften Ort stehe seit dem Krieg keine einzige der früher 20 Kirchen mehr und kaum noch ein Haus, das älter als 65 Jahre ist. "Rschew hätte als allererste den Titel verdient."

Mit seiner knöchrigen Hand zeigt der Alte zum Fenster hinaus: "Hier tobte die blutigste Schlacht des Großen Vaterländischen Krieges, wir mussten hier die Stellung halten, um jeden beliebigen Preis." Miroschnitschenko ruft es erregt, als wüssten es die Alten nicht längst. "Da draußen liegen die Toten noch immer in mehreren Schichten, in Moskau aber haben sie die Schlacht zu einer Kampfhandlung von örtlicher Bedeutung herabgestuft."

Warum, fragt einer der Jungen?

"Sie wollten nicht über unsere Verluste reden. Vom 618. Regiment zum Beispiel - und das waren tausend Mann - überlebten nur der Koch und der Pferdewärter."
Stalingrad kennt jeder, wer jedoch kennt Rschew?

Tatsächlich verkörpert Rschew in weit größerem Maße die Tragik jenes Krieges, der im Juni 1941 mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion begann. Rschew ist ein Symbol für Heldenmut, aber auch eines für sinnloses Sterben - und ein Symbol dafür, dass 65 Jahre später die Wahrheit mitunter noch immer unbequem ist.

Nur so lässt sich verstehen, warum die russische Führung zum 65. Jahrestag des Sieges noch einmal eine Kommission zur Klärung der Kriegsverluste ins Leben rief.


Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Steffen Herrmann am 17. November 2012, 23:47
Empfehlenswert zur Vertiefung sind hierzu Arbeiten von COL David M. Glantz Foreign Military Studies Office (http://de.wikipedia.org/wiki/David_Glantz)


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