Über einestages

2008

Rallye Dakar

10.000 Kilometer Wahnsinn


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dpa
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Fontenay und Picard: Das französische Team Jean-Pierre Fontenay / Gilles Picard durchfährt während der neunten Etappe der 21. Dakar-Rallye ein Dorf zwischen Bobo Dioulasso (Burkina Faso) und Mopti (Mali).

Einen Tag vor dem geplanten Startschuss ist die legendäre Wüstenrallye nach Dakar das erste Mal in ihrer Geschichte von den Veranstaltern abgesagt worden: Wegen "direkter Bedrohung" durch terroristische Gruppen. Steht die härteste Rallye der Welt nun vor dem endgültigen Aus?


"Wenn dein Leben langweilig ist, riskiere es." So lautete der Slogan mit dem Thierry Sabine, der Erfinder der Rallye Paris-Dakar, 1978 für das erste Rennen warb. Ganz im Geiste des Dakar-Vaters Thierry Sabine hätten die Teilnehmer wohl auch 2008 wieder reichlich Gelegenheit bekommen, ihr Leben zu riskieren: Zwei Wochen vor dem Start der Dakar 2008 kamen vier französische Touristen bei einer Attacke der Al-Qaida auf eine Militärbasis im südlichen Mauretanien ums Leben, wenige Tage später fielen drei Soldaten im Norden des Landes den algerischen Terroristen zum Opfer. Die afrikanische Republik sollte mit acht von 15 Etappen der Hauptschauplatz der diesjährigen Dakar sein. Trotz dieser Sicherheitsprobleme beschlossen die Veranstalter, die Route nicht zu ändern.

Aufgrund der "direkten Bedrohung gegen das Rennen von terroristischen Gruppen", so der Veranstalteter A.S.O., wurde nun einen Tag vor dem Start ausgerechnet die 30. Auflage der härtesten Rallye der Welt abgesagt. Der Rückzieher könnte das komplette Aus für die legendäre Rallye bedeuten - seit jeher galt das abenteuerliche Rennen durch die von Krisen geschüttelten Länder Afrikas Kritikern als unverhältnismäßig gefährlich. So griffen bewaffnete Wegelagerer 1998 einen Teilnehmer an, dessen Toyota aber mit einem Schuss ins Heck davonkam, 2000 mussten die Veranstalter nach Terrorwarnungen vier Etappen im Niger ausfallen lassen und die Fahrer per Luftbrücke nach Libyen ausfliegen. Und auch im vergangenen Jahr entfielen aufgrund von Sicherheitsbedenken zwei Etappen in der Gegend um Timbuktu.

Das Leben aufs Spiel gesetzt

Dabei ist die Rallye Dakar auch ohne Gewalt und Terror die Hölle: In 20 Tagen galt es bei der Premiere vor 30 Jahren, mit ihren Pkw, Motorrädern und Race-Trucks über 10.000 Kilometer von Paris in den Senegal zurückzulegen - den größten Teil der Strecke mitten durch die Wüste. In den Cockpits der Wagen und herrschen dabei Temperaturen jenseits der 60 Grad. Ein geöffnetes Fenster verwandelt sich bei 140 km/h in ein Sandstrahlgebläse. An einen Schluck Wasser war für die Piloten während der 8- bis 16-stündigen Etappen kaum zu denken: Wer trinken wollte, musste ja anhalten.

Die Eingebung zum härtesten Rennen der Welt kam dem Motorradrennfahrer und Werbemanager Thierry Sabine, als er 1977 bei der Rallye Abidijan-Nizza für zwei Tage praktisch ohne Wasser in der Sahara verschollen war. bereits ein Jahr später, am 26. Dezember 1978, startete die erste Rallye Paris-Dakar. Über einhundert Teilnehmer, waren bereit ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um "durch die Nebel des alltäglichen Kleinkrams zu neuen Ufern aufzubrechen", wie die französische Zeitschrift "Le Point" damals verkündete.

Weit über die Hälfte der Teilnehmer brachen zwar zur Premiere zwar auf, erreichten aber die beschworenen Ufer nicht. Manch ein Abenteurer musste frustriert erkennen, dass dieses Rennen härter war als er. Schon auf den ersten Etappen platzen Kühlleitungen und Motoren in der Hitze oder Reifen auf steinigen Pisten. Manche Fahrer blieben mit ihren Maschinen im Sand stecken, oder sie überschlugen sich und blieben stundenlang verletzt liegen, bis sie von den "Lumpensammlern", von der Rennleitung eingesetzten Lastwagen, gefunden wurden. Manch einer hielt auch einfach mitten in der Wüste an und legte sich, ausgelaugt von den Strapazen, einfach schlafen.

"Dakar kann man nicht gewinnen"

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich an den Bedingungen nicht viel geändert. Auch im Zeitalter von Allradantrieb, im Druck variablen Spezialreifen und GPS-Satellitennavigation gilt noch immer der Leitspruch der ersten Tage: "Die Dakar kann man nicht gewinnen. Man kann sie nur nicht verlieren." Also in Dakar ankommen, im besten Fall unverletzt. Denn noch immer bleiben über die Hälfte der Fahrer auf der Strecke, noch immer fordert jede Düne fahrerische Höchstleistungen. "Bist du zu langsam, bleibst du stecken; bist du zu schnell und landest hinter dem Dünenkamm falsch, überschlägst du dich", weiß Jutta Kleinschmidt. Die "Wüstenkönigin" ist eine Legende unter den Dakar-Teilnehmern, spätestens seit die damals 39-jährige Deutsche die Rallye 2001 als erste und bisher einzige Frau gewonnen hat.

Doch Kleinschmidt ist bei weitem nicht die einzige Legende, die Paris-Dakar hervorgebracht hat. Ein so extremes Abenteuer schafft viele Helden und viele Geschichten, die abends unter den müden Fahrern die Runde machen. Zum Beispiel die von Mark Thatcher, dem Sohn der britischen Premierministerin, der 1982 mit seinem weißen Peugot 504 in der Sahara verschwand - ein Vorfall, der die Eiserne Lady sichtlich erschütterte. Sie sei "sehr aufgebracht und sehr bestürzt", ließ sie verlauten. Als ihr Sohn sechs Tage später von einem Suchtrupp aufgespürt wurde, war dieser dagegen ziemlich entspannt. Sein einziger Kommentar: "Ich brauche ein Bier, ein Sandwich, ein Bad und eine Rasur." Oder die Story von dem Japaner Yamada und seinem Co-Piloten, die 1998 fünf Tage lang 140 Kilometer weit zu Fuß durch die Wüste irrten.

Bisher kamen 54 Menschen in den 30 bisherigen Rennen ums Leben, darunter Fahrer, Zuschauer, Passanten - aber auch der Erfinder selbst. Bei der Paris-Dakar 1986 zerschellte Thierry Sabines Hubschrauber während der Suche nach einigen verschollenen Fahrern in einem Sandsturm an einem Hügelkamm.

Streckenänderungen und Sicherheitsbedenken

Und zunehmend kamen eben auch Gefährdungen von Außen hinzu, geschuldet der unsicheren politischen Lage in manchen afrikanischen Ländern. Immer häufiger mussten deshalb in den vergangenen Jahren die Strecke geändert werden, Etappen ausfallen. An ein endgültiges Ende der Rallye dachte deshalb aber niemand - die abenteuerhungrigen Motorsportler schienen die Herausforderung durch Terroristen als sportliche Herausforderung zu nehmen - im Jahr 2000 verfrachteten sie den gesamten Rallye-Tross mit 1500 Personen, 64 Lkw, 150 Autos und 144 Motorrädern in einer spektakulären Aktion mit russischen Transportflugzeugen vom Typ Antonow 124 zur nächsten Etappe.

Trotz aller Probleme war der Andrang denn auch für die Jubliäumsrallye 2008 größer denn je; mit 570 gemeldeten Teams gab es einen weiteren Teilnehmer-Rekord. Auch für große Automobilkonzerne war die Rallye Dakar in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Produkttest und Werbeträger geworden. Volkswagen, Mitsubishi oder Nissan nutzten die Rallye Dakar um ihr Allerweltsimage aufzurauen, indem sie aufgemotzte Versionen ihrer Serienmodelle ins Feld schickten.

Von einer Professionalisierung wie beim absurden Rennzirkus der Formel 1 war die Dakar trotz allem weit entfernt: Noch heute stellen Amateure 80 Prozent des Feldes; Motorsport-Enthusiasten, die sich ohne die Unterstützung eines Teams und ohne Millionen-Budgets ins Abenteuer stürzen. "Man erlebt jedes Mal etwas Neues", erklärt Jutta Kleinschmidt den Reiz des Wahnsinns-Rennens durch die Wüste. "Das ist der große Unterschied zur Formel 1: Wir können es nie optimal machen, weil wir die Strecke nur einmal fahren. Wir sind immer am Lernen. Das fordert viel mehr. Außerdem gibt es immer wieder Überraschungen, die man nicht einplanen kann."

Dieses Mal allerdings war die Überraschung nicht sportlicher Art. Nach dem tödlichen Anschlag auf vier französische Touristen in Mauretanien sah sich Veranstalter A.S.O. zur Notbremsung gezwungen - und sagte die gesamte Rallye ab. Nun steht die Frage im Raum, ob überhaupt eine weitere Rallye Dakar möglich sein wird. Die Organistoren geben sich kämpferisch: "Die Rallye Dakar ist ein Symbol, und ein Symbol kann nichts zerstören", hieß es aus Paris: "Die Absage der Auflage 2008 stellt in keiner Weise die Zukunft der Dakar in Frage."


Debatte

insgesamt 6 Beiträge zur Debatte
Walter Breymann am 10. Januar 2008, 18:06
Um unter diese Debatte mal einen Schlussstrich zu setzen, verabschiede ich mich hier mit einigen Bemerkungen zu den Kommentaren des ewig Gestrigen Klaus Wolter:

Zitat Klaus...

Klaus Wolter am 8. Januar 2008, 12:03
Obschon der leicht arroganten Eingangsbemerkung ("Mit dem Schreiben von Klaus Wolter wollen wir uns hier ja nun nicht näher befassen.") muß ich feststellen,...


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