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1935-1946

Jüdische Widerstandskämpferin "So eine Art Jeanne d'Arc"


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Bracha Fuld: Noch als Teenager schloss sich die deutsche Jüdin Bracha Fuld, die eigentlich Barbara hieß, der Palmach an - einer paramilitärischen Elitetruppe der jüdischen Untergrundorganisation Haganah. Mit 18 Jahren war sie Offizierin; schon bald bildete sie Soldatinnen aus und leitete eigene Kommandos. Auf der Flucht vor dem NS-Terror war Fuld 1938 über Berlin und London nach Palästina gekommen.

In Deutschland vergessen, in Israel verehrt: Die deutsche Jüdin Barbara Fuld floh vor dem Nazi-Terror nach Palästina und ging schon als Teenager in den jüdischen Widerstand gegen die Briten. In einer Elitetruppe bildete sie Soldaten aus - und kämpfte mit Guerilla-Methoden sogar gegen englische Panzer. Von Jürgen Voigt


Zwi Ariel ist ein Geschichtenerzähler. Früher hieß er Herbert und wohnte in Köln. Heute lebt er in Tel Aviv, schreibt Gedichte und kann etwas berichten über jene ungewöhnliche Deutsche, die in Israel als Heldin gilt, in ihrer Heimat hingegen völlig in Vergessenheit geraten ist.

Zwi Ariel sitzt auf einer Bank unter großen Eukalyptusbäumen in Sarona, jenem Teil von Tel-Aviv, wo einst die deutschen Templer ihren Wein anbauten. Er kommt oft hierher und träumt von der Vergangenheit, als ihn hier noch die deutsche Bäuerin Anna gastlich aufnahm. "Bracha Fuld", beginnt Ariel, "ja, die hab ich oft gesehen, damals 1946, hier an der Kaplanstraße war ja das britische Hauptquartier - ihr Hauptfeind. Bracha, das war so eine Art Jeanne d’Arc."

Die Spurensuche nach dieser jungen Frau, die auf Deutsch Barbara Fuld hieß, beginnt in Berlin Charlottenburg. In der Reichsstraße hat sie mit ihrer Familie gewohnt, das Haus steht heute noch. Die Fulds stammten aus dem Berliner Großbürgertum. Lothar Fuld war als dekorierter Offizier aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt und hatte sich eine gute Existenz als Geschäftsführer einer Betonfabrik aufgebaut. Die jüdische Gemeinde Berlins war groß, die Fulds hatten ihre Freunde und viel Gesellschaft. Die beiden Kinder Barbara und Fanny gingen auf normale Schulen, wie Nichtjuden auch.

"In Palästina gibt's nur Sand und Läuse"

Wer den Vater damals auf die gefährliche Politik der Nationalsozialisten und die Notwendigkeit einer Auswanderung ansprach, bekam als Antwort: "Was wollt ihr, ich war Frontoffizier mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse, wie Hitler. Er wird uns jüdischen Frontschweinen nichts tun. Was soll ich in Palästina, da gibt’s nur Sand und Läuse und dreckige Türken und Beduinen. Mein Platz ist hier im zivilisierten Berlin."

Er täuschte sich. Die Nürnberger Rassegesetze von 1935 öffneten auch Gutgläubigen die Augen, die Juden wurden immer systematischer aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt und bedroht. Viele jüdische Familien flohen nun aus Deutschland. Auch Frau Fuld ertrug das Leben in Berlin nicht mehr, sie nahm ihre älteste Tochter Fanny und emigrierte nach New York. Ihren Mann und Tochter Barbara ließ sie in Berlin zurück.

Wenige Jahre später brannten die Synagogen in Deutschland. Vater Fuld wurde aus seinem Offiziersklub höflich aber konsequent ausgeschlossen. Diese Demütigung ertrug er nicht: Am 20. November 1938 griff zu seiner Dienstpistole und erschoss sich in seiner Wohnung. Seine Tochter Barbara, damals zwölf Jahre alt, blieb alleine zurück. Eine Tante kümmerte sich um die Waise, schickte sie auf eine jüdische Schule, doch dann drohte der Krieg.

Odyssee ins Heilige Land

Mit einem Kindertransport kam Barbara nach England. Fast 10.000 Kinder, die als jüdisch im Sinne der Nürnberger Gesetze galten, erhielten zwischen November 1938 und dem 1. September 1939 die Ausreiseerlaubnis. Sie reisten über den Fährhafen Hoek van Holland ins britische Harwich und wurden in England von Pflegefamilien betreut. Mit Hilfe des Roten Kreuzes konnte Barbara Fuld in London ihre Mutter treffen. Sie beschlossen, nach Palästina zu gehen.

Doch die Passage zu Schiff war gefährlich, da die britische Mandatsmacht die jüdische Immigration begrenzen wollte. London hatte zwar 1917 den Juden eine "nationale Heimstätte" in Palästina versprochen, doch nach Unruhen und Konflikten zwischen Juden und Arabern wurde die jüdische Einwanderung immer schärfer reglementiert - auch nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. 1939 beschränkte die britische Regierung in einem Weißbuch die Immigration auf 75.000 Juden, verteilt auf einen Zeitraum von fünf Jahren.

Mit List und Freundeshilfe gelang den Fulds im Juni 1939 dennoch die ersehnte Einreise nach Palästina. Barbara lernte Hebräisch, nannte sich nun Bracha - und erlebte die weltpolitischen Nachbeben des eben erst beendeten Krieges: In Polen, der Slowakei und in Ungarn kam es nach 1945 zu Pogromen. So setzte nach der Befreiung eine Fluchtbewegung nach Österreich und Deutschland ein. Die westlichen Staaten hießen diese Menschen, die alles verloren hatten, nicht willkommen. In Deutschland und Österreich wollte man sie nicht. Der Druck zur Einwanderung nach Palästina ging gerade auch von diesen Menschen aus. Doch die britische Labour-Regierung setzte die Politik des Weißbuchs von 1939 fort - entgegen allen Versprechungen während des Krieges, mehr Immigranten zuzulassen.

Straffe militärische Ausbildung

Diese Politik dämpfte die Hoffnung auf die Errichtung eines jüdischen Staats und schürte den Hass auf die britische Mandatsmacht. Viele Juden im Heiligen Land wollten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, nicht wenige radikalisierten sich - auch Bracha Fuld: Über ihre genauen Beweggründe ist nichts bekannt, aber sie bewarb sich um Aufnahme in dem 1941 gegründeten Palmach, einer paramilitärischen Elitetruppe, die von der jüdischen Widerstandsbewegung Haganah gegründet worden war. Entstanden war der Palmach unter dem Eindruck des schnellen Vormarsches des deutschen "Wüstengenerals" Rommels in Nordafrika.

Fuld absolvierte eine straffe militärische Ausbildung mit täglichem 12-Kilometer-Lauf. Schon mit 18 Jahren wurde sie zum Offizier ernannt, trainierte weibliche Soldaten für den Kampf im Untergrund und leitete später eigene Einheiten. Palmach-Truppen, die noch während des Zweiten Weltkriegs an der Seite der Alliierten gestanden hatten, bekämpften nun die britische Mandatsmacht mit allen Mitteln. Wichtigste Aufgabe war es, illegale jüdische Einwanderer, die zu Schiff kamen, ins Land zu schleusen. So befreite ein Kommandounternehmen unter Führung des späteren israelischen Premiers Jitzchak Rabin im Oktober 1945 spektakulär rund 200 Einwanderer, die von den Briten in einem Auffanglager interniert worden waren.

Mitunter richtete sich der Zorn des jüdischen Widerstands auch gegen die verbliebenen Deutschen in Palästina: Seit dem 19. Jahrhundert waren Templer, Anhänger einer protestantisch-reformatorischen Religionsgemeinschaft aus Württemberg, nach Palästina eingewandert. Eifrig hatten die Glaubensbrüder deutsche Kolonien in Jerusalem, Haifa oder Sarona angelegt. Mit dem Aufstieg der Nazis im fernen Deutschland bildeten auch die Templer in Palästina NSDAP-Ortsgruppen. Als der Krieg ausbrach, internierten die Briten die Deutschen und spannten Stacheldraht um deren Siedlungen - angeblich auch, um Zivilisten vor Angriffen zu schützen.

Kampf gegen britische Panzer

Bracha Fuld - einst Barbara Fuld aus Berlin, jetzt jüdischer Offizier - kämpfte bei einem Einsatz sogar gegen die eigenen Landsleute: Im Februar 1946 attackierte eine Palmach-Einheit, der sie angehörte, auch die Templer-Siedlung in Sarona. Der Angriff auf Sarona endete für den Palmach in einem Fiasko: Vier ihrer Kämpfer starben. Im Guerillakrieg gegen die Engländer scheute auch die Deutsche offenbar kaum ein Risiko: Bei den Einsätzen ihrer Schwadron stand sie an vorderster Front.

"Ja, und dann kam das Ende für Barbara, ich hab es gesehen", erzählt der Dichter Zwi Ariel in Sarona. "Es war Ende März 1946, da kam das Schiff 'Wingate' hier an, mit 250 illegalen jüdischen Immigranten." Fuld kommandierte eine Einheit mit acht Mann, die eine Straße freihalten sollte, auf der die jüdischen Flüchtlinge entlangkommen würden. Doch die Briten ahnten das Manöver, es kam zum Kampf. "Barbara war wieder mitten drin", berichtet Ariel. "Dabei geriet ihre Schwadron an eine britische Panzereinheit. Barbara wurde schwer verwundet, man brachte sie ins Hospital. Wenige Stunden später war sie tot."

Ihr Einsatz gegen britische Panzer geriet nicht in Vergessenheit: Monate später kam wieder ein Schiff mit Einwanderern in Palästina an - und dies hatte man auf den Namen "S.S. Bracha Fuld" getauft. Heute trägt zudem eine Straße in Tel Aviv ihren Namen und auch im Palmach-Museum in Ramat Aviv wird an die Berlinerin erinnert, die hierzulande kaum jemand kennt.

Sie hat wohl ihren kleinen Beitrag dazu geleistet, dass bis zur Ausrufung des Staates Israel 1948 insgesamt mehr als 100.000 Juden ins rettende Palästina gebracht wurden - viele von ihnen Holocaustüberlebende und Menschen, die vor Pogromen flüchten mussten. Fast genau zwei Jahre nach ihrem Tod erfüllte sich Bracha Fulds Traum, als David Ben Gurion den Staat Israel ausrief.


Debatte

insgesamt 4 Beiträge zur Debatte
Reinhard Rupprich am 11. Juli 2010, 00:38
Einverstanden mit allem. Bestens. Vielleicht gibt es auch Recherchen ueber Ruth Klueger (Rumaenien) RR

Sebastian Konopka am 10. Juli 2010, 23:23
"So eine Art Jeanne d'Arc" zwar handelt es sich hierbei nur um ein Zitat des Zwi Ariel, aber abgesehen von der Tatsache, dass beide gegen Engländer kämpften und...


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