| Abgehoben: Erfinder Yoshiro NakaMats führt am 16. Juni 2002 in Tokio zusammen mit dem achtjährigen Miguel Tsukamoto seine neuen Sprungfederschuhe "Pyon-pyon" vor. Das springende Schuhwerk soll dem Erfinder zufolge innere Organe und Gelenke seiner Träger schonen. Der modische Aspekt ist dabei offenkundig eher zweitrangig. |
Floppy Disk, Synthesizer, Karaoke-Maschine, Digitaluhr - alles Erfindungen von Dr. Yoshiro NakaMats. Zumindest behauptet das der japanische Tüftler, für den Irrsinn der Normalfall ist und der die Welt seit Jahrzehnten mit seinen irren Kreationen beglückt. Den Durchbruch schaffte er ausgerechnet mit einem Treibsatz für die Liebe. Von Eike Frenzel
Die geheimnisvolle Flüssigkeit, mit der Dr. Yoshiro NakaMats im Frühjahr 1995 das Tokioter Patentamt betrat, versprach Großartiges. "Love Jet" nannte er sein zusammen gemischtes Aphrodisiakum, das den Lenden liebesmüder Paare ordentlich Leben einhauchen und damit zukünftig für eine höhere Geburtenrate sorgen sollte. Eine Wunderwaffe gegen die Vergreisung der japanischen Gesellschaft - eine Substanz, die angeblich die Lust verdopple, "zehnmal besser als Viagra" sei, nebenbei noch die Intelligenz erhöhe und die Hautalterung aufhalte. Kurzum: Eine medizinische Revolution.
"Ich habe das Mittel erfunden, um Japan zu retten", erklärt NakaMats bis heute unermüdlich in Interviews, mit ernstem, pathetischem Tonfall und erhobenem Zeigefinger. Die Wirkungsweise des wollüstigen Gebräus klingt ebenso banal wie fragwürdig: Schon eine Dosis des feinen "Love Jet"-Sprühnebels, so behauptet es der Erfinder, lässt den Spiegel des Sexualhormons Dehydroepiandrosteron im Körper sprunghaft ansteigen.
Ob das Mittel rein wissenschaftlich gesehen wirklich diesen Effekt erzielte, sei mal dahingestellt. Fakt ist: Die Menschen liebten das Liebestriebwerk und zumindest der Kontostand von NakaMats stieg sprunghaft an: Allein 1999, dem Jahr der Markteinführung in den USA, brachte das Mittel dem Japaner etwa fünf Millionen Dollar ein. Für ein amerikanisches Ehepaar "Smith" galt "Love Jet" fortan gar als die "beste Erfindung seit Apfelkuchen" - so steht es jedenfalls in goldener Schrift auf der Verpackung des Liebessprays.
Spinner oder Genie?
"Love Jet" ist die bei weitem populärste Idee des Mannes, der eigentlich "Nakamatsu" heißt und sich wegen der prägnanter klingenden Aussprache den Künstlernamen "NakaMats" zulegte. An dem vitalen 82-Jährigen scheiden sich seit Jahren die Geister: Ist der Präsident seines gleichnamigen "Innovations-Instituts" in der Innenstadt Tokios bloß ein sich perfekt inszenierender Spinner, der mit noch so abwegigen Ideen ein Vermögen erwirtschaftet? Oder steckt in dem graumelierten Senior mit seinen maßgeschneiderten Anzügen und dem korrekten Scheitel doch ein Genie?
Dass ihn viele für einen Irren halten - daran ist NakaMats nicht ganz unbeteiligt. So rühmt er sich beispielsweise, 1991 von der "US Science Academic Society" neben Archimedes, Michael Faraday, Marie Curie und Nikola Tesla zu den größten Erfindern der Menschheit gewählt worden zu sein. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die vermeintlich ehrwürdige Institution allerdings als Phantasieprodukt - zumindest lässt sich keine Gesellschaft solchen Namens finden. Und die zwölf Städte in den USA, die als Hommage an NakaMats einen nach ihm benannten Ehrentag eingeführt oder ihm die Ehrenbürgerschaft verliehen haben? Auch sie lassen sich nicht ermitteln.
Den Huldigungen aus dem Reich der Legende stehen tatsächliche Auszeichnungen gegenüber, die NakaMats gerne Besuchern präsentiert. Beispielsweise die Urkunde des amerikanischen Kongress aus dem Jahre 2001. Sie wurde ihm in Anerkennung seiner "außergewöhnlichen Dienste an der Gesellschaft" verliehen. Bereits 1985 würdigte Lee Robinson, Präsident der amerikanischen Patent-Gesellschaft, den ideenreichen Japaner mit einem Pokal - während der internationalen "Erfinder-Expo." Besonders stolz ist NakaMats freilich auf einen Brief vom ehemaligen US-Präsident George Bush Senior, den er für seine Teilnahme an einem Erfinder-Wettbewerb erhielt. Und ein Internetvideo belegt immerhin auch einen öffentlichkeitswirksamen Volltreffer, der NakaMats 1990 in Amerika gelang: Als er im Stadion der Pittsburgh Pirates als prominenter Gast-Pitcher die Baseball-Saison eröffnete.
Bahnbrechende Erfindung im Postkartenformat
Dass der findige Japaner, der sogar zum US-Sheriff berufen worden sein will, über ein hohes Maß an Kreativität verfügt, zeichnete sich bereits frühzeitig ab. 1931 - NakaMats war gerade drei Jahre alt - begann seine Mutter ihn in Physik, Chemie und Mathematik zu unterrichten. Zwei Jahre später präsentierte er bereits seine erste Erfindung: NakaMats, der als junger Pfiffikus unbedingt Flugzeug-Designer werden wollte, hatte für sein hölzernes Modellflugzeug einen Stabilisator konstruiert, der es in der Luft ausbalancierte. Dass die Luftfahrt noch heute von seiner Erfindung profitiert - Ehrensache. Nach diesem Geistesblitz erfand er erstmal weniger Hochfliegendes. Um seiner Mutter die Küchenarbeit zu erleichtern, baute er als 14-jähriger Schüler eine handbetriebene Pumpe für Sojasauce.
1952 dann will ihm schließlich eine bahnbrechende Erfindung gelungen sein: Beethoven-Fan NakaMats tüftelte an einem neuen Musikmedium. Der 23-Jährige hielt damals ein dünnes, flexibles Stück Plastik mit einem Loch in der Mitte in seinen Händen - kaum größer als eine Postkarte. „Ich sah Schmetterlinge und kam auf den Namen 'Floppy'", erinnert sich NakaMats an die Geburtsstunde einer weichen, wie ein Insektenflügel federnden Scheibe: der späteren Floppy Disk.
Glaubt man NakaMats, soll Computerriese IBM das Patent schließlich erworben und 1971 eine erste Version des neuartigen Datenträgers auf den Markt gebracht haben. Im Internet kursieren hingegen Gerüchte, NakaMats habe sich das bereits entwickelte Floppy-System für Japan nur sichern können, weil dessen Erfinder IBM es nicht rechtzeitig schützen ließ - und es gegen viel Geld zurückkaufen musste.
Groteske Zeitmaschine mit Sprungfederschuhen
NakaMats nimmt es mit der Wahrheit offensichtlich nicht so genau. Glaubt man dem Absolventen der Universität Tokio, war die flexible Diskette aber nicht der einzige Gedankenblitz, mit dem er den Fortschritt des Computerzeitalters vorantrieb. NakaMats brüstet sich damit, im Lauf der Jahre andere technische Innovationen wie etwa die Hard Disk, die CD, den Synthesizer, das Kino-Breitwandformat, die Digitaluhr, die Karaoke-Maschine, die automatische Postsortieranlage und die Brennstoffzelle erfunden zu haben. Kein Wunder, dass er sich ganz selbstbewusst als "Zeitmaschine" bezeichnet, die anderen schlauen Köpfen "immer 10 bis 20 Jahre voraus ist", wie er 1995 der "New York Times" verriet.
Was die Öffentlichkeit von dem selbst ernannten Genius regelmäßig als "Erfindung" präsentiert bekam, war zweifellos höchst unterhaltsam. Aber aus wissenschaftlicher Sicht mindestens fragwürdig - vielleicht auch einfach nur grotesk: Etwa der "Cerebrex"-Stuhl, ein mit Gardinen verhängter "Konzentrations"-Sessel aus Velour, der nach einem zwanzigminütigen Nickerchen Erstaunliches bewirken soll: Er fördere die Hirnaktivität, reduziere das tägliche Schlafbedürfnis von acht auf vier Stunden und könne nebenbei noch Männer von ihrer Impotenz heilen. Das behauptete NakaMats, der den Sitz natürlich patentieren ließ. Wie auch seine Sprungfederschuhe, die Hirn und innere Organe beim Gehen schonen sollen, die musikalische Putt-Anlage, an der Golfer ihren finalen Schlag mit Hilfe entspannender Töne perfektionieren sollen. Oder den "Ninger", das emissionsfreie "Fortbewegungsmittel der Zukunft", wie NakaMats das nennt, was auf den ersten Blick sehr rückwärtsgewand anmutet: Das Chassis eines ferngesteuerten Autos mit einem aufmontierten Schuh.
2005 steht der vermeintliche Floppy-Disk-Vater lächelnd im Blitzlichtgewitter auf einer Bühne der Universität Harvard. Stolz präsentiert er den "Ig-Nobelpreis" - die alljährlich verliehene, „schmachvolle“ („ignobel“) Auszeichnung für fragwürdige wissenschaftliche Leistungen. NakaMats erhielt die Trophäe in der Sparte "Ernährung" dafür, dass er während der letzten 34 Jahre penibel jede seiner Mahlzeiten fotografiert und analysiert hatte. Hintergrund der skurrilen Knipserei ist NakaMats` erklärtes Ziel, 144 Jahre alt zu werden. Dafür verzichte er nicht nur auf Tabak und Alkohol, sondern forscht täglich an einer speziellen 700-Kalorien Diät, die seine Gedanken auch im biblischen Alter noch sprühen lassen sollen. Eigens dafür entwickelte Produkte wie NakaMats` "Hirntee" oder die aus Reis und Algen zubereitete Snack-Komposition "ReBody 85" sollen ihm dabei helfen.
Morbider Genius unter Wasser
Wenn NakaMats` Zeitreise in das Jahr 2072 gelingt, so will er bis dahin nicht weniger als 7000 Patente auf seinen Namen angemeldet haben. In dieser Disziplin hält der "japanische Edison", wie er auch genannt wird, bereits jetzt den Weltrekord: Während es der Vater der Glühbirne, Thomas Alva Edison, auf 1093 Patente brachte, werden NakaMats über 3300 Erfindungen zugeschrieben.
So abgedreht die Erfindungen des schrägen Konstrukteurs sind, so bizarr ist seine Inspirationsquelle: Sie befindet sich vor allem unter Wasser - im Swimmingpool eines Tokioter Hotels. "Zuviel Sauerstoff ist schlecht für das Hirn", erklärte NakaMats in dem 2009 über ihn gedrehten Kurzfilm "The Invention of Dr. NakaMats". Also taucht er regelmäßig solange, bis er zu ertrinken droht. Genau in diesem Moment - "0,5 Sekunden vor dem Tod" - durchzucke NakaMats ein präfinaler Geistesblitz, den er nach dem Auftauchen umgehend notiert: auf einem von ihm erfundenen wasserfesten Schreibblock. Er nennt den morbid-kreativen Tauchgang die "Dr. Nakamatsu-Methode."
Dass man NakaMats in Europa auch auf Grund solcher Marotten wohl für einen durchgeknallten Vertreter der japanischen Godzilla-Generation hält, dürfte den Exzentriker kaum stören. Ebenso wenig, dass seine Version der Floppy-Disk-Entwicklung regelmäßig angezweifelt wird. Der schrullige Erfinder genießt in den USA und seiner Heimat längst Kultstatus. NakaMats war Gast zahlreicher Talk-Shows, hält weltweit Vorlesungen über Kreativität und Inspiration, für die er 10.000 Dollar pro Stunde kassiert und ist Autor von über 80 Büchern. Der Verkauf seine kuriosen Erfindungen hat aus NakaMats einen Millionär gemacht, der freilich betont, aus einem einzigen Antrieb zu tüfteln: "Aus Liebe".
Und möglicherweise hat der clevere Selbstvermarkter bereits eine weitere Möglichkeit entdeckt, den Menschen sein revolutionäres Weltbild zu vermitteln: Die Politik. Nach mehreren erfolglosen Bewerbungen um politische Ämter in seiner Heimatstadt Tokio seit Ende der neunziger Jahre firmiert NakaMats seit 2009 als Ehrenmitglied der "Happiness Realization Party" - der "Glückrealisierungspartei".
Tragbare Hubschrauber, senkrecht startende Kampfjets und...