| M-497: Der düsengetriebene Rekordzug M-497 - ein Symbol für den Fortschritts- und Technikglauben der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Trotz erfolgreicher Testfahrten wurde das Projekt der Düsenzüge jedoch nicht weiter verfolgt. |
Zwei Flugzeugtriebwerke aufs Dach, ein Spoiler an die Front: fertig ist der Zug der Zukunft. Das dachten jedenfalls Eisenbahningenieure vor gut 40 Jahren - und mussten ihren Traum vom Superzug trotz erfolgreicher Testfahrten gleich wieder beerdigen. Von Armin Himmelrath
Sie werden sich ordentlich gewundert haben an diesem 23. Juli 1966, die Farmer entlang der Eisenbahnstrecke zwischen Butler (Indiana) und Stryker (Ohio). Denn was da mit unerhörter Geschwindigkeit an ihnen vorbeisauste, erinnerte nur noch entfernt an einen der Züge der New York Central Railways (N.Y.C.), die hier sonst verkehrten. Stattdessen raste da ein einzelner Triebwagen heran, ausgestattet mit einem windschnittigen schwarzen Vorbau. Und, noch auffälliger: Auf dem Dach thronten zwei raketenartige graue Röhren mit knallroten Spitzen.
Was aussah wie eine neue Wunderwaffe der US Army auf Schienen, hatte in Wirklichkeit mit militärischen Zielen gar nichts zu tun. "M-497" hieß der rasende Zug - und auf dem Dach waren zwei Jet-Triebwerke angebracht worden, um Hochgeschwindigkeitsfahrten auf der schnurgeraden Strecke mit ihren 26 Jahre alten Schienen zu erproben. Mitte der sechziger Jahre ging die Zahl der Bahnpassagiere in den USA wegen des Ausbaus der Highways rapide zurück, Eisenbahngesellschaft wie die New York Central suchten verzweifelt nach Wegen aus der Krise.
Eine der Strategien: Ungebremster Technikglaube. Don Wetzel war stellvertretender Forschungsdirektor der N.Y.C., seit 1950 arbeitete er bereits für die Eisenbahngesellschaft. Verkehrstechnisch gesehen war er ein Multitalent: Wetzel hatte zu Beginn seiner Eisenbahnerzeit noch gelernt, wie man eine Dampflokomotive wartet und fährt, er besaß aber auch eine Pilotenlizenz. Der richtige Mann also, um den Zügen der New York Central das Fliegen beizubringen. Und er hatte sich mit ganzer Kraft in dieses Projekt gestürzt.
Triebwerke vom Langstreckenbomber
Die Gesellschaft kaufte dafür einen 13 Jahre alten Dieseltriebwagen vom Typ Budd RDC3, baute Motor und Passagiersitze aus und installierte stattdessen mehrere Dutzend Messinstrumente - sowie auf dem Dach zwei Jet-Antriebsaggregate von General Electric, die gebraucht waren und von einem Convair B-36 Interkontinentalbomber der US-Air Force stammten. Achsen, Räder und Fahrgestell wurden dagegen nicht angetastet, und offiziell fielen auch nur Kosten von gerade einmal 35.000 Euro für den Versuchszug an. Verkehrshistoriker vermuten, dass die Kosten in Wirklichkeit bis zu sieben Mal so hoch waren. Doch die New York Central hatte immer wieder betont, dass kein einziger Cent aus Regierungsmitteln in das Düsenzug-Projekt fließen würde, und musste den Aufwand deshalb wohl künstlich herunter rechnen.
Don Wetzel hatte ursprünglich geplant, die Düsen im hinteren Dachbereich des Wagens anzubringen, doch angeblich hatte seine Frau argumentiert, der Jet-Zug sehe mit den Düsen vorne viel besser aus, und ihre Designvorstellungen auch gleich auf einer Serviette skizziert. Wetzel ließ sich umstimmen - und umging damit auch das Problem der fehlenden Bodenhaftung, das bei rückwärtig angebrachten Düsen möglicherweise aufgetreten wäre. Noch ein schwarzer Windschutz vorne an die Lok, und fertig war M-497, der "Black Beetle", wie die Eisenbahner ihren Superzug nannten: Schwarzer Käfer.
An diesem Samstag war es endlich soweit: Nach einwöchigen vorbereitenden Testfahrten sollte Don Wetzel nun probieren, wie schnell der M-497 wirklich war. Wetzel, ausstaffiert mit einem Jetpiloten-Helm, und sein Co-Pilot Alfred E. Perlman, der Präsident der New York Central, starteten die Düsentriebwerke. Welchen Lärm der Jet-Zug entwickelte, ist nicht überliefert, seine Geschwindigkeit dagegen schon: 183,85 Meilen pro Stunde wurden gemessen - knapp 296 Stundenkilometer und damit klarer US-Rekord für Schienenfahrzeuge.
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