Über einestages

1990

Sowjetische Besatzung Nachbarschaft mit Sprengkraft


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Russische Reste: Schriftfetzen in kyrillischer Schrift erinnern in der verlassenen Kaserne an die letzten Nutzer des Gebäudes am Garnisonsstandort Jüterbog.

Hunderttausende Sowjetsoldaten waren bis zur Wiedervereinigung in der DDR stationiert - und lebten in einer Parallelwelt, abgeschirmt von der Bevölkerung. Einer ihrer größten und geheimen Stützpunkte war Jüterbog bei Berlin. Fotograf Beat Hauser wagte sich nach dem Abzug der Truppen in die Sperrzone. Von Solveig Grothe


Der junge Rekrut ignoriert das Hinweisschild. Er ignoriert auch die Befehle, die aus der Wechselsprechanlage kommen. Der Soldat am Steuer des T64-Kampfpanzers hält geradeaus auf die Bahngleise zu. Unaufhaltsam überrollt er alles, was im Weg ist. Dann plötzlich gibt es einen Ruck. Der Panzer bleibt im Gleisbett stecken.

Minuten später rast ein Schnellzug heran. Die Zugführer des D716 von Leipzig nach Stralsund entdecken auf Höhe des Bahnhofs Forst Zinna etwas Großes auf den Schienen. Zu spät. Um 17.47 Uhr an diesem 19. Januar 1988 kracht der D-Zug auf den mehr als 40 Tonnen schweren Koloss aus Stahl. Die beiden Zugführer und vier Reisende sterben. Die zweiköpfige Panzerbesatzung überlebt, sie rettet sich mit einem Sprung aus dem Fahrzeug.

Die sowjetische Militärstaatsanwalt sollte die Unfallursache bald klären können: Panzer und Besatzung gehörten zu einer Ausbildungskompanie der Garnison Jüterbog, südwestlich von Berlin. An diesem Nachmittag hatte sie das Fahren mit Nachtsichtgerät geübt. Beim Blick in die Akten war den Ermittlern sofort klar, warum der 18-jährige Kasache den Anweisungen seines Fahrlehrers nicht gefolgt war. Dort war vermerkt: "Ist der russischen Sprache nur wenig mächtig."




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Das Lager im Wald

Der Unfall Anfang 1988 war nur eine von vielen dramatischen Begegnungen der ostdeutschen Zivilbevölkerung mit Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte in 40 Jahren DDR. Nicht alle verliefen so tragisch. Doch als im Herbst 1990 feststand, dass die Westgruppe der sowjetischen Truppen das wiedervereinte Deutschland verlassen würde, war die Erleichterung groß. Für Jüterbog und alle umliegenden Orte ein ganz unerwartetes Schicksal: Nach fast 130 Jahren würde das kleine brandenburgische Städtchen zum ersten Mal frei sein von Militär.

Dabei hatte die preußische Stadtobrigkeit ihrerzeit unermüdlich dafür gekämpft, die Wirtschaft Jüterbogs durch einen dauerhaften Garnisonsstandort zu beleben. Mit der Einrichtung eines Artillerieschießplatzes Mitte des 19. Jahrhunderts und mehrerer Schießschulen sollte den Stadtvätern schließlich der Einzug der königlich-preußischen Armee gelingen: Jüterbog wurde zu einer der größten Garnisonsstädte des Deutschen Reichs.

Fast hundert Jahre später war das kaum anders: Das in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts eher konservative Städtchen empfand die Aufrüstung vor dem Zweiten Weltkrieg eher als Wohltat denn als Belastung. Selbst dann noch, als die Wehrmacht die Garnison und den Truppenübungsplatz derart erweiterte, dass dafür drei Dörfer weichen mussten. Neben dem Alten und dem Neuen Lager entstand nun noch ein drittes Truppenlager im Zinnaer Forst. Es lag zwischen der Chaussee und der Bahnlinie Jüterbog-Luckenwalde, und noch Jahre nach dem Krieg sprach der Volksmund vom Adolf-Hitler-Lager.

Schwierige Nachbarn

Wenige Jahre nach dem Ende des Kriegs zogen die Sowjets ein. Angesichts der imposanten deutschen Bauten verwarfen sie ihren Plan, die Wehrmachtskasernen abzureißen. Stattdessen veranlassten sie die Reparatur - und Jüterbog wurde für Jahrzehnte zu einer der wichtigsten Militärbasen der UdSSR in Deutschland. Die Zahl der Rotarmisten überstieg deutlich die der Einheimischen: Ihre Stärke wurde auf rund 40.000 Mann geschätzt - bei etwa 15.000 Einwohnern. Das massive Ungleichgewicht blieb im Alltag nicht ohne Folgen.

Offiziell hatte das Verhältnis gut zu sein: Die Sowjets waren die "Befreier vom Hitlerfaschismus" und wurden "Freunde" genannt. Die von den SED-Oberen immer wieder bemühte Phrase von der "unverbrüchlichen Freundschaft mit der Sowjetunion" durchzog alle gemeinsamen Aktivitäten - vom organisierten "Erfahrungsaustausch" über sportliche Wettkämpfe bis zur Erntehilfe. Doch die unfreiwillige Nachbarschaft wurde bald zur Belastung - und zur Nervenprobe.

Mehr als einmal soll es zu Handgreiflichkeiten im Streit um das knappe DDR-Warenangebot gekommen sein. Etwa, als an eine "deutsche Mutter pro Kind nur ein Paar Schuhe abgegeben werden durfte", wie Stadtchronist Henrik Schulze in seinem Buch über die "Geschichte der Garnison Jüterbog" berichtet, "und daneben die russische Frau ohne Rücksicht auf Form und Größen alle Schuhe aus einem Regal in ihren Korb wischte.“ Die Warenzuteilung erfolgte entsprechend der Einwohnerzahl - nicht mitgerechnet wurden dabei die vielen Offiziersfamilien und Zivilangestellten der Sowjetarmee, die gern auch ihre Verwandten in der UdSSR versorgten oder einfach Güter zum Tauschen benötigten.

Scheinangriffe und Granatenbeschuss

Weit bedrohlicher wurde der ungeliebte Nachbar allerdings, wenn er sich seiner eigentlichen Aufgabe widmete: Der Simulation des militärischen Ernstfalls. So berichtete 1980 ein Düngemittelfahrer davon, wie er auf einem Feld zum Ziel von Scheinangriffen eines sowjetischen Kampfhubschraubers wurde: "Als die Maschine erneut aus Richtung Gölsdorf anflog, wollte ich mich nicht so einfach 'abschießen' lassen. Da meine Ladung Kalk inzwischen auf dem Acker verteilt war, konnte ich mit dem leeren Fahrzeug besser manövrieren. Also schlug ich bei 50 bis 60 km/h mehr oder weniger scharfe Haken auf dem Acker. Es war deutlich zu sehen, wie die Mi-24 ihren Anflug in meiner Richtung korrigierte…"

Ein nicht weniger spektakuläres Erlebnis hatten Gärtner der Produktionsgenossenschaft "Blütenfreude" in Felgentreu Anfang Juli 1984: Nur 200 Meter von ihren Gewächshäusern entfernt und 50 Meter neben einer Hochspannungsleitung krachte ein aus der Luft abgeworfener Panzer auf die Erde. Der Abwurf war Teil einer Luftlandeübung für Militärtechnik und Munition, die eigentlich auf dem Jüterboger Truppenübungsplatz stattfand.

Immer wieder kam es vor, dass die Streitkräfte ihr Ziel verfehlten. Im September 1972 schlug im Kuhstall der LPG Tierproduktion Ließen gegen Mittag eine Granate ein und tötete zwei Kühe. Die Gemeinde Stülpe, nördlich des Truppenübungsplatzes gelegen, wurde in den achtziger Jahren mehrmals Ziel von Attacken - auch, weil die Armeeposten bisweilen zum Zeitvertreib durch den Wald in Richtung der Häuser schossen. Fast alle Gebäude der direkt angrenzenden Straße wurden im Lauf der Jahre von Granatsplittern getroffen. Einige Geschosse flogen bis in die Wohnungen - durchs geöffnete Fenster oder die Giebelwand des Hauses.

"Krieg!?"

Die Bewohner von Neuhof am Westende des Truppenübungsplatzes wandten sich 1990 mit einem Hilferuf an das Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR: "In den Nächten 9.1./10.1.90 wurde unsere Gemeinde mit einem Schießplatz verwechselt." Das Dorf sei von Leuchtkugeln erhellt und Maschinengewehrsalven erschüttert worden. "Kein Bürger wagte einen Blick aus dem Fenster! Krieg!?" Drei Tage später wurde Neuhof erneut angegriffen. Davon sowie von den zahllosen Unfällen und den Panzern, die im Slalom auf der Dorfstraße fuhren, hatten die 165 Bürger der Gemeinde "nun endgültig die Nase voll".

Der Einfluss der DDR-Behörden auf die Besatzer allerdings war begrenzt. Angezeigte Straftaten wurden zwar verfolgt, doch nicht immer zur Zufriedenheit der Betroffenen. Was sich hingegen innerhalb der Kasernen abspielte, davon bekamen die Deutschen kaum etwas mit. Bis zum Ende der DDR verfügte die Partei- und Staatsführung noch nicht einmal über eine verlässliche Auflistung aller sowjetischen Liegenschaften im Land.

Rund eine halbe Millionen Rotarmisten sollen sich durchschnittlich auf dem Gebiet der DDR aufgehalten haben. Bei ihrem Abzug Anfang der neunziger Jahre ist von 363.680 Militärpersonen und 210.000 Familienangehörigen die Rede. Etwa 36.000 Gebäude in mehr als tausend Militärobjekten wurden geräumt. Die abziehenden Truppen nahmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war: Neben gigantische Mengen Militärtechnik und hunderttausenden Tonnen Munition sogar Lichtmasten und Zäune.

Wieder Sperrzone

Zu den geräumten Liegenschaften gehörte auch die Garnison Jüterbog, eines von insgesamt 60 besonderen militärischen Sperrgebieten. Nicht einmal die führenden SED-Funktionäre des Landkreises hätten bis 1989 gewusst, um welche Division es sich überhaupt handelte, die da in ihren Wäldern lag. Einige Verbände, so schreibt Chronist Schulze, seien auf dem weitläufigen Gelände regelrecht versteckt worden, indem man für sie provisorische Unterkünfte baute.

Mit dem Abzug der letzten Soldaten aus Jüterbog, Ostern 1994, wurden die Hinterlassenschaften sichtbar. Die Streitkräfte übergaben ein 20.000 Hektar großes Gelände - Schrott und Umweltgifte inklusive. Wegen der unkalkulierbaren Gefahren wurde ein Teil der Fläche deshalb erneut zum Sperrgebiet, das heute nur mit ortskundiger Führung betreten werden darf.

Fotograf Beat Hauser hat die Sperrzone erkundet und ist dabei auf viele überraschende Details gestoßen, etwa die Liebe der Sowjets zur Malerei - und zur deutschen Architektur. An einigen Stellen sieht es so aus, als wären die Soldaten gerade erst aufgebrochen. Im Wald stehen noch die schweren russischen Panzer, als könnten sie jeden Augenblick losrollen.


Zum Weiterlesen:

Henrik Schulze: "Geschichte der Garnison Jüterborg 1864-1994 'Jammerbock'". Biblio Verlag, Osnabrück 2000, 748 Seiten.

Silke Satjukow: "Besatzer - 'Die Russen' in Deutschland 1945-1994". Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, 405 Seiten.

Ilko-Sascha Kowalczuk, Stefan Wolle: "Roter Stern über Deutschland". Christoph Links Verlag, Berlin 2001, 256 Seiten.




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insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Rolf Dießner am 29. September 2010, 13:59
Das Bild Nr. 19 beinhaltet einen Schatz: Der Panzer im Vordergrund ist ein US-Kampfpanzer M4 "Sherman" - Teil der US-Militärhilfe, die die USA der UdSSR zeitweise im...


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