|
Marx-Fashion in Kuba: Der am 1. Mai 2007 in Havanna (Kuba) aufgenommene Schnappschuss zeigt eine junge Frau, die ein knappes Top mit Marx-Motiv trägt. Das mit Hilfe einer Schablone aufgesprühte Portrait des Philosophen erinnert in seiner reduzierten Gestaltung an Darstellungen des kubanischen Revolutionärs Che Guevara (1928-1967), der auf einem kleinen Anstecker ebenfalls in ihrem Outfit auftaucht.
|
Gut, dass er das nicht mehr erleben musste: Für die Achtundsechziger hätte Karl Marx vor allem Hohn und Spott übrig gehabt. Und auch bei den heutigen Sozialdemokraten fände der Intellektuelle keinen Platz. Die würde den wüsten Rauschebart wohl zuerst zum Friseur und danach ins Jobcenter schicken, meint Franz Walter.
Am Ende war er privat ein einsamer, unglücklicher, kranker Mann: Karl Marx. Der Tod seiner Ehefrau Jenny im Dezember 1881 hatte ihn gebrochen, das Ableben seiner heißgeliebten ältesten Tochter "Jennychen" im Januar 1883 beraubte ihn der restlichen Lebenskraft. Am 14. März 1883 starb, 64-jährig, Karl Marx in seinem Londoner Exil. Lediglich elf Personen wohnten drei Tage später seiner Beerdigung auf dem Friedhof in Highgate bei.
Dabei wurde Marx in den Jahrzehnten darauf immerhin zum großen Sinnstifter der sozialistischen Bewegung. Die deutschen Sozialdemokraten eigneten sich seine Analysen und Prognosen noch in den 1880er Jahren an und erhoben sie im Jahr 1891 auf ihrem Parteitag in Erfurt zum Programm. Die Bolschewiki stürzten 1917 die zaristische Despotie in Russland, indem sie mit seinen Lehrsätzen agitierten. Und die bislang letzte große Renaissance von Marx erlebten die modernen Gesellschaften im Jahr 1968, als demonstrierende Studenten sein Konterfei durch die Straßen trugen, seine Schriften durch Raubdrucke massenhaft zugänglich machten und sein Werk zur Kapitalismusanalyse in asketischen "Kapitalschulungen" zu begreifen versuchten.
Marx selbst hätte das Tun seiner Epigonen, wäre er noch am Leben gewesen, wohl oft genug mit dem bissigsten Hohn verfolgt.
Choleriker, Selbstquäler, Hypochonder
Marx hatte zeitlebens nur Verachtung für Formeln, gestanzte Redewendungen, Hagiografien, Personenkult, Dogmen. Der östliche Staatssozialismus hätte ihn, der ein vulkanischer Choleriker sein konnte, in blanke Wut versetzt. Marx war viel zu sehr ein Geschöpf des bürgerlichen Zeitalters, der Aufklärung, des Rationalismus, der Ehrfrucht vor Erkenntnis, Wahrheit, Wissenschaft. Marx war ein Forscher aus Leidenschaft.
Stundenlang hockte er Tag für Tag in der Bibliothek des British Museum, las auch noch die entlegensten Bücher, exzerpierte unermüdlich - um sich und seine Ansicht immer wieder aufs Neue zu korrigieren. Abends ging es dann zu Hause bis in die Nacht weiter, in einem von Büchern, Blättern und Manuskripten für Außenstehende chaotisch überfluteten Arbeitszimmer. Es war für den Rest der Familie schwer, Marx - einem starken Raucher und fallweise wüsten Trinker - zu regelmäßigen und einigermaßen gesunden Mahlzeiten zu bewegen.
Leicht machte es sich Marx mit seinem unbändigen Lesehunger nicht. Denn er fand nie ein Ende, ließ es nie genug sein. Der Imperativ des Zweifels - auch an sich selbst - war ihm Elixier, ehernes Gebot und: Plage wie Paralyse. Es ging ihm da wie anderen weit überdurchschnittlich begabten Geistern. Ihre Ansprüche sind hoch, die Maßstäbe an sich selbst oft kaum erreichbar. Das Opus, das sie schaffen wollen, soll einzigartig, komplett, vollendet sein, im höchsten Glanz erscheinen, noch nach Jahrzehnten Bestand und Gültigkeit haben. Solche Ambitionen spornen zunächst an, aber sie lähmen auch, umso mehr, je näher der Termin der Werkvollendung ansteht. Das galt auch für Marx.
Er brauchte Jahre, ja Jahrzehnte für seine großen Analysen zur Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft; das meiste brachte er gar nicht zum Abschluss, mochten auch seine Freunde drängen, wie sie wollten. Marx war kein effizienter Autor, niemand der mit Disziplin schrieb, Fristen und Verträge einhielt. Meist floh er, wenn es ernst wurde, in Krankheiten. Er war ein großer Hypochonder, kam aber auch wirklich die somatischen Folgen zu spüren. Seine Leidensgeschichte mit all den Furunkeln und Karbunkeln an den empfindlichsten Körperstellen wurde hernach in der Medizin- und Psychologiegeschichte des Sozialismus legendär.
Weit leichter gingen Marx seine zahllosen Pamphlete von der Hand, in denen er seine ebenso unzähligen Gegner "vernichtete".
Widersacher zerfetzt
Häme, Sarkasmus, Sottisen - darüber verfügte Marx überreichlich. Er konnte über die unbedeutendsten Köpfe seiner Zeit hunderte von Seiten boshafter, aber brillanter Polemik verfassen, Seite für Seite gefüllt mit ebenso funkelnden wie verächtlichen Apercus. In dieser Art, wie Marx seine Widersacher intellektuell zerfetzte, blieben ihm die späteren Epigonen des "Marxismus" treu - nur blieb es dann, wenn ihnen staatliche Macht zur Verfügung stand, nicht allein bei Rhetorik und Essayistik, um die "Feinde" auszuschalten.
Die Negation war jedenfalls die stärkste Seite von Karl Marx. Oder freundlicher ausgedrückt: die Kritik. Marx bestach durch seine Kritiken, an Hegel, an Feuerbach, an der Ökonomie des Kapitalismus, am Programm von Gotha der jungen deutschen Sozialdemokratie. Immer konnte Marx messerscharf sezieren, wo die Aporien lagen, wo der Schein das reale Sein überdeckte, wo Texte ins Phrasenhafte abrutschten. Ein konstruktiver Theoretiker hingegen war Marx nicht. Er dachte nicht über präzise Alternativen, über Wege, Techniken und Instrumente des Anderen nach. Dergleichen tat er hochfahrend als kleinbürgerliche Utopisterei und philiströse Spekulation ab. Auch sprach aus seinen sozialistischen Schriften kein Altruismus, keine Wärme, kein Mitgefühl. Man gewann nicht den Eindruck, dass da jemand mit dem Subjekt seiner Geschichtsphilosophie, dem Proletariat, mitlitt.
Sein primäres Interesse galt der bürgerlichen Gesellschaft, der inneren Dynamik des Kapitalismus. Davon war er zutiefst erregt, von der mächtigen Expansionskraft der kapitalistischen Produktionsweise, von der Wucht, wie sie territoriale Grenzen einriss und sich international ausdehnte - niemand sonst hatte die Globalisierung so früh und hellsichtig antizipiert wie eben Marx bereits in den 1840er Jahren, als die Mehrheit der europäischen Nationen noch tief in der Feudalität steckte.
Marx war fasziniert vom Kapitalismus, beeindruckt auch von der Fortschrittsfähigkeit des Bürgertums. Und zugleich hasste er dies alles.
Unfähig zur Erwerbarbeit
Nichts charakterisierte das Leben des deutschen Emigranten im Londoner Exil mehr als die stete Spannung von extremen Leistungswillen und düsterer Destruktivität, von Suche nach Zuneigung und triebhafter Zerstörung der meisten Freundschaften. Marx wollte Meister sein, in philosophischen Runden, im Kommunistenbund, in der sozialistischen Internationale. Doch zugleich konnte er gläubige und beflissene Jünger nicht ertragen; er stieß sie hochmütig und kalt von sich fort. Aus den besten Freunden - mit der Ausnahme des kommunistischen Fabrikanten Friedrich Engels - wurden abgründig gehasste Feinde. Aus dieser Spannung zog Marx viel Energie - allerdings auch in schlimmer autoaggressiver Hinsicht.
Nur in seiner Familie war der Löwe sanft. Seine Töchter liebte er abgöttisch; um seine Enkel sorgte er sich hingebungsvoll. Überhaupt: Sobald er auf Kinder traf, streifte er, der strenge Analytiker, seine Gelehrtenattitüde ab, alberte und tollte herum. Existenziell angewiesen war Marx auf seine Frau Jenny, geborene Baronesse von Westphalen, die ihn in all den bitteren, oft elendigen Londoner Jahren verblüffend treu zur Seite stand.
Denn viel hatte Marx ihr nicht bieten können. Zu einer einträglichen Erwerbsarbeit war er nicht fähig und nicht willens. Er führte ein Leben ohne Ordnung, Einkommen und Vorsorge. Die Familie - besser: ein Teil von ihr - überlebte allein, weil Freund Engels, der linke Kapitalist, regelmäßig und verlässlich mit finanziellen Geldleistungen aushalf. Indes: Sobald wieder die Zuwendung aus Manchester eintraf, sobald gab sich Marx ungehemmt großzügig - sodass wenig später abermals Schulden die Familie plagten. Der Weg zum Pfandhaus wurde zur Routine; regelmäßige und tiefe Depressionen überfielen Frau Jenny Marx an der Seite ihres unpraktischen, kaum lebenstüchtigen Mannes.
Aber natürlich, der Mann hatte eine Mission. Und 75 Jahre lang war er die große geistige Autorität auch der deutschen Sozialdemokratie. Den Sozialdemokraten heute ist dieser Typus des Intellektuellen, des unbestechlichen Analytikers, des schillernden Bohemiens ganz und gar fremd geworden. Man muss wohl befürchten, dass man dort für den Mann mit der dichten Haarmähne, den wallenden-zottigen Bart und den ungeregelten Einkommensverhältnissen allein den Ratschlag zur Verfügung hätte, sich gefälligst zu waschen, zu rasieren und dann in einem Jobcenter schnellstmöglich eine ordentliche Arbeit zu suchen.
Obwohl er Hunderte Menschen auf dem Gewissen hat: Che ist...
SPD-Granden wie Steinmeier, Steinbrück und Platzeck berufen...
Plakatkunst zwischen Agitprop und Pop-Art: Eine große...