Hildegards Knefs Lächeln, Zarah Leanders Wimpern: Kurt Wendts gigantische Kinoplakate sind fast so berühmt wie die Stars, die er mit der Spritzpistole malte. einestages hat den Künstler besucht und zeigt Bilder seiner größten Werke - die alle längst zerstört sind. Von Philine Gebhardt
Nur drei Tage hatte Kurt Wendt Zeit für Hildegard Knef. "Die Sünderin" sollte im Januar 1951 Premiere haben, die Zeit drängte. Wendts Auftrag: die Knef in XXL auf Leinwand bringen, ein Filmplakat mit gigantischen Ausmaßen. 8 mal 14 Meter, die Fläche einer Vierzimmerwohnung. Bis spät in die Nacht spritzte Wendt mit seiner Sprühpistole kiloweise Farbe auf neun Leinwände, dann hing "Die Sünderin" pünktlich an einem Giebel am Hamburger Gänsemarkt und lächelte mit ihrem gigantischen Mund auf die Passanten herab. Wendt hatte es geschafft.
Das Filmplakat für den Skandalstreifen war Wendts erstes Fassadenplakat für die Filmverleihfirma Herzog - und bis heute ist es eine Ikone geblieben. Die Pupillen kugelig-riesig wie Wassermelonen, die Nase lang wie ein Besenstiel und der Mund breit wie ein Gummiboot: So sahen die Passanten Wendts Knef auf dem neunteiligen Gemälde, das Monteure wie ein Puzzle zusammengesetzt und mit Flaschenzügen die Hauswand hochgezogen hatten. Dort oben, in schwindelerregender Höhe, entfaltete die "Hilde"-Kopie, die am Boden noch merkwürdig verzerrt aussah, ihre ganze Wirkung. Wendt hatte die Knef täuschend echt getroffen.
"Eigentlich musste man ihren Namen nicht mehr dazuschreiben", sagt er fast 60 Jahre später selbstbewusst. Kurt Wendt, der in diesen Tagen seinen 90. Geburtstag feiert, sitzt in seinem Wohnzimmer in Rellingen bei Hamburg, wo er zurückgezogen mit seiner Frau wohnt. Auf dem Holzcouchtisch vor sich hat er Dutzende Porträts von Filmgrößen der fünfziger und sechziger Jahre ausgebreitet: Humphrey Bogart neben Zarah Leander, Heinz Rühmann neben Ingrid Bergman - eine Promi-Parade auf Papier. Krumm nach vorn gebeugt, studiert er mit seiner großen Brille die Stars, die er mit ihren Konterfeis für die Kinowerbung "groß rausbrachte".
Das Schlimmste war, wenn ein Film erfolgreich war
Im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere gestaltete der Kinoplakatmaler Wendt mehrere tausend Großflächen - genau gezählt hat er sie nie. Acht Aktenordner konnte er mit den Abbildern seiner Werke füllen, etliche Schwarzweißfotos, alle sauber eingetütet in Plastikfolien. Auf einem hat Hildegard Knef in krakeliger Schrift unterschrieben, sie dankt ihm für die "Riesendame". Da stand Wendt gerade in seinem Atelier auf einer Klappleiter und setzt der Hollywood-Diva die "Lichter" auf. Auf einem anderen lobt ihn Romy Schneider für das "beste Plakat", das es je von ihr gegeben habe. Das war 1958, als ihre Komödie "Scampolo" im neugebauten Ufa-Palast am Gänsemarkt Erstaufführung feierte. Für die "Kaiserin der Herzen" fertigte Wendt schon die Filmplakate an, "als sie noch ihren Mädchennamen trug", sagt der gelernte Lithograf. Später entwarf er für sie alle "Sissi"-Poster.
Wendts große Zeit war in den fünfziger Jahren. Damals - Wendt hatte sich gerade als Maler selbständig gemacht und sein eigenes Atelier in einer alten Turnhalle in Blankenese gebaut - war die Lust der Deutschen auf Kino so groß wie nie zuvor. Allein in der Spielzeit 1950/1951 waren mehr als 2000 Filme im Angebot. Lichtspielhäuser, die im Krieg zerstört worden waren, wurden wiederaufgebaut, etliche neu errichtet. Als Kinoplakatmaler schenkte Kurt Wendt den Cineasten die grafischen Idealisierungen ihrer Leinwandheroen.
Seine Schauspielerporträts waren Wendts "Visitenkarte", wie er sagt, und ließen ihn zum gefragtesten Maler der Branche aufsteigen. Insgesamt sieben Kinos belieferte er in seiner Heimatstadt Hamburg, dazu kamen Häuser in Frankfurt, Hannover und München. Er entwarf Druckposter und Zeitungsanzeigen für Neuaufführungen, bestückte die Kinoportale mit seinen Plakaten und die riesigen Werbeflächen, die Trümmerhochhäuser schmückten.
Die Aufträge blieben nur aus, wenn ein Film erfolgreich war und dasselbe Werbeplakat wochenlang hing. "Das war das Schlimmste, dann fiel ein Kunde aus", sagt Wendt. Aber das sei zum Glück nur selten vorgekommen. Die Kinobetreiber wechselten in der Regel alle zwei Wochen das Programm, so sehr lechzten die Deutschen in der Nachkriegs- und Vorfernsehzeit nach neuen Filmen.
"Ich sprühe nicht, ich spritze"
Das Geschäft lief erst schlechter, als in den sechziger Jahren die großen Lichtspielhäuser in Schachtelkinos umgebaut wurden und immer mehr von ihnen mit schwarzen Steckbuchstaben auf weißen Lichtwänden für ihren Spielplan warben. Daraufhin orientierte sich Kurt Wendt um, heuerte beim Fernsehen an und entwarf Kulissen, unter anderem für die Quizsendungen "Einer wird gewinnen" mit Hans-Joachim Kulenkampff und "Alles oder nichts". Später fand er zudem als Bühnenbildner beim Thalia-Theater und Deutschen Schauspielhaus eine Anstellung.
Egal wo Wendt beschäftigt war, sein Arbeitsgerät blieb stets das gleiche: eine winzige Sprühpistole. "Ich sprühe nicht, ich spritze", korrigiert der Grafiker den Laien, der sein Werkzeug mit einer herkömmlichen Spraydose verwechselt. Das aussterbende Handwerk der Spritzerei, um das vor sechs Jahrzehnten noch ein großes Geheimnis gemacht wurde, lernte Wendt während seiner Lithografen-Ausbildung an der Graphischen Kunstanstalt Schultz in Hamburg-Wandsbek. Sein Meister gab ihm die Erlaubnis, die Pistole reinigen zu dürfen. "Nach Feierabend probierte ich dann über dem Spülbecken das Instrument aus", erzählt Wendt über seine Anfänge als Lehrling. So begeisterte er sich für die Technik, die er bald wie kaum ein anderer beherrschte.
Jean Marais und die blauen Augen
Wendt sieht sich als Perfektionisten. Erst wenn er ein Werk, wie er mehrfach versichert, "zu hundert Prozent für gut" befunden hatte, verließ es sein Studio. Gab es nie eine Panne? Der 90-Jährige muss lange überlegen. "Doch, ein einziges Mal", räumt er ein. Wendt sollte 1957 für den Film "Des Königs bester Mann" mit Jean Marais in der Hauptrolle das Filmplakat anfertigen. Als Vorlage diente ihm ein kleines Schwarzweißfoto - das Poster aber sollte bunt sein. "Aus dem Bauch heraus" entschied er sich für Braun als Augenfarbe für den blonden Schauspieler. Doch Marais war blauäugig. "Das war aber kein Problem", erinnert sich Wendt. "Ich habe ihn dann in mein Atelier eingeladen und ihm in seinem Beisein blaue Augen gemacht."
Dass Stars für ihn Modell standen, kam ansonsten nicht vor. Kurt Wendt malte von Druckplakaten für die Kinoaushänge oder Bildern ab - was immer wieder die Frage aufwarf, ob seine Arbeit Kunst oder Handwerk sei. "Ich habe mich nie als großer Künstler gesehen. Denn eine Arbeit, die mit den Händen gemacht wird, ist in erster Linie ein Handwerk", sagt Wendt. Das Finanzamt Hamburg sah das allerdings anders: In einem zweiseitigen Gutachten bestätigte ihm die Behörde 1973, dass sein Beruf ein künstlerischer sei.
Sammler und Archivare nahmen erst Ende des 20. Jahrhunderts Kinoplakate als Kunstform wahr - und fingen an, die Gebrauchsgrafiken für die Nachwelt zu sichern. Für Wendts Fassadenplakate kam dieser Sinneswandel zu spät. Die sündige XXL-Hilde, die strahlende Sissi, "Des Königs bester Mann" mit blauen Augen: All diese Riesenposter sind unter einer dicken Schicht Farbe verschwunden. Denn Leinwände waren teuer und wurden zwecks Wiederverwendung übergrundiert, sobald sie ausgedient hatten.
"Da war ich nicht traurig, das war halt so", sagt Wendt schulterzuckend und stöbert in seinen dicken Alben mit den Erinnerungen aus einer längst vergangenen Zeit.
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