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1917

Kult-Ikone Schwarzwaldmädel Brav, bieder, Bier-Bapperl


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I Love Heimat - Das Schwarzwaldmädel als Pop-Art: Plakat mit stilisiertem Schwarzwaldmädel auf einer Ausstellung im Freilichtmuseum Vogtsbauernhöfe, Mai 2007

Über 90 Jahre ist das Schwarzwaldmädel alt - und strahlt in jugendlicher Unschuld übers rotwangige Jungmädchengesicht. Als Operettenfigur erschaffen machte die Blonde mit dem Bollenhut Karriere als Bierflaschen-Ikone und Aushängeschild einer Bilderbuchlandschaft. Heimat vernebelt zuweilen die Sinne, meint Patrick Kunkel. Na dann, prost!


Berlin-Kreuzberg. Auf dem breiten Gehweg vor einer Kneipe steht eine riesige Bierflasche aus Pappe: Tannenzäpfle heißt das Bier, von dessen Etikett ein Schwarzwaldmädel lächelt. Die blonde Frau trägt Tracht und hält in jeder Hand ein volles Bierglas. Erst kürzlich hat die Kneipe eröffnet. "Zum Alemannen" steht in Frakturschrift auf dem Schild. Draußen sitzen die Gäste auf Holzstühlen: Jung, smart und urban, Handy und Laptop auf dem Tisch. Sie essen Schäufele oder Saure Leber und trinken Tannenzäpfle.

Ausgerechnet jene Großstädter, die sonst auf Tradition und Heimat pfeifen, haben das Bier aus dem Schwarzwald zu einem Kultgetränk gemacht. In Berlin, Hamburg oder München darf es in keinem Club mehr fehlen. Das liegt nicht nur am Geschmack. Das Tannenzäpfle verdankt sein Image vielmehr dem biederen Trachtenmädchen auf dem Etikett. Das zumindest glaubt Roland Jenne, ein Grafikdesigner, der in der Nähe von Freiburg lebt und vor über 30 Jahren das Logo für die badische Staatsbrauerei Rothaus entworfen hat.

"Formalästhetisch ist es einfach richtig", sagt der 68-Jährige. Es sei "ein Signet für Heimat", und stehe seit 1972 für Brautradition und die Reinheit des Biers. Das Logo sei mit Absicht unmodern. "Modern ist immer von der Mode abhängig und im nächsten Moment Schnee von gestern", sagt Jenne. Ähnlich sieht das Rothauschef Thomas Schäuble. "Die Menschen sehnen sich nach Heimat und Verwurzelung", sagt er. Rothaus biete Geborgenheit in einer verrückt gewordenen Welt. Das zahlt sich aus: Die Brauerei fährt Rekordumsätze ein, obwohl sie gänzlich auf Werbung verzichtet.

Das Schwarzwaldmädel - ein Kunstprodukt

Jeder kennt das Trachtenmädchen mit dem Bollenhut. Es ist eine globale Ikone, die bis in die Gegenwart für Frische und Reinheit, für Heimat und Volkstümlichkeit steht. Die Figur gilt als das Gesicht des Schwarzwaldes und wird als solches kommerziell gnadenlos ausgeschlachtet. Sie prangt daher nicht nur auf dem Etikett des Tannenzäpfle, sondern auch auf Milchtüten oder Schinkenpackungen und wirbt für die Urlaubsregion Schwarzwald.

Die Geschichte des Schwarzwaldmädels beginnt am 25. August 1917. Damals hatte die gleichnamige Operette des Komponisten Léon Jessel an der komischen Oper in Berlin Premiere. Jessels Werk wurde umjubelt und gefeiert, weil er den kriegsmüden Deutschen jene heile Kunstwelt erschuf, nach der sich damals so viele sehnten. Die Hauptfigur der Operette, das Schwarzwaldmädel Bärbel, war "die Idealbesetzung der Frau an der Heimatfront", sagt Volkskundler Thomas Hafen. "Bescheiden und fleißig, tapfer und treu, sie trägt Tracht und wartet auf ihren Liebsten." Das traf den Nerv der Zeit, dabei war das Schwarzwaldmädel schon damals ein Kunstprodukt. Ein historisches Vorbild gibt es nicht. Selbst das Wort "Mädel" existiert in den Dialekten des Schwarzwaldes nicht.

Thomas Hafen ist ein echter Schwarzwaldmädel-Experte. Er ist Museumspädagoge im Freilichtmuseum Vogtsbauernhöfe in Gutach im Schwarzwald und hat dort im vorigen Jahr eine Ausstellung über die Geschichte der Frauenfigur mit dem roten Bollenhut organisiert. Jessels Operette markiert den Beginn einer steilen Karriere: Das Schwarzwaldmädel avancierte zu einem weltweit bekannten Symbol einer ganzen Kulturlandschaft. Auch den Nazis gefiel das Mädchen und so warben NS-Organisationen mit ihr für Kraft-durch-Freude-Reisen in den Schwarzwald. Ironie der Geschichte: Die Tannenzäpfle-Trinker haben der Bierflaschen-Ikone mit dem offiziellen Segen der Brauerei den Namen "Biergit Kraft" verpasst, was alemannisch ist und übersetzt bedeutet: "Bier gibt Kraft".

Symbol für eine Welt ohne Trümmer und Krieg

Während "Biergit Krafts" Vorgängerin in den 30er Jahren "Kraft durch Freude" spendete, durfte die Operette von Jessel nach 1935 in Deutschland nicht mehr aufgeführt werden - wegen der jüdischen Herkunft des Komponisten. Anders als ihr Schöpfer passte das Schwarzwaldmädel aber bestens zur NS-Ideologie. "Die Grenzen zwischen Heimattümelei und völkischer Ideologie sind fließend", sagt Museumspädagoge Hafen. Das Schwarzwaldmädel sei eindeutig ideologisch vereinnahmt worden und daher heute unverfänglich. Hafen nennt es "ein Paradigma für den Triumph des Einfachen über das Raffinierte".

Die Ikone überstand den zweiten Weltkrieg. Fünf Jahre nach Kriegsende kam der erste deutsche Farbfilm in die Kinos: "Das Schwarzwaldmädel" sorgte 1950 für einen Publikumsandrang, den kein deutscher Film je wieder erreicht hat. Die perfekt inszenierte Idylle lockte damals über 14 Millionen Menschen in die Lichtspielhäuser. "Grobe Späße statt wirklichem Humor, deutsche Rührseligkeit und Biederkeit", urteilte damals ein Filmkritiker in der Wochenzeitung "Die Zeit". Genau das wollten die meisten Deutschen sehen: Eine heile Welt ohne Trümmer und ohne Spuren von der schmutzigen braunen Vergangenheit. "Das Bedenkliche ist der turbulente Erfolg solcher Filme, die mit ihrer Suggestivkraft die Urteilsfähigkeit des Publikums weiter einlullen", kritisierte der Zeit-Autor.

Dem Schwarzwald hat der erfolgreichste deutsche Heimatfilm einen beispiellosen Fremdenverkehrsboom beschert. Bis heute wirbt deshalb der offizielle Tourismusverband der Region mit dem Schwarzwaldmädel. Christoph Krull, Geschäftsführer der Schwarzwald-Tourismus-Gesellschaft ist wohl einer der größten Fans des biederen Mädchens. Dass jemand das Schwarzwaldmädel verstaubt oder heimattümelnd finden könnte, kann er nicht glauben. "Alle finden es fantastisch", sagt Krull.

Die offizielle Werbeträgerin des Schwarzwald-Tourismus sei aktiv, dynamisch und frisch. "Wir haben schon ein Schwarzwaldmädel auf ein Mountainbike gesetzt um zu zeigen, dass Tradition nichts Ultrakonservatives ist, sondern sich mit den modernen Dingen des Lebens weiter entwickelt." Das Schwarzwaldmädel sei ein international bekanntes Sinnbild für den Schwarzwald. "Es erzeugt die Vorstellung einer Bilderbuchlandschaft in den Köpfen. Genau das wollen wir." Man kann es auch anders ausdrücken: Heimat vernebelt zuweilen die Sinne. Wie zuviel Bier.

Zuerst erschienen auf www.patrick-kunkel.de.



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