Happy Hippos statt Sex und Crime: Das Überraschungsei ist das meistverkaufte Spielzeug der Welt - und seit jeher gewaltfreier Raum. Selbst "Star Wars"-Star Luke Skywalker durfte nur als niedliches Nilpferd in die gelbe Kapsel. Trotzdem hätte die EU die Eier fast verboten. Von Katja Iken
In Italien neigen die Ostereier zur großen Geste. Quietschbunt verpackt, mit voluminöser Schleife versehen und gern mal mannshoch, mangelt es ihnen doch an inneren Werten. Heißt: Was soll die gigantische Schoko-Hülle, wenn darunter doch nur gähnende Leere herrscht? Das muss sich auch Michele Ferrero gedacht haben, als er zur Osterzeit 1974 durch die Turiner Innenstadt streifte. Warum den Eiern nicht einen Sinn geben, das Nichts unter der Schokoschale mit Inhalt füllen? So wurde sie geboren, die Idee zum Ü-Ei.
Der Geistesblitz, Produkte zu Werbezwecken mit kleinen Beigaben zu versehen, ist indes schon deutlich älter. Die Firma Sanella etwa erzielte enorme Erfolge mit ihren sogenannten "Margarine-Figuren": elfenbeinfarbenen Hartplastik-Objekten, heiß begehrt von den Kindern der Nachkriegszeit, ebenso wie die Nachahmer-Produkte, mit denen die Hersteller von Haferflocken, Tabak, Schuhcreme oder Kaffee um die Gunst der Kunden warben.
Inspiriert von dieser seit den fünfziger Jahren florierenden Praxis erfand der Zuckerbäcker aus dem Piemont bei seinem Schaufensterbummel das Überraschungsei. Sofort, so die Legende, eilte er zurück nach Alba und ließ eine Fabrik für kleinteiliges Plastikspielzeug errichten. Zwischen zwei hohle Schokoladenhälften - außen braun, innen weiß - gepresst, sollte die Überraschung im Ei die Gunst der verspielten Schleckermäuler rund um den Globus erobern.
Glückliche Nilpferde, glückliche Firma
Es wurde ein Welterfolg. Ebenso wie Nutella, von Firmengründer Pietro Ferrero nach dem Zweiten Weltkrieg erfunden, um die teure Schokolade durch eine nahrhafte, billige Nuss-Nougat-Creme zu ersetzen. Und, ebenso wie die Kalorienbombe im Glas, ein uritalienisches - und kein deutsches - Produkt, für das es hierzulande irrtümlicherweise oft gehalten wird. Allerdings war Deutschland das Land, in dem das Ü-Ei am meisten für Furore sorgte. Stetig steigende Umsätze bewegten Ferrero dazu, Serien nur für den deutschen Markt zu entwerfen - und einen Deutschen zum obersten Eiermann zu küren: Horst Mann.
Bis 1981 steckte das Schokoladenimperium nur handbemalte, meist aus der Disney-Welt entsprungenen Hartplastik-Figuren wie Goofy, Micky und Ede Wolf ins Ei. Dann stellt es den Designer an, um sich neue Kinder-Überraschungen auszudenken. Mit "Slime", giftgrünem Glibber in der Dose, hatte sich Horst Mann bereits einen Namen in der Spielzeugbranche gemacht. 1982 wechselte er zu Ferrero, um fortan wenige Gramm Plastik zu purem Kinderglück zu formen. Ein Jahr später brachte Mann mit den Schlümpfen die erste Sonderserie ins Ei - und löste einen ungeahnten Sammelboom aus. Kinder trugen ihre gesamten Ersparnisse an den Kiosk, um "in jedem siebten Ei" das Hüpfschlumpfinchen, den Negerkussschlumpf oder den Eierlaufschlumpf zu ergattern - heute allesamt kostbare Sammlerstücke.
Auf die Schlümpfe folgten 1986 die "Happy Frogs", Manns erste eigene Kreation; 1988 landete er mit den "Happy Hippos" einen unvergleichlichen Verkaufsrekord. Ein freudig dreinblickendes Stein-Nilpferd in Taiwan brachte Mann während einer Reise auf die Idee. Überraschungseier avancierten zum meistverkauften Kinderspielzeug der Welt - in mehr als 40 Ländern wird geschüttelt und gewogen, geknackt und genascht, gebastelt und gerätselt, was das Zeug hält.
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