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1917-2008

Besuch beim Fotodetektiv Wenn Bilder lügen


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Der Terrorist im Strandkorb: "Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 recherchierte der SPIEGEL unter anderem auch an der TU Hamburg-Harburg, wo Mohammed Atta studiert hatte. Dabei stieß man auf mehrere Umzugskisten mit Notizen, Visitenkarten und Fotos in einem Schrank der Islam AG.

Zur Veröffentlichung vorgesehen war daraus ein Foto, dass Mohammed Atta in einem Strandkorb zeigt. Die anfängliche Überraschung wich schnell dem Wunsch nach einer zeitlichen Einordnung dieser Aufnahme. Viele Anhaltspunkte gab es nicht, jedoch fiel der Blick rasch auf die Zeitung neben Atta, offensichtlich eine 'Bild am Sonntag'. Die Vergrößerung des Fotos ließ Sportergebnisse der Fußball-Bundesliga erkennen. Die Vereinsnamen waren nur zu erahnen aber ein seltenes Ergebnis war nun deutlich erkennbar: '3:4'.

Jetzt war die Spur gelegt! Ein Blick in das Archiv des Deutschen Fußball-Bundes offenbarte für den ersten Spieltag der Saison 1992/93 das Ergebnis 3:4 für das Spiel Schalke 04 gegen Wattenscheid 09. Dies entsprach der Titelseite, 'Wattenscheid 09' war verkürzt dargestellt als 'W'scheid'. Daneben das Spielergebnis Frankfurt-Dresden 1:1.

Eine Anfrage im Archiv des Axel-Springer-Verlags ergab die vollständige Schlagzeile unter den Sportergebnissen. Sie lautet: 'Honecker in 2 Jahren tot?' Die Ausgabe der 'Bild am Sonntag' war also vom 16. August 1992."
(Jörg-Hinrich Ahrens, Leiter der Bilddokumentation des SPIEGEL)

Undatiert, manipuliert, falsch beschriftet: Historische Fotos geben häufig Rätsel auf - oder zeigen gar nicht das, was der Betrachter zu sehen glaubt. Bilddokumentare entlocken berühmten Aufnahmen von Adolf Hitler, David Beckham oder Mohammed Atta ihre Geheimnisse. Von Benjamin Maack


Es ist ein Foto, wie es in jedem Familienalbum kleben könnte: Ein junger Mann in Jeans und wild gemustertem Rollkragenpullover sitzt in einem Strandkorb. Scheu lächelt er in die Kamera. Was man auf den ersten Blick nicht erkennt: dieser unscheinbare Schnappschuss zeigt Mohammed Atta, einen der Flugzeugentführer, die am 11. September 2001 zwei Passagiermaschinen in das New Yorker World Trade Center steuerten. Das Bild wurde nach den Anschlägen in einem Schrank der "Islam-Arbeitsgemeinschaft" an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg gefunden.

"Damals stellte sich die Frage, wann das Bild aufgenommen wurde", erklärt Jörg-Hinrich Ahrens. Der 49-Jährige ist Leiter der Bilddokumentation des SPIEGEL. Die Aufgabe eines Bilddokumentars ist es, dort genauer hinzusehen, wo der normale Betrachter nur einen Schnappschuss vermutet. Wo die meisten glauben, genau zu wissen, was sie sehen, beginnt er zu recherchieren. Manchmal findet er so ein Datum heraus, wo andere passen müssen.

Bei dem Foto von Mohammed Atta brachte Ahrens ein Fußballergebnis auf die richtige Spur. "Mein Blick fiel schnell auf die 'Bild am Sonntag', die links neben Atta im Strandkorb lag." Ein Erscheinungsdatum ließ sich darauf natürlich nicht erkennen, dafür war das Bild viel zu unscharf, aber zwei Zahlen: "3:4 - ein seltener Spielausgang." Ahrens schaute in das Archiv des Deutschen Fußball Bundes und fand heraus, dass am ersten Spieltag der Bundesliga-Saison 1992/93 Schalke gegen Wattenscheid 3:4 verloren hatte. Demnach hätte es die Ausgabe der "Bild am Sonntag" vom 16. August 1992 sein müssen. Eine Anfrage im Archiv des Springer-Verlags, in dem die "BamS" erscheint, bestätigte die Vermutung des Dokumentars. Denn unter den Sportergebnissen war eine nur zum Teil sichtbare Schlagzeile zu erkennen. Vollständig lautete sie "Honecker in 2 Jahren tot?" und fand sich tatsächlich auf der Titelseite der "Bild am Sonntag" vom 16. August.

Fehler verhindern, Ikonen entzaubern

Auf diese Art haben Ahrens und seine Kollegen schon vielen Bildern ihre Geheimnisse entlockt, Fehler in Bildunterschriften verhindert und sogar einige echte Ikonen entzaubert. Wenn Ahrens von diesen Entdeckungen erzählt, hellt sich sein Gesicht auf. Dann erzählt der Bilddetektiv, wie er einmal eine "Deutsche Wochenschau" ansah und durch Zufall feststellte, dass ein bekanntes Bild, auf dem Hitler 1945 einige jugendliche Volkssturmkämpfer auszeichnet, falsch datiert worden war. In vielen Veröffentlichungen stand bis dato, dieses Bild sei am 20. April 1945, dem Geburtstag des Diktators, entstanden. Doch die Wochenschau, die Ahrens sah, stammte vom 22. März - fast einen Monat vor dem vermuteten Datum. "Dieses Foto tauchte sogar in der berühmten Hitlerbiografie von Joachim Fest falsch datiert auf. Für die Neuauflage mussten sie das ändern", erzählt der Dokumentar nicht ganz ohne Stolz.

Im Job des Bilddokumentars geht es natürlich nicht immer nur darum, spektakuläre Details zu bekannten Bildern zu ermitteln. Doch auch der Arbeitsalltag hält nicht selten knifflige Fälle bereit. "Im SPIEGEL gab es einmal eine kleine Meldung zur Kohlesubventionierung in Deutschland", erklärt er, "da wurde ursprünglich ein wunderschönes Bild ausgesucht. Sonnenuntergang, rauchende Schlote - es war das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde." Trotzdem musste das Bild ausgetauscht werden. Es passte einfach nicht zum Text. Denn "in Deutschland wird, wenn überhaupt nur Steinkohle subventioniert."

Laut Ahrens gibt es vier mögliche Fehler bei Bildern in Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen. Fotos können, wie im Falle des Braunkohlekraftwerks, nicht zum Text passen. Sie können eine falsche Bildunterschrift haben, wie das Bild vom vermeintlichen Führer-Geburtstag, oder einen technischen Fehler haben. "In solchen Fällen wird zum Beispiel ein Bild aus Versehen gespiegelt, also seitenverkehrt, abgedruckt oder ein abstraktes Gemälde auf dem Kopf stehend gezeigt." Nicht zuletzt können Bilder retouchiert worden sein. Zum Beispiel zu Propaganda-Zwecken, wie es bei einem russischen Bild aus den zwanziger Jahren der Fall ist. Damals wurde kurzerhand aus einem Ladenschild ein Revolutionsbanner gemacht. Das berühmteste Beispiel ist wohl die Aufnahme der bolschewistischen Führung, aus der später der in Ungnade gefallene (und im mexikanischen Exil mit einem Eispickel ermordete) Lenin-Gefährte Leo Trotzki herausretouchiert wurde.

Kann man bei so einem Job eigentlich noch in Ruhe am Frühstückstisch die Sonntags-Zeitung lesen? "Ehrlich gesagt: Nein", gesteht der Bilddokumentar und schmunzelt, "ich bleibe da ständig an den Bildern hängen."


In der Bildergalerie zum Artikel erklären Jörg-Hinrich Ahrens und seine Kollegen anhand von Beispielen, wie sie den Geheimnissen dieser Fotografien auf die Schliche gekommen sind.



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Debatte

insgesamt 9 Beiträge zur Debatte
Wolfram Eisen am 31. März 2008, 07:34
Ich hatte Spiegel.de schon mal auf dieses Bild aufmerksam gemacht: http://www.spiegel.de/fotostrecke/0,5538,PB64-SUQ9MjM0ODQmbnI9Ng_3_3,00.html in der bildunterschrift wird...

Oliver Opper am 29. März 2008, 13:12
Der aktuelle Artikel
"Junge Gewalttäter werden selten bestraft"
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,544153,00.html
ist meiner Meinung nach ein gutes...


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