| Tagebuch als Therapie: 1946 erkrankte Edda Nebelung in einem Flüchtlingsquartier bei Lüneburg an Diphterie. Als sie in ihren Fieberträumen die Flucht noch einmal durchlebte, riet ihr der Arzt, alles aufzuschreiben. Ihr Tagebuch ist bis heute erhalten geblieben - wie die silberne Zuckerdose, die ihr Vater zum Dank von der Ehefrau eines Bekannten erhielt, dem er im "Dritten Reich" heimlich zur Ausreise verholfen hatte. |
Schüsse in der Dunkelheit, Erfrierungen und Hungersnot: Edda Nebelung war noch ein Kind, als sie 1945 aus Eichenbrück bei Posen vor den russischen Truppen nach Westen floh. Die Erlebnisse auf der Flucht ließen ihre heile Welt zusammenbrechen. Ein Jahr später schrieb sie ihre Erinnerungen auf. Von Bettina Mikhail
In einem Flüchtlingsquartier bei Lüneburg erkrankte die 14-jährige Edda Nebelung 1946 an Diphtherie. Ein Arzt fragte sie nach einem brennenden Haus, von dem sie zu Beginn der Krankheit fantasiert hatte. Edda sagte nur: "Flucht." "Kannst du das nicht aufschreiben?" "Hab’ ich doch getan." "Kurz oder lang?" "Ach, nur Stichpunkte. Mehr Zeit hatte ich nicht." "Jetzt hast du viel Zeit."
Und so schrieb die kleine Edda ganz genau auf, wie alles gewesen war. Der Umzug ihrer Familie in die Nähe von Posen. Die Beschwichtigungen, es bestehe dort keine unmittelbare Kriegsgefahr. Und vor allem ihre Flucht in letzter Minute, als doch die russischen Truppen anrückten.
1942 hatte ihr Vater, Paul-Friedrich Nebelung, seinen Dienst in der Kreishauptstadt Eichenbrück angetreten. Das Gebiet um Wagrowiec, Jahrhunderte lang Zankapfel zwischen Polen und Deutschland, war 1939 nach dem deutschen Polenfeldzug dem "Deutschen Reich" einverleibt und als Landkreis Eichenbrück dem "Reichsgau Wartheland" mit der Hauptstadt Posen zugeordnet worden.
Der aus einer Pastorenfamilie stammende Nebelung war ein untypischer Nationalsozialist, und genau das sollte zu seiner Versetzung nach Eichenbrück führen: Er war Reichstagsabgeordneter, Ortsgruppen- und Kreisleiter in Nienburg an der Weser, sowie Gaupersonalamtsleiter und ehrenamtlicher Stadtrat in Hannover. Gleichwohl trat er 1938 vor der Reichspogromnacht dafür ein, keine Synagogen in Brand zu setzen. Einem Bekannten, der als "nicht arisch" eingestuft worden war, verhalf er heimlich zur Ausreise.
Dass er zudem in Anwesenheit eines Gauleiters seine Familie zum Tischgebet anhielt, stieß diesem sauer auf - der Nationalsozialismus hatte schließlich ein zwiespältiges Verhältnis zum Christentum. Als der aus gesundheitlichen Gründen nicht kriegsverwendungsfähige Nebelung mit den politischen Strömungen in Hannover schließlich nicht mehr einverstanden war, wurde er zunächst nach Kölleda und bald danach als Landrat nach Eichenbrück versetzt.
"Los, in fünf Minuten bist du fertig!"
Am 18. Januar 1945 erhielt Nebelung aus Posen noch die Auskunft, dass für das Gebiet Eichenbrück keine unmittelbare Kriegsgefahr bestünde. Doch die deutschen Einwohner ahnten, dass die russischen Truppen näher rückten. Edda beschreibt in ihrem Tagebuch die Stimmung: Frau Koch aus Werderhof fragt Mami: "Wir bekommen doch Bescheid, falls 'es' soweit kommt?" "Natürlich, das macht die Kreisleitung." "Könnten Sie mich nicht anrufen, wenn Sie fahren?" "Wir bleiben bis alle gehen, Frau Koch." Bleiben ja, aber packen tun wir heimlich, obwohl es verboten ist. Ich packe bis Nachts um elf Uhr. Im Schlafzimmer nebenan telefoniert Vati mit Posen. Keine Beunruhigung, heißt es. Also kann ich schlafen, vorsichtshalber behalte ich mein Unterzeug an, wie früher in Hannover, falls Alarm kommt.
Am Samstagmorgen durfte Edda noch in die Stadt gehen. Sie schlenderte durch die Straßen, der Wind war bitterkalt. Plötzlich sah sie an der Bahnhofstraße Treckwagen. Eine der polnischen Hausangestellten ihrer Familie lief ihr entgegen, rief ihr zu, dass bis auf ihren Vater alle schon aufgebrochen seien. Nebelung hatte eine Anordnung zur sofortigen "Verlegung der Verwaltung in das alte Reichsgebiet" erhalten. Das Verwaltungsgut wurde auf Ackerwagen verladen und mit dem Ziel Prenzlau auf den Weg geschickt. Für die deutschen Einwohner des Gebiets, ungefähr 12000 Menschen, bedeutete das die Flucht in letzter Minute. Edda lief nach Hause.
Ich renne die Treppen rauf, da rollen sie gerade den Teppich auf. "Jezus kochany, Fräulein Edda ist noch hier." Vati muss vor seinem Dienstzimmer gestanden haben und es gehört haben. "Los, in fünf Minuten bist du fertig!" "Kann ich nicht bei dir bleiben?" "Nein, Mami braucht dich, nun los!" Ich reiße meine Zimmertür auf, da steht der Rucksack für mich, ich laufe und ziehe mir eine zweite Trainingshose an und meine alte, schon angestrickte Jacke, noch eine, meinen guten, neuen Mantel, ein zweites Paar Handschuhe.
Sie rannte in die Küche, schnappte das Silber, das im Abwasch lag, und wickelte es in Scheibengardinen, die frisch aufgesteckt werden sollten. Vati pfeift. Ich möchte noch überall etwas mitnehmen, aber ich weiß, jetzt gilt es nur gehorchen. Vati steht mit dem Schlüssel in der Hand an der Wohnungstür. "Ja, Vati. Pass gut auf alles auf, bis wir wiederkommen."
Zuckerschock auf dem Kutschbock
Ein Teil der deutschen Einwohner im Kreis flüchtete mit der Eisenbahn, die meisten aber mit Pferd und Wagen auf Ortsgemeinschaftstrecks. Als Edda am Bahnhof eintraf, war dort ein Gewühl von Menschen, kein Beamter, kein Zug, kein Soldat zu sehen. Ein Bekannter bahnte sich den Weg zu Eddas Mutter. Er bot ihr an, mit ihren fünf Kindern und zwei kleinen Enkelkindern bei seiner Frau auf einem Pferdewagen mitzufahren. Auch Nebelungs polnisches Kindermädchen Rosalie, genannt "Salli", und vier weitere Frauen mit insgesamt drei größeren Kindern und einem Säugling stiegen auf.
Herr S., schwer zuckerkrank, braucht nicht zum Volkssturm, soll uns fahren, schreibt Edda in ihrem Tagebuch. Um 23 Uhr erreichten sie das etwa 50 Kilometer entfernte Scharnikau, das heutige Czarnków. Nach einer kurzen Pause setzte sich der Treck erneut in Bewegung, Herr S. saß wieder auf dem Kutschbock.
Salli sagt zu mir, "Edda, pass du vorne auf ihn auf." Also schlafe ich nicht mehr, sondern halte mich krampfhaft wach. Kurz nach dem Ort sehe ich plötzlich Herrn S. die Zügel so komisch bewegen, dann passierte alles gleichzeitig: ich sprang auf und nahm die Zügel, während Mami rief: "Edda, jetzt du!"
Tapferes Mädchen
Sie brachten Herrn S. nach hinten zu seiner Frau und dem Baby. Ich sitze jetzt also vorne und versuche die Zügel vorschriftsmäßig durch meine kalten Hände laufen zu lassen. Und dann brauchte ich mir keine Mühe mehr geben, wach und aufmerksam zu sein, denn plötzlich hörte man Schießen. Vorsichtig guckte ich links und rechts, und rechts brannte dann die Scheune, vor uns war Wald. Eine schreckliche Angst überfiel mich, und ich hörte Vatis Stimme, "pass auf Mami auf."
Das nächste Ziel des Trecks war Kreuz. Edda bog nach links in den Wald ab, um die Panzer zu umfahren, die sie auf der Hauptstraße vermutete.
Niemand im Wagen sagte etwas dazu, sie merkten nicht einmal, dass keine Wagen vor uns waren. Als mein Waldweg sich teilte, war ich ratlos, dann entschied ich mich für rechts, weil die Hauptstraße ja noch weitergegangen war. Ich wollte nicht daran denken, dass wir falsch gefahren sein konnten. Ich will nicht verhungern, erfrieren, irgendwo liegen. Dann ist plötzlich eine Straße da, eine richtige wieder. Ich stehe auf und sehe, dass hinter uns wieder andere Wagen sind. Und dann schreien die Babys und jemand fragt: "Wie spät ist es?" "Bald 5 Uhr." Es ist schneidend kalt, ich fühle nicht mehr, dass ich Füße habe. Dann kommen Schritte. Herr B. "Ihr seid ja plötzlich ganz vorn! Wie geht es?" Er hilft mir vom Wagen springen, ich kann kaum mehr auftreten.
"Die Polen kommen!"
Drei Tage nach ihrem Aufbruch traf der Treck in dem Dorf Berlinchen, heute Barlinek, ein. Edda war erleichtert, als sie das Auto ihres Vaters entdeckte. Nebelung hatte in Eichenbrück ausgeharrt - bis ein offizielles Schreiben gekommen war, dass auch er die Stadt verlassen durfte. Von ihrem Vater sah Edda trotzdem nur wenig. Er fuhr die Treckstraßen voraus, schlug Wegweiser an, ordnete Quartiere, fuhr zurück, half den Leuten, Schnee zu schaufeln, brachte einen Arzt zu Kranken und fuhr Frauen in die Klinik.
Als wir nach Schwedt an der Oder kommen, rufen die Wirtin und noch jemand ganz laut: "Die Polen kommen!" So dreht sich der Spieß um. Mami sagt: "Erzähl das niemanden, aber Rosalie gehört jetzt einfach mit zu uns." Und etwas später begreife ich das, als andere Leute berichten, dass ihre Polen zurückgelaufen sind, manche Wagen mitgenommen haben oder so. Später frage ich Salli, warum sie mit uns gekommen ist. Sie sagt, Vati hätte Weihnachten 1944 alle katholischen Kirchen wieder für die Polen öffnen lassen, wir seien zu allen gut und freundlich gewesen, sie müsste uns helfen, wo wir sie jetzt brauchten.
Schließlich traf der Treck am Zielort Prenzlau ein. Doch dort war man mit den Menschenmassen und ihren Pferden überfordert. Nach über zwei Wochen Zwischenlager erwirkte Nebelung eine Genehmigung, um mit dem Treck über die Elbgrenze in den Raum Lüneburg weiter zu ziehen.
"Was Heiles gibt es wohl nicht mehr"
So zog der Treck weiter bis nach Dahlenburg bei Lüneburg – nach 500 Kilometern Wegstrecke Auffangstation für die Eichenbrücker.
Vati ist unterwegs, bis er sehr, sehr krank zu uns kommt. Sie feiern "Abschied vom Treck", während Vatis Fieber steigt, seine Erfrierungen aufbrechen im Gesicht, weil er an andere dachte beim Schneeschippen und sich das holte. Meine Hände und Füße sind erfroren und offen, und alle haben Hunger, aber wir sind in Sicherheit, erst einmal.
Wir Kinder lernen immer mehr Hunger haben und nichts sagen. Ich frage und rede nicht, wo die Fronten jetzt sind und wie es weitergeht. Ich bin immer noch nicht bereit zu sterben. Meine frühere Welt ist nicht mehr, futsch, aus, alle. Was Heiles gibt es wohl nicht mehr. Die Flucht ist vorbei, aber wir werden noch lange Flüchtlinge sein.