Im Kino fliegt er wieder, im echten Leben war vor genau 90 Jahren Schluss: Am 21. April 1918 holte eine einzelne Kugel den Jagdflieger Manfred von Richthofen mit seinem roten Dreidecker vom Himmel. Richthofen-Biograf Joachim Castan über den letzten Kampf einer Legende.
Der 21. April 1918 war ein trüber Sonntag. Auf einem kleinen deutschen Feldflugplatz standen knallbunt bemalte Jagdflugzeuge bereit zum Einsatz. Das auffälligste unter ihnen war ein roter Fokker-Dreidecker - das Dienstflugzeug Manfred von Richthofens. Dem preußischen Rittmeister ging es an diesem Tag nicht gut; die Kopfschmerzen, die ihn seit seinem Abschuss am 6. Juli 1917 plagten, sollten auch heute nicht besser werden. Richthofen war zu diesem Zeitpunkt bereits unangefochten der erfolgreichste Jagdflieger des "Großen Krieges", der später Erster Weltkrieg genannt werden sollte.
Mit Wagemut und unglaublicher Selbstdisziplin war es ihm gelungen, 80 feindliche Flugzeuge vom Himmel zu holen und schon zu Lebzeiten zur Legende zu werden. Dazu trug die Wahrnehmung des noch neuen Luftkampfs als moderne Form des Ritterturniers bei, bei dem sich Männer von Stand eine Art sportlichen Wettkampf lieferten und im fairen Ringen der "Bessere" siegte. Selbst Richthofens Mutter glaubte, dass ihr "guter Junge" die meisten seiner Gegner lediglich zur Landung gezwungen habe, nicht etwa abgeschossen und umgebracht.
Eigentlich hatte Richthofen an diesem Tag Urlaub, die Bahnfahrkarte lag auf seinem Tisch. Im Schwarzwald sollte er an einer Hochwildjagd im Revier eines Staffelkameraden teilnehmen. Doch an diesem Morgen packte ihn eine ganz andere Leidenschaft. Richthofen zog sich seine Fliegerkombi über den Seidenpyjama, um noch kurz vor dem Mittagsschlaf einen Engländer vom Himmel zu holen.
Fliegerheld mit eigener Autogrammkarte
Der Luftkampf war Richthofen zum Lebenselixier geworden. Die höchste Anspannung blieb, aber die Todesangst hatte er sich durch jahrelanges Training und unerbittliche Selbstbeherrschung weitgehend aberzogen. Schon seit geraumer Zeit allerdings entsprach sein Gesicht nicht mehr dem Abziehbild auf den millionenfach gedruckten und von ihm tausendfach signierten Heldenpostkarten. Die zeigten einen verwegenen, gutaussehenden jungen Mann, der mit hochgestelltem Kragen und kecker Fliegermütze selbstbewusst auf den Betrachter schaut. An seinem Hals glänzte der höchste Tapferkeitsorden Preußens, der "Pour le mérite", welcher ihn für das Vaterland als kaiserlichen Helden auswies. Die letzten Fotos Richthofens dagegen zeigen einen Gezeichneten, der 25-Jährige wirkt wie ein Mann mittleren Alters, aus dessen Gesicht Glanz und Elan verschwunden sind.
Richthofen steigt mit seinen Kameraden auf. Nach kurzer Zeit sind die englischen Gegner in Flanderns Himmel ausgemacht. Richthofens Geschwader ist schnell in zahlreiche Luftkämpfe verwickelt. Es beginnt eine wilde "Kurbelei", wie es damals unter Jagdfliegern heißt. Jeder versucht, hinter den jeweiligen Gegner zu kommen, um ihn dann mit einem fest montierten Maschinengewehr abzuschießen. Doch diesmal führt die Kurbelei zu nichts, so dass die deutschen Piloten beschließen, wieder zu ihrem Stützpunkt zurückzukehren. Zwei von Richthofens Leuten können gerade noch sehen, dass sich der "Alte", wie sie ihn respektvoll nennen, in einen offensichtlichen Anfänger auf Seiten der Briten verbissen hat und bei der Hatz auf den Gegner nun in der Ferne verschwindet.
Der kanadische Pilot ist ein junger Flieger namens May, der in diesem Moment mit seinem Leben abschließt. Um sich aber nicht wie ein Frischling abschießen zu lassen, vollführt er die kühnsten hektischen Flugbewegungen, um den gefürchteten "Roten Baron" abzuschütteln. Richthofen schießt und trifft nicht. In diesem Augenblick eilt Mays kanadischer Staffelführer Major Brown , der seinen Schützling retten will in seiner Sopwith "Camel" zu Hilfe.
Herzdurchschuss in luftiger Höhe
Was danach passiert, bleibt ein Rätsel, an dessen Auflösung sich Generationen von selbsternannten Luftfahrtexperten und ein halbes Duzend Buchautoren versucht haben. Seit nunmehr 90 Jahren wird heftig über die - historisch irrelevante - Frage gestritten, wie Manfred von Richthofen abgeschossen wurde: Von einem australischen MG-Schützen vom Boden? Oder von einem kanadischen Jagdflieger aus der Luft? Heute kann als weitgehend gesichert gelten, dass Richthofen durch ein einziges Geschoß eines australischen MG-Schützen zu Tode kam. Von den Engländern gefeiert wird aber bis heute Brown. Ein strahlender Offizier, der den größten deutschen Kriegshelden im Luftkampf vom Himmel holte, passte besser ins Bild als wenn den legendären "Rote Baron" ein einfacher Infanterist vom Boden aus getötet hätte.
Richthofen erlitt einen direkten Herzdurchschuss, der innerhalb von Sekunden zum Tode geführt haben muss; sein Flugzeug stürzte auf einen Acker. Bei dem Aufschlag wurde Richthofens Kopf auf die Armaturen geschleudert, so dass eine Anzahl von Zähnen herausbrach. Die Maschine lag in einem heftigen Artillerie-Trommelfeuer, und nur unter Mühen konnten die Engländer nach einiger Zeit den Leichnam aus dem Wrack ziehen. Über die Identität des Toten bestand kein Zweifel - man hatte soeben den gefährlichsten Luftgegner dieses Krieges geborgen.
Am Abend spielte sich eine makabere Szene ab. Für ein Foto richteten die Engländer den Leichnam her: Die Zähne wurden notdürftig wieder in die richtige Position geschoben und der blutverschmierte Kopf wurde mit Backpulver eingepudert. Danach wurde der tote Richthofen auf ein Stück Wellblech gebunden und aufrecht gestellt. Zwei Fotos vom Gesicht wurden gemacht als Bildbeweis, dass Richthofen tatsächlich besiegt war - es gab die Befürchtung, dass die deutsche Oberste Heeresleitung den Verlust des Idols verheimlichen könnte. Diese Sorge allerdings war unbegründet. Drei Tage nach dem Abschuss wurde die deutsche Öffentlichkeit mit der Nachricht vertraut gemacht. Die gebeutelte Nation hatte damit eine der letzten Heldengestalten in diesem zunehmend aussichtslosen Krieg verloren. Die Trauer war im ganzen Land groß.
Systematisch aufgebaute Legende
Die Royal Air Force trug ihren toten Angstgegner mit allen militärischen Ehren zu Grabe. Sechs Fliegeroffiziere trugen Richthofens Sarg von einem Lastwagen zum Grab auf einem kleinen Dorffriedhof im nordfranzösischen Bertangles, ein anglikanischer Geistlicher führte den Trauerzug an. Gesenkten Hauptes standen britische Soldaten und Offiziere am offenen Grab, als der Sarg hinabgelassen wurde.
Sein früher, gewaltsamer Tod machte Richthofen endgültig zum Mythos. Begonnen hatte die Legendenbildung allerdings schon lange vorher. Die Oberste Heeresleitung hatte Richthofen bereits seit Anfang 1917 systematisch zum deutschen Vorzeigehelden aufgebaut. Der strahlende junge Leutnant sollte als Symbol für deutschen Kampfesmut und Erfolgswillen herhalten und suggerieren, dass dieser Krieg, den kaum jemand verstand und der von immer weniger Untertanen mit Begeisterung getragen wurde, noch zu gewinnen sei: Nehmt euch den tapferen und mutigen Richthofen zum Vorbild und der Sieg wird trotz aller Widrigkeiten unser sein, lautete die Botschaft.
Jetzt wurde sein Tod als Beispiel für deutschen Opfermut gefeiert. Selbst die ungeklärten Todesumstände dienten der Propaganda. So behaupteten die Deutschen, lediglich ein Zufallstreffer habe Richthofen erwischt. Das sollte heißen: Einen Helden von der Klasse eines Richthofen kann kein Gegner im offenen Schlagabtausch niederringen, es bedarf der Hilfe des Zufalls. Auf ewig sollte Richthofen der unbesiegte Held bleiben.
Keine Frauen, kaum Alkohol, viel kaltes Blut
An Richtofens Stelle als Geschwaderkommandeur trat nach einem Intermezzo eines Hauptmanns Reinhardt ein damals noch unbekannter, erfolgreicher Jagdflieger und Kommandeur der Jagdstaffel Nr. 27 namens Hermann Göring, der später zusammen mit einem Herrn Hitler große Karriere machen sollte. Göring führte das "Jagdgeschwader Freiherr von Richthofen Nr. 1" vom 6. Juli 1918 bis zu dessen Auflösung am 16. November 1918. Bis zu seinem Selbstmord am 15. Oktober 1946 vor seiner geplanten Hinrichtung als Schuldiger im Nürnberger Prozeß behauptete Göring, der engste Vertraute Richthofens gewesen zu sein und den mysteriösen Abschuss aus eigener Anschauung erklären zu können. Tatsächlich gab es zwischen Göring und Richthofen zu Lebzeiten keinerlei persönliche Beziehung. So wurde schon 1918 an der Richthofen-Legende gestrickt. In den zwanziger Jahren kam dann das Bild des "Roten Barons" als einsamer Ritter der Lüfte hinzu, der seine Gegner kampfunfähig machte und zur Landung nach einem erfolgreichen Luftkampf zwang. Diese Vorstellung fand selbst im Land des ehemaligen Kriegsgegners USA zahlreiche gläubige Anhänger. Eine verschworene Gemeinschaft von Anhängern der Vorstellung des sauberen Luftkampfes im Ersten Weltkrieg glaubt diese Geschichte bis heute.
Richthofen zeichnete sich durch zahlreiche Charakterstärken aus: Dazu zählten Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, Kameradschaft, Teamgeist, Willensstärke, große Selbstdisziplin. Er hatte keinerlei Frauengeschichten, trank kaum Alkohol und besaß eine enorme Kaltblütigkeit. Noch zu Lebzeiten wehrte er sich - allerdings relativ erfolglos - gegen seine Vereinnahmung durch die deutsche Propaganda. Selbstbewusst ignorierte er ausdrückliche Befehle seiner Vorgesetzten, die ihn aus der Kampfzone heraus auf einen sicheren Stabsposten versetzen wollten. Selbst gegenüber dem Kaiser sprach er recht unverblümt von der brutalen Realität des Krieges. In seinen hinterlassenen Schriften wieder aufgefundene Zitate Richthofens dokumentieren allerdings auch Richthofens Direktheit: "Es liegt nicht jedem Menschen, im letzten Augenblick noch die volle Geistesgegenwart zu behalten, ruhig zu zielen über Visier und Korn und Kopf aufsitzen zu lassen. Diese Art Menschenjagd muss tatsächlich geübt werden."
Der neue Spielfilm von Nikolai Müllerschön, der jetzt in den Kinos angelaufen ist, macht aus Richthofen einen romantischen Kriegshelden, der am Schluss an seinem Tun zweifelt - großes Kino mit großen Gefühlen. Der historische Richthofen war in weiten Teilen gänzlich anders, als uns der Film glauben machen will.
Er gilt als Inbegriff des ehrenhaften Kriegshelden: Mit 80...
Kaum abgeschossen, schon eine Hollywood-Legende: Seit 80...
Spurensuche in der Familiengeschichte: Jahrzehntelang wusste...