Über einestages

1985

Talkshow-Legende "Ich bin Larry, euer Freund"


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Show der Polit-Entscheidungen: Immer wieder wurde Larry Kings Show zum Ring für politische Gefechte. Im November 1993 trafen sich der damalige Vizepräsident Al Gore und der Politiker und Milliardär Ross Perot zu einem legendären Schlagabtausch. 16,3 Millionen Amerikaner sahen zu, als sie die Vor- und Nachteile des umstrittenen Nordamerikanischen Freihandelsabkommens, kurz Nafta, diskutierten - damals eine Rekordeinschaltquote.

Während Gore mit klaren Worten seine Argumente für das Abkommen darlegte, wirkten Perots Entgegnungen "weinerlich und sogar ein wenig verrückt", schrieb später der Washington-Korrespondent der britischen Tageszeitung "The Independent". So wurde die 90-minütige Debatte, in der sich Perot Stück für Stück selbst demontierte, nicht nur zur absurden Polit-Show. Sie war auch der entscheidende Durchbruch für das Handelsabkommen, das nur wenige Wochen später beschlossen wurde.

"Präsident Clinton rief mich einen Tag später an, um sich zu bedanken", erinnert sich King, "er sagte, dass Nafta es ohne diese Show niemals durch den Kongress geschafft hätte." Im Mai 2010 kürte er das historische Polit-Duell auf CNN.com zu seinem persönlichen liebsten "Larry King"-Moment.

Königsmacher und Beichtvater: Mit butterweichen Fragen und geballter Harmlosigkeit stieg Larry King aus ärmlichen Verhältnissen zum bestbezahlten Moderator Amerikas auf. Nach 25 Jahren bei "Larry King Live" hört der König der Talkmaster auf - einestages erinnert an die denkwürdigsten Momente seiner Show. Von Christoph Gunkel und Benjamin Maack


Lawrence Harvey Zeiger war ein wenig nervös, aber vor allem ungeduldig. Wochenlang hatte er in Miami die Fenster in dem Redaktionsgebäude eines lokalen Radiosenders geputzt - doch nur, weil er davon träumte, einmal selbst zu moderieren. Und tatsächlich: Als ein Journalist bei dem Sender ausfiel, bekam der beharrliche Fensterputzer am 1. Mai 1957 die Chance seines Lebens.

Doch wenige Minuten vor der Feuertaufe mäkelte sein Chef plötzlich an seinem Namen herum. Lawrence Harvey Zeiger, meinte er, das klinge doch irgendwie "zu ethnisch, zu kompliziert". Er warf einen flüchtigen Blick auf eine Zeitung, und entdeckte dort eine Werbeanzeige mit dem Namen "King's Wholesale Liquor". Kurzerhand taufte er den jungen Lawrence Harvey Zeiger in "Larry King" um - und schuf damit eine Weltmarke.

Larry King, der Moderator, der nach einem Spirituosengroßhandel benannt wurde, verdankt also einen Teil seines späteren Ruhms buchstäblich der Schnapsidee seines ersten Chefs. Mehr als ein halbes Jahrhundert später ist der Mann mit der heiseren Stimme, der markanten Hornbrille und den breiten Hosenträgern die Ikone unter den TV-Talkern. Der Fensterputzer von einst interviewte sie alle: Audrey Hepburn, Jassir Arafat, Frank Sinatra, Monika Lewinsky, Margaret Thatcher. Und jeden US-Präsidenten seit Nixon. Mehr noch: Er fesselte mit seinen unaufgeregt-harmlosen Fragen regelmäßig ein Millionenpublikum.

"Meister des Mikrofons"

So wurde der einmal aus der Laune geborene Nachname des Talkmasters nachträglich zum genialen PR-Coup in eigener Sache: King, der König unter den Talkmeistern, der "Meister des Mikrofons" ("Time Magazine"), der Präsidentenmacher. Jahrzehntelang rissen sich Berühmte und Möchtegern-Berühmte, aufgehende und sinkende Polit-Stars um einen Auftritt in der CNN-Show "Larry King Live", die in 165 Länder rund um den Globus übertragen wurde.

Nun, nach 25 Jahren als Moderator von "Larry King Live", geht der 77-jährige Altmeister in Rente - auch deshalb, weil die einst so umwerfende Quote von mehr als 16 Millionen Zuschauern inzwischen auf übersichtliche 700.000 geschrumpft ist. Die USA verlieren mit dem Aus des "King of Talk" nicht nur den Erfinder der ersten TV-Show, bei der die Zuschauer Fragen stellen konnten. Sondern auch einen Journalisten, der wie kein zweiter den Amerikanischen Traum verkörperte.

Denn die Karriere des wohl berühmtesten und bestbezahlten Moderators der Welt begann in purer Armut im New Yorker Stadtteil Brooklyn. King, Sohn jüdischer Einwanderer aus Österreich und Weißrussland, verlor seinen Vater schon im Alter von neun Jahren: Er starb an einem Herzinfarkt (was den Sohn später nicht daran hindern sollte, zu rauchen wie ein Schlot). Die Mutter musste den jungen Larry und seinen kleinen Bruder danach allein mit Sozialhilfe und ihrem mageren Einkommen als Näherin durchbringen.

Entwaffnende Ehrlichkeit und peinliche Fragen

Der Weg schien vorgezeichnet: Nach dem Tod des Vaters ließen die Schulnoten nach, nur mit Mühe schaffte King die Highschool. An ein Studium war nicht zu denken, er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, mal als Verkäufer, dann wieder als zweiter Mann auf einem Paketdienstlaster. Seinen Kindheitstraum vergaß er jedoch nie: "Ich wusste immer, dass ich zum Radio wollte", erzählt er gern in Interviews. "Schon mit fünf Jahren habe ich vor dem Gerät gesessen und so getan, als wäre ich Moderator." Als Teenager spielte er dann immer wieder im Badezimmer seine liebsten Radiosendungen nach.

Doch als er 1957 nach seinem Job als Fensterputzer endlich seine Chance im Radio bekam, versagte er komplett. Nach dem ersten Lied der Sendung brachte er kein Wort raus. Erst als sein wutentbrannter Chef ihn anfuhr, redete er drauflos - und versuchte es mit entwaffnender Ehrlichkeit: "Hey, das ist heute meine erste Sendung, ich bin ein bisschen nervös und mein Chef hat mir vorhin auch noch einen neuen Namen verpasst."

Damit hatte King gleich mit dem ersten Satz instinktiv den Ton getroffen, der ihn später so erfolgreich werden ließ: ehrlich, menschlich, unverstellt. "Ich bin ein Mann von der Straße", erklärte er später seinen Stil. "Mir geht es nicht darum, Politiker mit komplizierten Fangfragen in den Hinterhalt zu locken. Ich will mich ganz normal mit ihnen unterhalten."

Nach seinen ersten Sendungen ging es Schlag auf Schlag, trotz einiger peinlicher Aussetzer. So fragte er etwa einen katholischen Pfarrer allen Ernstes, wie viele Kinder der denn so habe. Doch solch ungewollte Komik befeuerte seine Sympathiewerte eher. Bald produzierte er seine eigene erste Radio-Talkshow, wurde landesweit bekannt und schließlich 1985 von Medienmogul Ted Turner zum TV-Sender CNN geholt - die Geburtsstunde von "Larry King Live".

Fragen, weich wie ein Softball

Die Show war keine kulturelle oder technische Revolution - und wurde dennoch zur festen Institution in der sonst so schnelllebigen US-Medienlandschaft. Abend für Abend, Jahr für Jahr beugte sich Larry King mit zurückgekämmten Haaren, hochgekrempelten Hemdsärmeln und bekleidet mit einem Paar aus seiner 150 Modelle fassenden Hosenträgerkollektion über sein großes Retro-Mikrofon und blickte durch seine überdimensionierte Brille in die TV-Kameras. Die Quoten explodierten. Die Sendung wurde zur Heiligen Kuh des US-Fernsehens, unantastbar wie bei uns vielleicht nur "Tagesschau" und "Tatort".

Über die Gründe lässt sich trefflich streiten. Denn Larry King stellte keine tiefschürfenden, knallharten, kritischen Fragen. Er drängte seine Gesprächspartner nicht in die Ecke. Ging es um Katastrophen, fragte er die Angehörigen der Opfer nach ihren Gefühlen. Politiker durften ausführlich aus dem Privatleben erzählen. Larry Kings geballte Harmlosigkeit brachte ihm schon bald den zweifelhaften Ruf ein, "das freundlichste Mikrofon in Washington" zu sein; seine Fragen, so lästerten die Kritiker, seien weich wie ein Softball.

Doch vielleicht versteckte sich hinter all der Verbindlichkeit und den schmeichelnden Zwischensätzen auch eine knallharte Strategie, mit der King seinen Gästen in einer Atmosphäre der Vertrautheit weit mehr entlockte, als die eigentlich verraten wollten. "Meine Show", erklärte er immer wieder, "ist der angenehme Ort, zu dem die Leute gerne kommen." Es gehe darum, das Gefühl zu vermitteln: "Ich bin Larry, euer Freund."

Tränen, Küsse und Zusammenbrüche

Der Erfolg gab ihm recht und löste eine Eigendynamik aus. Die permanent hohen Quoten lockten die wichtigsten Promis und Politiker an, die wiederum die Quoten hochhielten. Der Weg ins Weiße Haus, so raunte man schon bald in Washington, führe direkt durch Kings TV-Studio. Der nette Moderator galt als Königsmacher und Beichtvater der Nation.

Er redete mit allen über alles und schrieb damit legendäre Momente der US-Fernsehgeschichte. Bei ihm plauderte Ricky Martin über seine Heiratspläne mit seinem Freund. Celine Dion brach nach der Katastrophe des Hurrikan "Katrina" in Tränen aus. Marlon Brando ließ den Moderator in seine privaten Gemächer, spendierte der TV-Crew Champagner und küsste den Showmaster dann auf den Mund. King gelang sogar, woran etliche Spitzendiplomaten verzweifelten: 1995 brachte er mit Jassir Arafat, Yitzhak Rabin und dem jordanischen König Hussein ein hochrangiges Nahost-Trio an einen Tisch.

Aus, vorbei. Kings Nachfolger Piers Morgan bei CNN beginnt im Januar. Zum Abschied der Talkmaster-Legende erinnert die einestages-Bildergalerie an die denkwürdigsten Momente aus 25 Jahren "Larry King Live".


Debatte

insgesamt 6 Beiträge zur Debatte
Meke Matters am 19. Dezember 2010, 16:40
Herr Vollrath,

haben Sie irgenwo in meinen Beitrag gelesen , dass ich mich hineininterpretieren wollte? Nein, habe ich nicht. Gut, dass Sie NORD Ameriakaner sagen, weil ich in...

Edgar Klingberg am 18. Dezember 2010, 14:40
Ein lustiger Moment bei Larry King:

http://www.thedailyshow.com/watch/mon-january-15-2001/monkey-hump


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