Karottenjeans und Kaschmirpulli: Unverhohlen trugen die Popper Anfang der achtziger Jahre Konsumlust und apolitische Haltung zur Schau. Altersgenossen und Altachtundsechziger waren schockiert. Jetzt kommt die Popper-Mode wieder - und damit auch die Haltung? Von Jörg Oberwittler
Vorne langer Pony, hinten akkurat ausrasierter Nacken. Dazu Trenchcoat, weiße Jeans und gewissenhaft polierte College-Schuhe: Für die Popper war der Pausenhof ein Laufsteg. Es gab einen strengen Dresscode. Wer eine Levis- oder gar eine Wrangler-Jeans trug, galt als Prolet. Unter der Fiorucci-Karottenjeans, am besten von den Eltern aus dem Skiurlaub in St. Moritz mitgebracht, ging nicht viel. Dafür alle drei Wochen ab zum Frisör, um die Popper-Tolle oder den Schrägpony - "Schwenker" oder "Elbtunnel" genannt - neu zu stutzen. Geraucht wurde Dunhill oder wenigstens Lord extra.
Zuerst an Hamburger Gymnasien formierte sich eine neue Front, die sich nur für die richtige Konsumhaltung interessierte, und null für eine Botschaft. Politik? Um Gottes Willen. "Atomkraft? Nein Danke"-Buttons waren bei den Poppern im Hamburger Nobelviertel Pöseldorf als "Brokdorf-Broschen" verschrien. Unter gelebtem Sozialismus verstanden sie das Teilen von Sekt und Zigaretten, schreibt Thomas Heubner in seinem Buch "Die Rebellion der Betrogenen".
Für die Medien waren die sonderbaren Nobel-Teenager, die zunächst vor allem aus wohlhabenden hanseatischen Ärzte-, Banker- und Anwaltsfamilien kamen und später in allen Teilen Westdeutschlands bis runter nach Bayern in Disco und Schule mit ihrem Auftreten erstaunten, ein Phänomen. "Die Avantgarde der Angepassten", schrieb "Die Zeit" 1980. Für den SPIEGEL waren es die "Kashmir-Kinder". Der "Stern" nannte sie 1980 die "schicken Spießer von morgen".
"Haut die Popper platt wie'n Whopper"
Eine der schicken Spießerinnen war damals Katrin Neuhauser. "Früher war mein Kind engagiert. Jetzt hat es nur noch Watte im Hirn" schrieb ihre eigene Mutter über sie in eben jenem "Stern"-Artikel. "Natürlich habe ich nicht gern über mich gelesen, dass ich Watte im Hirn hätte", sagt die heute 41-Jährige. Dennoch streitet sie heute nicht mehr ab, dass der mütterliche Vorwurf das Phänomen Popper auf den Punkt brachte: Es ging um eine apolitische Haltung, also vor allem rauchen, Whisky trinken und Spaß haben. Und darum, so zu tun, als sei man erwachsen. "Das war einfach toll", erinnert sich die Hamburger Fotografin.
Aber nicht nur Medien und Eltern reagierten befremdet. Auch andere Jugendgruppen wie etwa Punker oder Rocker waren empört. "Warum die Zeit totschlagen, es gibt doch Popper", "Haut die Popper platt wie'n Whopper" - Sprüche wie diese fanden sich auf jedem Schulklo. Die apolitische und betont konservative Haltung der Bürgerzöglinge war in Zeiten der Anti-AKW-Bewegung und Stationierung von Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik schlicht ein Affront.
"Popper, das war aber beileibe nicht nur ein Schimpfwort", meint Katrin Neuhauser. "Wir haben uns auch selbst als Popper bezeichnet." Die mediale Aufmerksamkeit erfüllte sie mit Stolz, begierig schlug sie die Zeitschriften auf, um zu schauen, wen sie auf den Fotos wiedererkennen würde. Andererseits verspürte sie auch einen enormen sozialen Druck. "Wenn meine Eltern mir nur eine Jeans von C&A kauften, war das für mich ein Fiasko." In der Tat zeichnete sich die Popper-Kultur vor allem auch durch eine bis ins kleinste Detail ausgefeilte Markenlogik aus. Innerhalb dieser waren Namen wie Lacoste, Docksider und Burlington nicht einfach nur Label, sondern gaben präzise Auskunft über die eigenen finanziellen Möglichkeiten - und definierten darüber den Platz in der Hackordnung der Clique. Bei Katrin Neuhauser hat dieses Markenbewusstsein bis heute überlebt.
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