Sie war der Stoff der Rock 'n' Roller, Revoluzzer und Renitenten: Seit ein Franke vor 60 Jahren zur Schere griff, gibt es Blue Jeans "made in Germany" - sechs Flaschen Schnaps sei Dank. Von Katja Iken
Vieldenker Umberto Eco sagte einmal folgendes über die Jeanshose: "Ein Kleidungsstück, das einem die Hoden einzwängt, lässt einen anders denken." Die Jeans als Erkennungszeichen der Rock 'n' Roller, Revoluzzer und Renitenten - der Philosoph muss es ja wissen.
Luise Hermann hingegen war keine Weltdeuterin, sondern fränkische Schneiderin. Und fand die Jeans nicht horizonterweiternd, sondern "richtig schrecklich", erinnert sich ihr Schwiegersohn Albert Sefranek im Rückblick lachend. Als "Karussellfahrerhose" schmähte die Gründerin der seit 1932 bestehenden L. Hermann Kleiderfabrik den blauen Zwirn und war entsetzt, als Sefranek im Jahr 1948 mit der Idee aufwartete, die heimische Näherei mit selbstgefertigten Cowboyhosen zu retten. "Wir brauchen keinen Studierten, sondern einen, der schafft", hatte die Dame den Mann ihrer Tochter angeraunzt, als der Kriegsheimkehrer sich an der Universität einschreiben wollte. Und nun wagte er es auch noch, den Ruf des Unternehmens aufs Spiel zu setzen, indem er die Hosen der Besatzer nachnähte? Niemals! Ordinär wirkten die Hosen mit ihren Nieten, noch dazu saßen sie knalleng am Hinterteil. Nichts für Luise Hermann.
Die Firmenchefin, so Sefranek, ließ sich erst umstimmen, als ihr umtriebiger Schwiegersohn mit einem Großauftrag über 300 Jeans um die Ecke bog. Denn die Hose der Sieger stand bei den Besiegten hoch im Kurs. Einst von dem jungen Oberfranken Löb Strauss als strapazierfähige Arbeitshose für Goldgräber ersonnen und von Arbeitern, Cowboys und Abenteurern getragen, symbolisierte das blaue Beinkleid aus Übersee Freiheit, Coolness und Verwegenheit.
Sechs Flaschen Schnaps gegen sechs Jeans
Gerade die Jugendlichen lechzten nach dem von den US-Soldaten importierten American Way of Life, zu dem Jeans ebenso gehörten wie Swing, Coca Cola und Kaugummi. Das einzige Problem: Jeanshosen gab es offiziell nicht zu kaufen. Schuld daran war die Einfuhrbeschränkung für Bekleidung aus Baumwolle, die erst Ende der sechziger Jahre aufgehoben wurde.
Albert Sefranek witterte das Geschäft seines Lebens - und sollte Recht behalten. Doch um die Hosen nachzunähen, benötigte er zunächst ein paar Originalvorlagen. An die heiß begehrten Ami-Hosen gelangten im Nachkriegsdeutschland jedoch auf ehrlichem Weg nur die GIs. Die bekamen die Jeans in ihren sogenannten PX-Läden, da die Hosen damals zur Grundausstattung des Militärs gehörten. Wer als Deutscher partout eine Jeans haben wollte, musste sie auf dem Schwarzmarkt kaufen - oft zu horrenden Preisen. Eine Hürde, die den damals 28-Jährigen nicht abschreckte.
Mit sechs Flaschen Hohenloher Getreidebrand im Gepäck, den er "in der Schnapsfabrik seiner Tante geklaut hat", fuhr Sefranek mit seinem Opel P4 nach Frankfurt am Main, schaute sich dort im Rotlichtviertel um und lernte nach einer kleinen Kneipentour schließlich einen GI kennen, der auf sein Tauschangebot einstieg: sechs Flaschen Hochprozentiges gegen sechs Jeanshosen. Zurück in Künzelsau trennte Luise Hermann die Hosen auf und fertigte nach ihrem Vorbild die erste Jeans Europas an - so zumindest will es die Künzelsauer Legende.
"Eine praktische, unentbehrliche Mehrzweckhose"
Nach anfänglichem Zögern stürzten sich die Deutschen begeistert auf das blaue Beinkleid, das als "Röhrleshose" beziehungsweise "Cowboyhose" zwischen Flensburg und Konstanz Furore machte. Einziger Makel: Noch gelangten die Künzelsauer Schneider nicht an den ursprünglich einmal in der südfranzösischen Stadt Nîmes gefertigten Originalstoff "Serge de Nîmes", der in den USA kurzerhand zu "Denim" vereinfacht worden war.
Daher fertigte die L. Hermann Kleiderfabrik die begehrten Hosen zunächst aus Monteursköper. Dies war ein Tuch, das zwar strapazierfähig war, aber nicht mit Indigo gefärbt wurde und daher weder durch Tragen noch durch Waschen ausbleichen wollte. Erst 1955 gelang es der Firma, den allerdings sehr teuren Stoff aus den USA zu importieren.
Schlagartig stieg der Preis von ursprünglich 6,50 auf 12,45 Mark, erinnert sich Sefranek. Ein kleines Vermögen, das die Menschen jedoch gern hinblätterten, um den Hauch von Freiheit und Abenteuer rund um Bein, Po und Hüfte zu spüren. Ein Image, das die Firma clever instrumentalisierte, indem sie erst ihr Produkt und schließlich auch das ganze Unternehmen in "Mustang" umbenannte. Als "Cowboy-Hose für Männer" nahm Neckermann im Jahr 1954 die Jeans erstmals ins Programm auf, mit dem Slogan "Eine praktische, unentbehrliche Mehrzweckhose, die von Tag zu Tag mehr Freunde gewinnt" warb das Versandhaus um die Gunst der Käufer.
"Eine Weltanschauung, die nicht die meine war"
Ein Jahr später gab es bei Neckermann dann auch die Jeans für Frauen, die als "Girl-Camping-Hose" Aufsehen erregte. Die Rock 'n' Roller verhalfen der Jeanshose schließlich ebenso zum Durchbruch wie James Dean, Marlon Brando und andere lässige Typen. Mit ihrem rebellischen Karma wirbelte die Hose die brave Ära Adenauer auf. Wer sie trug, signalisierte Protest gegen Tradition und Autorität, gab sich renitent und radikal.
Lange Zeit galt die Hose nicht als salonfähig, in Schulen und am Arbeitsplatz war sie zum Teil sogar verboten. Auch Jeanshosen-Fan Sefranek trägt sie erst seit Anfang der siebziger Jahre - "vorher drückten Jeansträger eine Weltanschauung aus, die nicht die meine war", sagt der heute 88-Jährige im Rückblick.
Doch waren selbst die eingefleischtesten Konservativen machtlos angesichts des unvergleichlichen Siegeszugs der blauen Hose. In den siebziger Jahren avancierte die Jeans in Westdeutschland zum Kleidungsstück Nummer eins. Anders in der DDR. Den Parteigängern galt die blaue Hose als kapitalistisches Teufelszeug. "Müssen wir jeden Dreck, der aus dem Westen kommt, kopieren?", fragte Walter Ulbricht auf der elften Plenartagung des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965.
"Jeans sind die edelsten Hosen der Welt!"
Klar!, begehrte die ostdeutsche Jugend auf. "Jeans sind die edelsten Hosen der Welt!", rief Edgar Wibeau, der Hauptdarsteller von "Die neuen Leiden des jungen W." bei der Uraufführung des Bühnenstückes im Jahr 1972 erstmals aus - und sprach einer ganzen Generation aus der Seele. Dem Diktat der Mode beugte sich schließlich auch die Diktatur: 1974 wurde im sächsischen Lößnitz die erste DDR-Jeans produziert - aus braunem Cord. Ungleich besser verkaufte sich die blaue Variante der "Doppelkappnahthose", die als Exportschlager auch die sozialistischen Bruderländer beglückte.
Einen Dämpfer erhielten die ostdeutschen Jeans-Produzenten, als am 13. Februar 1980 ein Brief der europäischen Levi-Strauss-Vertretung aus Genf eintrudelte. Die DDR habe die geschwungene Naht auf der hinteren Hosentasche kopiert und damit geschützte Patente verletzt. Zwei Jahre lang stritt sich der US-Konzern mit der DDR-Regierung, bis man sich schließlich darauf einigte, die Taschennaht zu verändern.
Kaum war das Problem aus der Welt, zog im Osten eine neue Jeans-Krise herauf, bedingt durch das im Westen erfundene Stone-Wash-Verfahren. Um selbst die begehrten "Marmorhosen" herzustellen, bedurfte es einer speziellen, sehr kostspieligen Anlage. Alexander Schalck-Golodkowski, damals Staatssekretär für Kommerzielle Koordinierung, konnte sich jedoch erst im Juli 1989 dazu durchringen, dem Bau einer solchen Anlage zuzustimmen. Vier Monate danach fiel die Mauer - und die Stone-Wash-Jeans überschwemmte den Markt im Osten. Heiß geliebt und noch immer mit Provo-Potential.
Alphatierchen sägen am Revoluzzer-Image
Noch in den achtziger Jahren galt als revolutionär, wer in Jeans auf offiziellen Anlässen erschien. So wandten sich die Altvorderen mit Grausen ab, als Joschka Fischer 1985 mit Jeans und Turnschuhen im Hessischen Landtag erschien, um sich dort als Umweltminister vereidigen zu lassen.
Später jedoch traten arrivierte Alphatierchen wie Gerhard Schröder, Bill Clinton und Tony Blair auf den Plan, um die Bürgerschreck-Klamotte von einst salonfähig zu machen. Plötzlich pressten sich Eltern und Großeltern in den gleichen blauen Zwirn wie ihre Kinder - und das schöne Revoluzzer-Image war dahin.
Das einzige, was an Jeanshosen heute noch zu provozieren vermag, ist ihr mitunter astronomischer Preis: So kreierte Jennifer Lopez 2005 ein blaues Beinkleid, das für satte zwei Millionen Dollar zu haben ist. Statt des Knopfs blitzt dort am Bund ein großer Diamant - vielleicht als unfreiwillige Hommage an die Goldgräber, für die die blaue Hose einst geschaffen wurde.
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