Über einestages

1975

Betrugsskandale Mit Tricks zum Titel


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Vom Postboten zum Amtsarzt: So hatte sich seine Mutter das sicher nicht vorgestelllt, als sie sich von ihrem Sohn Gert Postel wünschte, er solle "etwas Besseres" werden als der Vater, ein Kfz-Mechaniker.

Der Filius nahm sich das zu Herzen und praktizierte unter dem Namen "Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy" Anfang der achtziger Jahre als stellvertretender Amtsarzt in Flensburg. Nur durch einen dummen Zufall kam seine wahre Identität ans Licht. Der vermeintliche Arzt hatte nur einen Hauptschulabschluss und eine Ausbildung als Postbote gemacht.

Gert Postel kassierte dafür eine einjährige Bewährungsstrafe. Doch die blieb ohne Wirkung und schien ihn erst Recht...

So wie es aussieht, ermogelte sich Karl-Theodor zu Guttenberg seine Promotion per Copy und Paste. Ganz schön dreist - und kein Einzelfall! Ein Postbote arbeitete jahrelang als Psychiater, ein Schlosser schummelte sich zum Uni-Professor. einestages erinnert an die spektakulärsten Titel-Schwindel.Von Christoph Gunkel


Vielleicht war es Friedrich Merz' größte politische Herausforderung: Plötzlich sollte der CDU-Politiker auf Knopfdruck witzig sein. Einen Schenkelklopfer nach dem anderen raushauen. Dabei kannte ihn ganz Deutschland als sachkundigen, aber ziemlich nüchternen Steuerexperten. Eher Typ dröger Finanzbeamter als Harald Schmidt. Wie bitte sollte er also jetzt einem nach Pointen lechzenden Publikum beweisen, dass er auch ganz anders kann?

Der Grund für die Leiden des Friedrich M. war eine Rede, die er im Februar 2006 vor dem Aachener Karnevalsverein halten sollte. Der wollte ihn den "Orden wider den tierischen Ernst" für seinen Kampf gegen die Auswüchse der Steuerbürokratie verleihen. Wegbleiben kam nicht in Frage. Schon berühmte Politiker wie Konrad Adenauer, Hans-Dietrich Genscher oder Franz Josef Strauß hatten in Aachen tapfer ihre Büttenansprachen gehalten. Doch woher nur die verdammten Gags bekommen?

Wenig später hielt Merz, damals CDU-Fraktionsvize, vor 1300 Aachener Jecken eine fulminante Rede. In einem "Elf-Punkte-Programm" schlug er vor, zur Sanierung Deutschlands unwirtschaftliche Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern als "Totalverlust" abzustoßen. Das Elsass solle man zurückkaufen, Arbeitslose mit einer "Blond Card" nach Indien schicken. Die Alpen, den Schwarzwald, den Kölner Dom oder das Oktoberfest könne man getrost an einen US-Pensionsfonds verpfänden, und so den klammen Bundeshaushalt prima aufpäppeln.

Enttarnter Komiker

Merz wurde mit stehendem Applaus gefeiert, und Deutschland rieb sich verwundert die Augen: Was war denn auf einmal mit dem Friedrich aus dem langweiligen Sauerland los?

Es dauerte nicht lange, da rieb sich Deutschland erneut die Augen: Denn auf einmal meldete sich eine bisher völlig unbekannte Monika Rieboldt, Sekretärin aus dem kaum weniger langweiligen Bielefeld. Sie konnte nachweisen, dass Merz den Großteil seiner Rede von einem Text abgekupfert hatte, den sie für das Online-Satiremagazin "zyn!" geschrieben hatte.

Jetzt reagierte der eben noch gefeierte Humorist so wie man ihn kannte - recht spaßbefreit: "Es gibt keine Rede auf dieser Welt, in der alles neu ist", rechtfertigte er sich schmallippig. Gerade im Karneval werde eben "mancher Witz auch zweimal erzählt".

Versuchte Merz mit seinen kopierten Witzchen lediglich, sein Image ein wenig aufzupolieren, wird Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg derzeit vorgeworfen, sich als dreister Plagiator seinen Doktor ermogelt zu haben. Während der peinliche "Googleberg"-Skandal die politische Karriere des Verteidigungsministers ins Wanken bringt, haben manch andere sogar mit krimineller Energie ihre gesamte Berufslaufbahn auf Lügen aufgebaut.

Der perfekte Schwiegersohn

Vielleicht muss man dazu ein wenig so aussehen wie Gert Postel: schlaksig, etwas ungelenk, mit einem bubenhaft-gewinnenden Lächeln inklusive Kinngrübchen. Diesem Mann kann man einfach nichts Unaufrichtiges unterstellen. Und sehr lange tat das auch niemand.

Postel, Jahrgang 1958, kommt aus einfachen Verhältnissen, der Vater Kfz-Mechaniker, die Mutter Schneiderin. Sie träumte davon, so erzählt er später, dass er, der Sohn, "etwas Besseres" werde solle als der Vater. Am besten Arzt. Und Postel hält sich daran - wenn auch ganz anders, als es die Mutter gedacht hatte.

Der gelernte Postbote mit Hauptschulabschluss erfindet eine neue Identität, nennt sich fortan "Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy" und praktiziert Anfang der achtziger Jahre monatelang unerkannt als stellvertretender Amtsarzt in Flensburg. Sein Auftreten vor den Kollegen ist geschliffen und so überzeugend, dass ihn nur eine dumme Schludrigkeit entlarvt: Der falsche Arzt verliert eine Mappe, in der sowohl ein Presseausweis mit seinem richtigen Namen sowie ein auf "Dr. Bartholdy" ausgestellter Dienstausweis liegt. Postel kassiert eine einjährige Bewährungsstrafe.

Das Schummeln vermarkten

Die Niederlage scheint ihn nur weiter anzustacheln. Er bandelt mit etlichen Akademikerinnen an und eignet sich so medizinisches, forensisches und juristisches Fachwissen an - Flirts und Liebschaften werden zum Studium-Ersatz. Postel wird erneut an verschiedenen Kliniken angestellt, mit gefälschten Zeugnissen samt glänzender Noten ("summa cum laude") schafft er es zum Oberarzt in einer sächsischen Nervenklinik und gilt sogar als Kandidat für einen Chefarztposten in einer Psychiatrie bei Dresden. Wenn der Schwindel doch aufzufliegen droht, gibt sich der falsche Doktor flugs als Staatsanwalt aus - und schafft es tatsächlich, dass eine Ermittlung gegen ihn eingestellt wird.

Erst durch einen Zufall wird der Hochstapler 1997 enttarnt und wegen Urkundenfälschung und Betrugs zu vier Jahren Haft verurteilt. Geschadet hat es ihm kaum: Postel kommt vorzeitig frei, geriert sich von da an als Vorkämpfer der Anti-Psychiatriebewegung ("Wer die psychiatrische Sprache beherrscht, der kann grenzenlos jeden Schwachsinn formulieren"), schreibt ein erfolgreiches Buch ("Doktorspiele") und hat im Internet sogar einen eigenen Fanclub.

Der überführte Schummler ist nicht der einzige falsche Arzt, der seine krumme Tour flugs zum cleveren Lebensprinzip verklärt und sich geschickt selbst vermarktet: Zwischen 2006 und 2008 assistiert Christian Ehret bei 190 Operationen. Erst dann kommt heraus, dass der angebliche Überflieger mit doppeltem Doktortitel, Oxford-Diplom und vergoldeten Visitenkarten in Wahrheit nur eine schnöde Banklehre absolviert hat. Auch wenn es wohl nur ein Zufall ist, dass Ehret kein fataler medizinischer Lapsus unterlief, darf der verurteilte Betrüger bei Johannes B. Kerner kräftig für sein Buch "Wahnsinn in Weiß" werben.

Eine falsche Wunderpianistin

Es ist diese Mischung aus Geschick, Größenwahn und Dreistigkeit, die falsche Titelträger und Hochstapler oft wie bewundernswerte, edle Rebellen des Systems wirken lassen. Es scheint fast so, als wollten sie mit ein paar harmlosen Gesetzbrüchen nur eine vermeintlich dekadente Elite bloßstellen. Doch in Wirklichkeit sind die Motive oft viel profaner: Geltungssucht und Geldgier.

Wie im Fall des gelernten Maschinenschlossers Alwin S., dem es vor wenigen Jahren tatsächlich gelang, sich als falscher Professor staatliche Fördergelder in der Höhe von 350.000 Euro zu erschleichen. Oder einem kaufmännischen Angestellten, der sich 1974 anderthalb Jahre erfolgreich als "Rechtsanwalt Dr. Buckert" ausgab, ohne nur ein Semester Jura studiert zu haben - ein bis dahin einmaliger Fall in der deutschen Rechtsgeschichte.

Oft scheint es zu reichen, Geschichten zu erzählen, die so schön klingen, dass man sie einfach glauben möchte. Die krebskranke englische Pianistin Joyce Hatto etwa wurde von den Granden der Klavierkritik besonders für die "Richtigkeit und Ehrlichkeit" ihrer virtuosen Einspielungen bejubelt. Seit 1989 hatte sie 120 CDs auf den Markt gebracht, wegen ihrer Erkrankung sah sie niemand live, angeblich spielte die sterbenskranke Frau in einem alten Schuppen hinter ihrem Haus.

Nach ihrem Tod im Jahr 2007 wurde sie noch als "britisches Nationaljuwel" gewürdigt - doch kurz danach war die Kritikerwelt bis auf die Knochen blamiert. Denn nun zeigte sich, dass Joyce Hattos Klavier-Interpretation in Wahrheit nur technisch aufpolierte, umetikettierte und kopierte Aufnahmen eher unbekannter Pianisten gewesen waren. Ihr Mann, ein Tontechniker, hatte sie unter ihrem Namen veröffentlicht.

So wie sich die Briten offenbar nach einer Wunderpianistin sehnten, so hofften die Deutschen darauf, einmal witzige Politiker zu haben. Doch Friedrich Merz' Versuch, lustig zu sein, hatte noch ein peinliches Nachspiel: Sein Vorschlag aus der Büttenrede, "das Elsass zurückzukaufen" und Arbeitslose nach Indien auszuweisen, stieß in rechten Kreisen im Internet auf viel Begeisterung.


Debatte

insgesamt 10 Beiträge zur Debatte
Robert Dose am 1. März 2011, 23:53
Räusper... das der Beitrag von Burkhard evtl. eine ironische Färbung besitzt, dürfte klar sein?
Ich möchte da auf jeden Fall Burkhard zustimmen:
Ein...

Klaus Taubert am 26. Februar 2011, 12:16
Herr Volland möchte einen zu Guttenberg als Kanzler. Bitte sehr, das ist sein gutes Recht, aber er will nicht irgendeinen zu Guttenberg, sondern einen bestimmten. Es gab...


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