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1973

Schräges Schuhwerk

Das ist doch die Höhe!


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Bayerisches Nationalmuseum München
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Elton Johns Bühnenschuhe: Der Musiker Elton John ist für seine exzentrischen Bühnenoutfits bekannt - in den siebziger Jahren trat er mit diesen Silberstiefeln mit rot-weißen Streifen und Plateausohlen von 38 Zentimetern Höhe auf.

Frivole Exzesse auf 70-Zentimeter-Sohlen: Plateauschuhe sind wohl das seltsamste Phänomen der Modegeschichte. Kurtisanen spähten auf ihnen früher nach Kunden, später stolperten Glamrocker auf Würfelsohlen über die Bühnen. Eine Revue der bizarrsten Plateauschuhe der Geschichte. Von Christopher Peter


Feuerfontänen auf der Bühne, ein schwebendes Schlagzeug und ein fies geschminkter Leadsänger mit Eidechsenzunge, der abwechselnd Feuer und Filmblut spuckt - in den siebziger Jahren waren die Schock-Rocker von Kiss die Größten. Im Wortsinn, denn neben den auch off-stage schwarz-weiß geschminkten Gesichtern der Musiker um Bandchef Gene Simmons hatten Kiss ein weiteres, sozusagen herausragendes Markenzeichen: Plateauschuhe, die schon beim Hingucken Höhenangst auslösten.

Dass es die Rocker schafften, auf ihren Megasohlen eine unfallfreie Bühnenshow abzuliefern, war mindestens so beeindruckend wie die Pyrotechnik. Und es zog. Als die Band in den Achtzigern die Lust an der Bühnen-Höhenluft verlor, von ihren Stelzen stieg und auch oben herum auf das Make-up verzichtete, ließ der Misserfolg nicht lange auf sich warten. Für ihr Comeback tun sich die älteren Herren um Sänger Simmons, 58, jetzt noch einmal die Tortur an und steigen auf ihrer aktuellen Deutschland-Tour wieder in die ultrahohen Treter - und das Publikum darf wieder die Luft anhalten.

Gemeingefährlich - und rattenscharf

Plateausohlen! Kein Zweifel, dies war eine der bizarreren Ideen der Modebranche - und die Hochzeit des gemeingefährlichen Schuhwerks scheint nicht zufällig in die LSD-seligen siebziger Jahre zu fallen. Wer hat sich das bloß ausgedacht, fragte sich manche besorgte Mutter, deren Kinder in Hochwasserhosen und Plateaus Elton John oder David Bowie nachahmten (die Jungs) oder in Stiefeln mit 15-Zentimeter-Sohlen zum Minirock nach London trampten (die Mädchen). Und hätte an der Antwort keine Freude gehabt: die alten Griechen.

Schon im antiken Hellas traten die Mimen in Plateauschuhen mit zentimeterdicken Sohlen aus Kork ins Halbrund der Amphitheater, um besser gesehen zu werden - eine Idee, die bald die Frauen der damaligen Zeit übernahmen. Auch im arabischen und asiatischen Kulturraum trug die Damenwelt bereits im Mittelalter klobige Riesentreter mit hohen Hartholzsohlen. Das unbequeme Schuhwerk allerdings sollten Frauen an eigenmächtigen Gängen außer Haus hindern - eine Art Keuschheitsgürtel für die Füße.

In Europa wurden die Plateaus in der Renaissance ab dem 15. Jahrhundert modern. Ursprünglich sollten hohe Holzsohlen zum Unterschnallen prunkvolle Schuhe aus Samt, Leder und Seide vor dem Straßendreck schützen, der damals zentimeterhoch auf den Gassen lag. Bald entwickelte sich daraus der erste Plateauschuh mit Korksohle, die "Chopine". In Spanien erfunden, wurde der frühneuzeitliche Plateauschuh schnell in ganz Europa populär. Hans Fugger aus der Augsburger Kaufmannsdynastie etwa orderte "hoche Pandtoffel" bei seinem Schuhmacher, und William Shakespeare verewigte den Plateauschuh im zweiten Akt des "Hamlet": "Eure Ladyschaft befindet sich näher am Himmel als damals", bemerkt der Dänenprinz dort zu einer Schauspielerin, "als ich Euch erhöht sah durch Chopinen." Kein Wunder, dass zeitweise der Kork für die Herstellung knapp wurde.

Frivole Exzesse auf 70-Zentimeter-Sohlen

Selbst die Fetischstiefel von heute, in der Lack- und Lederszene schwer en vogue, können es kaum mit den frivolen Exzessen aufnehmen, denen sich die Schuhmacherzunft und deren Kundinnen vor allem in Venedig hingab. Je adeliger eine Dame, desto höher und abgefahrener musste die Schuhmode sein - mit teils über 70 Zentimeter hohen Absätzen konnte sich die holde Weiblichkeit bald nur noch von Dienern gestützt fortbewegen. In Verruf gerieten die Kuriositäten, weil bald auch die Kurtisanen der Stadt darin groß auftraten. Selbst das älteste Gewerbe der Welt kam so dem Himmel ein bisschen näher - und die käuflichen Damen waren von potentiellen Freiern schon von Ferne gut auszumachen. Prompt zogen die Schuhe den Zorn der Kirche auf sich, die Plateaus als "lasterhaft" und "liederlich" geißelte.

Im eher lustfeindlichen Nordeuropa hatte der Podestpantoffel es weitaus schwerer. Als "unvollkommener Schuh" wurde er beispielsweise in der Nürnberger Kleiderordnung von 1562 gebrandmarkt und das Tragen bei Androhung von Strafe verboten. Im elisabethanischen England konnte ein Verheirateter im 16. Jahrhundert sogar die Ehe annullieren lassen, wenn seine Braut ihm mittels Chopinen unter den Röcken eine falsche Körpergröße vorgespiegelt hatte - ein Problem, dass die Symbiose von Plateaustiefel und Minirock in den Swinging Seventies des 20. Jahrhunderts von selbst erledigte.

Rund 300 Jahre lang verschwand das schräge Schuhwerk aus den Regalen der Läden und den Schränken der Kundinnen. Doch das große Revival des Plateaus im Hippie-Zeitalter kam nicht ohne Vorbeben. Bereits in den späten dreißiger Jahren begann sich das Comeback anzudeuten - zunächst als Strandschuh, womit das alte Motiv vom Schweben über dem Schmutz wieder aufgenommen wurde. In den Vierzigern starteten von Paris aus hohe Korksohlen einen Triumphzug um die Welt. Rita Hayworth machte damit die Männer verrückt, später auch Marilyn Monroe.

Der Harley-Davidson-Effekt

Diese eleganten Schühchen allerdings waren meilenweit entfernt von den klobigen Klötzen, die sich die Jugend ein paar Jahre später unter die Fußsohle zippte. Rockstars wie Elton John oder David Bowie machten papageienbunte oder silberglitzernde Plateausohlen salonfähig, Extremrocker wie Kiss oder in der extremsten Form die New Yorker Band The Tubes trieben den Kult um die klobigen Stiefel schließlich in irrwitzige Dimensionen - mit Tretern, neben denen selbst die steilen Stelzen venezianischer Freudenmädchen wirkten wie ein Reihenhaus neben dem Empire State Building.

Und so wiederholte sich die Geschichte: Für den Alltag ließ sich solche Bühnenmode nicht mehr adaptieren: Auch wer auffallen will, geht nicht so gerne ein Verletzungsrisiko ein oder will sich beim Treppensteigen helfen lassen müssen. So hat sich das Motto Höher-Größer-Auffälliger vorerst einmal mehr selbst ad absurdum geführt. Wenn die Altherrenkombo Kiss jetzt noch einmal in Plateaus auf die Bühne steigt, wird dass die Chancen auf ein Come-back des exzentrischen Schuhs nicht gerade steigern, der eine Nischenexistenz im Milieu der Fetischfans und Drag Queens führt.

Eher droht der Harley-Davidson-Effekt: Wer will schon mit einem Accessoire gesehen werden, mit dem Papa verzweifelt versucht, jung zu wirken?




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