Über einestages

1960

Euro 1960

Als Spanien und Russland fast die EM sprengten


zurück vor 1  /  3
Großbildansicht
Getty Images
zurück vor
Mannschaftsfoto Real Madrid: Der Fußballverein am 18. Mai 1960 vor dem Finalspiel des Europapokals der Landesmeister gegen Eintracht Frankfurt im Hampden Park in Glasgow. Hintere Reihe (v.l.): Dominguez, Pachin, Vidal, Santamaria und Zarraga. Vordere Reihe (v.l.): Canario, Del Sol, Di Stefano, Puskas und Gento.

Es war die erste Europameisterschaft - und beinahe die letzte. Per Polizei stoppte Spaniens Diktator Franco den Abflug seiner Elf zum Spiel gegen die Sowjets. Der Eklat kostete Spaniens Dreamteam die Fußballkrone und brachte das Turnier an den Rand des Abgrunds. Von Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede


In der Wartehalle des Madrider Flughafens Barajas herrscht an diesem Tag im Frühsommer 1960 ungewöhnlich reger Betrieb. Neben den normalen Fluggästen bevölkert ein Haufen Prominenter den Terminal: Spaniens Fußballnationalteam auf Länderspielreise. Es ist die wohl beste Auswahl, die Spanien je hatte. Voller Ehrfurcht sprechen die Fans noch heute von den "cuatro leyendas", den "vier Legenden": Francisco Gento, Ladislao Kubala, Luis Suárez und Alfredo di Stéfano.

Doch die Stars sind heute angespannt. Vor ihnen liegt ein Schlüsselspiel, das Viertelfinal-Hinspiel der Europameisterschaft in Moskau. Angesichts der Spielstärke beider Teams sehen viele darin das vorweggenommene Endspiel des gerade eingeführten Wettbewerbs.

Es sind die wirklich großen Spieler dieser Generation, die das EM-Los zu Gegnern bestimmt hat. Spanien dominiert seit Jahren den europäischen Vereinsfußball und stellt alle bisherigen Europacup-Sieger. Der FC Barcelona hat 1958 und 1960 den Messepokal geholt, Real Madrid gar alle fünf bisher ausgespielten Landesmeister-Trophäen. Nur wenige Tage zuvor hatten die "Königlichen" vor 134.000 Zuschauern beim 7:3 über Eintracht Frankfurt im Glasgower Hampden Park begeistert.

Zehn Superfüße

"Canario - Del Sol - Di Stéfano - Puskas - Gento. Nie wieder wird es einen solchen Sturm geben. Zehn Superfüße, 100 Hyperzehen", jubelte noch im September 1973 das ZEIT-Magazin. Man müsse sich vorstellen, "Bach, Mozart, Beethoven, Haydn und Händel hätten alle zusammen für den Fürstbischof von Salzburg komponiert. Zur gleichen Zeit, das gleiche Concerto, am gleichen Klavier. Mit Brahms auf der Reservebank."

Solche Virtuosen besitzen die Russen nicht. Aber sie sind ein eingespieltes, kampfstarkes Kollektiv. Sie sind Olympiasieger. Und sie haben in Lew Jaschin, dem "schwarzen Panther", einen überragenden Torwart. In der Halbzeitpause raucht der gern mal eine Zigarette, aber während des Spieles bekommt er so gut wie immer noch eine Pranke an den Ball.

In Madrid sind es noch drei Stunden bis zum Abflug. Jede Menge Zeit, sich über den sowjetischen Weltklassetorhüter Gedanken zu machen. Wie kann man ihn überwinden? Flachschüsse? Bogenlampen? Plötzlich erscheint eine Gruppe Soldaten in der Wartehalle und marschiert auf die Fußballidole zu. "Ihr dürft nicht fliegen", sagt einer der Uniformierten.

Spielball der Politik

Der große Alfredo di Stéfano ist verzweifelt. "Warum?", stammelt er immer wieder. Der Stürmerstar sieht seine letzte Chance auf ein großes Turnier schwinden. "Befehl von Vega", lautet die militärisch knappe Antwort. Vega - das ist Camilo Alonso Vega. General, Innenminister, die rechte Hand von Diktator Francisco Franco, gefürchtet beim Volk und sogar bei seinen Soldaten.

Nun dämmert es den Kickern auf dem Flughafen: Sie sind zum Spielball der Politik geworden. Spanien und die Sowjetunion sind erklärte Feinde, seit Moskau im Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 die linken Gegner des Putschisten Franco mit Flugzeugen und Panzern belieferte und im Gegenzug der Generalissimus im Zweiten Weltkrieg spanische Freiwillige der "Blauen Division" an die Ostfront geschickt hatte. Anders als Hitler und Mussolini überstand Diktator Franco den Zweiten Weltkrieg an der Macht und schlug sich im Kalten Krieg auf die Seite des Westens. Angespannte Funkstille herrscht seither zwischen Madrid und Moskau.

Und jetzt das EM-Spiel. Das Los Sowjetunion bereitet Franco und Vega Kopfzerbrechen, sie befürchten Unruhen in ihrem nur oberflächlich befriedeten Land, gar ein Widererstarken der Linken. So entscheidet sich die Madrider Junta, die eigene Nationalmannschaft nicht nach Moskau zu lassen.

1:0 im Krieg der Worte

Was folgt, ist Kalter Krieg pur. Die Sowjets nehmen die Steilvorlage dankend an und präsentieren sich der Welt als Gralshüter des Sportgedankens. "Diese Sabotage der Olympischen Idee durch das faschistische Spanien wird den Fußballsportlern in aller Welt mit aller Offenheit zeigen, wo die ewigen Feinde der friedlichen Entwicklung stecken", verlautet die sowjettreue "DDR-Fußballwoche" am 24. Mai 1960. "Dass sie sich zu solch ausgesprochen dummen Entschlüssen gegen den Willen der Völker entschließen, wird sie eines Tages restlos vereinsamen vor der Sportwelt, wird sie zu Eremiten machen, die 'abseits stehen', weil sie weder die Regeln des Spiels und der Fairness noch der Vernunft kennen." Im Krieg der Worte steht es 1:0 für die UdSSR.

In Madrid kämpfen derweil die Nationalkicker um ihren Traum. Verbandspräsident Lafuente Chaos spricht bei Diktator Franco und Außenminister Fernando Castiella vor - ohne Erfolg. Auch UEFA-Präsident Pierre Delaunay versucht zu intervenieren - vergeblich. Dem zarten Pflänzchen Europameisterschaft droht schon bei der Premiere schwerer Schaden. Ein hastig von Funktionären erdachter Kompromissvorschlag soll das Turnier retten: Hin- und Rückspiel sollen auf neutralem Boden ausgetragen werden, eines davon in der Bundesrepublik. Spaniens Regierung stimmt zu, doch die Sowjets sagen "Njet". Sie wissen: Die Schuld am Desaster klebt den Spaniern an der Hacke.

So fällt das Viertelfinale des wichtigsten Fußballturniers Europas sang- und klanglos ins Wasser. Statt in einem sportlichen Schlagabtausch der vielleicht besten Mannschaften des Kontinents werden Hin- und Rückspiel am Grünen Tisch entschieden, mit 3:0 den Sowjets zugeschlagen. Kampflos ziehen die "Sbornaja" so ins Halbfinale ein. Spanien hingegen muss ein "Reuegeld" von 2.000 Schweizer Franken an die UEFA zahlen. Die Ausrichtung der ersten Endrunde muss sich das Land gleichfalls abschminken - das Turnier wird nach Frankreich vergeben.

Nach dem Sieg am grünen Tisch triumphieren die Sowjetrussen auch auf dem grünen Rasen. Sie schlagen im Halbfinale Gastgeber Frankreich mit 2:0 und bezwingen im Endspiel in Paris am 10. Juli 1960 auch die Mannschaft Jugoslawiens nach Verlängerung mit 2:1

Videoanalyse und Psychotricks

Erst 1964 kommt es doch noch zum sportlichen Schlagabtausch beider Mannschaften bei einer EM. Ausgerechnet im Finale treffen die beiden Teams aufeinander, ausgerechnet in Madrid. Die Vorbereitung der Teams für das Prestigeduell ist für jene zeit ungewöhnlich modern: Die Russen verfolgen vor einem Schwarzweißfernseher Spaniens 2:1-Halbfinalsieg über Ungarn - "Gegner per Fernsehen studiert!", titelt die ostdeutsche "Fußballwoche". Spaniens Trainer José Villalonga seinerseits setzt auf Psychotricks: "Er nahm uns mit auf einen Spaziergang und malte einen Fußballplatz auf Sand. Dann nahm er Steine, um die Spanier darzustellen und Kiefernzapfen für die russischen Spieler", erinnerte sich später Mittelfeldspieler Jesús Pereda. "Er trichterte uns ein, dass Steine stärker sind als Kiefernzapfen, und dass wir deshalb gewinnen würden."

Beim Finale verwandeln 120.000 Menschen das Estádio Bernabéu in einen Hexenkessel. Die Atmosphäre ist höchst angespannt, es knistert angesichts der brisanten Vorgeschichte. Diktator Franco ist in seiner Loge zugegen, und auch sonst zeigt die Staatsmacht mit Polizei und Guardia Civil mächtig Präsenz. Es ist ein spannendes und rassiges Finale, das nach frühen Toren von Pereda (7.) und Chussainow (9.) lange Zeit Unentschieden steht. Bis Marcelino in der 84. Minute einen herrlichen Flugkopfball an dem chancenlosen "schwarzen Panther" Jaschin zum 2:1-Sieg für Spanien in das sowjetische Netz setzt.

Von den "vier Legenden", die vier Jahre zuvor am nur ein paar Kilometer entfernten Madrider Flughafen aus ihren Titelträumen geholt worden waren, ist nur noch Luis Suárez dabei - als Mannschaftskapitän führt er die "selección" zum Triumph. Nun sonnt sich General Franco gern im Glanz des Sieges und bittet die Siegermannschaft zur Ordensverleihung. "Als mir die Nadel ans Revers geheftet wurde", bekennt Suárez später, "musste ich mich zu einem Lächeln zwingen, das mehr Kraft kostete als alle Spiele meiner Karriere zusammen."



Weitere interessante Themen finden Sie auf der Homepage von einestages! mehr...

Und hier finden Sie sofort mehr Artikel und Fotos über
...die zwanziger Jahre
...die dreißiger Jahre

...die vierziger Jahre
...die fünfziger Jahre

...die sechziger Jahre

...die siebziger Jahre

...die achtziger Jahre

...die neunziger Jahre


Oder fliegen Sie durch die Bilderwelt des 20. Jahrhunderts mit der einestages-Zeitmaschine!


Debatte

Kommentare? Fragen? Ergänzungen? Diskutieren Sie mit! Zur Debatte ...

Artikelinfos


versenden


Löschung des Berichts beantragen

Verwandte Artikel

Deutschland - Kroatien: Vom Aufbaugegner zum Rivalen

Dieses Duell hat es in sich: Die deutsche Nationalelf trifft...


Artikel bewerten

3,0 (686 Bewertungen bisher)


Foto hinzufügen


Mehr aus der Rubrik...




» Album bearbeiten


» Album-Metadaten bearbeiten


» Produktionsansicht