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1915

Kultspielzeug Wasserpistole Die Pumpgun des kleinen Mannes


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Geschwister: Kleine Brüder können ganz schön nerven - besonders mit einer Wasserpistole im Anschlag.

Sie heißen Super Soaker und Arctic Blast, sind so fies wie cool - die neuesten Waffen wurden von einem Atomforscher perfektioniert. Wasserpistolen sind kein gewöhnliches Spielzeug. Waren es auch noch nie: Die ersten durfte man noch nicht mal nass machen. Von Benjamin Maack


Wasserpistolen konnten einen schwülen Sommertag verzaubern. Solange der Tank voll war, war jeder von uns, wer er sein wollte - Schurke oder Superheld, Cowboy oder Indianer, Astronaut oder außerirdischer Invasor. Ein langweiliger Stadtparkspielplatz wurde zur Oberfläche eines lebensfeindlichen Planeten am anderen Ende des Universums, und die alte Friedhofskapelle verwandelte sich in einen gigantischen Dinosaurier, der nur aufgehalten werden konnte, indem man ihn ... nass spritzte? Denkste!

Denn die farblose, flüssige Munition in unseren knallbunten Plastikschießeisen war natürlich kein Wasser. Es war ein magisches Elexier, das Drachen in Weinbergschnecken verwandelte, eine frisch erfundene Geheimwaffe, die Feinde lähmte, oder ein Laserstrahl, der Aliens ihre übermenschlichen Kräfte nahm. Natürlich nur, wenn man an der richtigen Stelle traf. Und die war immer Verhandlungssache zwischen den Kontrahenten.

Dann kam der Super Soaker, zu deutsch in etwa "Komplett-nass-Macher". Mit seiner gigantischen Reichweite von bestimmt 15 Metern und einem Tank, der literweise Wasser schluckte, verwandelte diese Hightech-Wasserpistole mit dem ausgefuchsten Pumpmechanismus die sommerlichen Spritzgefechte in wahre Wasserschlachten. So verwundert es nicht, dass diese Irrsinnsmaschine von einem Nuklearforscher erfunden wurde, der für die amerikanische Regierung arbeitete. Für die half Dr. Lonnie Johnson bei der Entwicklung von Antriebssystemen für Space Shuttles. Die Pumppistole, die zuerst Power Drencher heißen sollte, konstruierte er in seiner Freizeit. Seitdem sie 1989 auf den Markt gekommen ist, gingen weltweit über 400 Millionen Exemplare über die Ladentische.

Die Zwei-Wasserpistolen-Gesellschaft

Der Super Soaker - die Erfindung eines Nuklearforschers. Das sagt doch alles. Der massive Strahl eines Super Soakers, der aus geringer Entfernung nicht nur die komplette Kleidung unter Wasser setzte, sondern auch noch ordentlich zwiebelte, ließ keinen Platz mehr für Phantasie. Da ging es nur noch um Leistung. Der Beginn einer Zwei-Wasserpistolen-Gesellschaft.

In der Zeit vor dem Super Soaker waren Wasserpistolen, verglichen mit anderem Spielzeug wie Playmobil oder Kuscheltieren, ein Wegwerfprodukt. Als Kind kaufte man sie an einem heißen Sommertag für ein, zwei Mark im Spielzeugladen. Es folgten ein oder zwei feuchtfröhliche Tage im Schwimmbad oder auf dem Schulhof, dann war sie entweder undicht, etwas Dreck war in den Lauf gekommen und machte aus dem stolzen Wasserstrahl ein lausiges Plätschern, oder der Stopfen auf dem Tank war verlorengegangen.

Niemand weinte so einer Spritze eine Träne hinterher - man kaufte sich einfach irgendwann eine neue. Der beste Super Soaker, den es damals gab - er hatte gleich zwei riesige Wassertanks - kostete fast 80 Mark und war damit absolut unerschwinglich. Die Kinder, die trotzdem einen hatten, verdarben jedes Duell mit der schieren Leistung ihrer Wunderwaffe.

Bitte trocken halten

Doch eines konnte auch der Super Soaker nicht ändern: Nach wie vor haben Wasserpistolen keine so leidenschaftliche Sammlergemeinde wie Puppen oder Teddybären. Und es gibt keinen Erfinder, der dafür gefeiert wird, die erste Wasserpistole erdacht zu haben. Selbst Spezialisten wie Helmut Schwarz haben keine historische Erklärung parat: "Vermutlich wurde die Wasserpistole irgendwann in den dreißiger Jahren mit der Entwicklung des Kunststoffs erfunden", mutmaßt der Leiter des Spielzeugmuseums in Nürnberg. "Vorher war das meiste Spielzeug aus Blech, und das würde ja sofort rosten." Dann entdeckt Schwarz in seiner Sammlung doch noch eine alte Wasserpistole von 1915 - sie ist aus Blech. Auf der Verpackung steht: "Please keep dry" - bitte trocken halten.

Aber auch, wenn man nicht jedes Modell in sein Herz geschlossen und kaum eine dieser leicht kaputtbaren Plastikkonstruktionen aufbewahrt hat - die Erinnerungen, die man mit ihnen verbindet, sind geblieben. Wie sollte man auch Spielzeuge mit so coolen Namen wie Banzai Turbo X Spin Blaster, Water Warriors Hornet oder Stream Machine Double-Barrel Water Launcher vergessen?

Und dann ist da ja auch noch das Design. Begibt man sich in die Wasserpistolenabteilung eines gut sortierten Spielzeugladens, ist das wie ein Besuch in einem Kuriositätenkabinett. Hier gleicht keine Wasserspritze der anderen. Es gibt den handlichen Delfin, der seinem Gegenüber mit einem neckischen Lächeln eine Dusche verpasst. Und es gibt Konstruktionen, die aussehen, als wären sie von einer außerirdischen Intelligenz entwickelt - mit Mulden, Ausstülpungen und riffeligen Ornamenten auf der Oberfläche, die von Technologien künden, die nur Kinderphantasie mit Leben füllen können.

Killer mit Wasserpistolen

Doch ob Delfin, orangefarbener Trommelrevolver oder Laserpistole - wenn der Tank leer war, kam das Adrenalin. Denn alle Wasserpistolen hatten dasselbe Problem: die Wiederbefüllung. Sie verlangte Geduld und Fingerspitzengefühl. Unter dem Wasserhahn galt es, mit ruhiger Hand einen stricknadeldünnen Strahl zu erzeugen und das viel zu kleine Einfüllloch der Spritze direkt darunter zu positionieren. Auch das etwas komfortablere Nachladen per Tauchbad im Wassereimer war schwierig. Damit die Luft entweichen konnte und sich der Tank schnell füllte, durfte die Öffnung nur zur Hälfte unter Wasser sein. Doch das war leichter gesagt als getan, wenn mindestens zwei andere Pistoleros mit ihren Waffen in diesem Eimer das Gleiche versuchten und die Übrigen genüsslich ihre gesamten Pistoleninhalt auf einen niederprasseln ließen. Manchmal half da nur noch, den Eimer zu nehmen und im ganz großen Stil mit einem besonders dreisten Mitspieler abzurechnen.

Die Wasserpistolenschlacht als Adrenalinkick kennen nicht nur Kinder. Franz Aliquo, ein New Yorker Anwalt, hat die Jagd mit der H2O-Spritze auf ein neues Level gehoben. Als Organisator der Street Wars nennt er sich Supreme Commander of the Shadow Government und verkündet mit breiten Gesten und einem Zigarillo im Mundwinkel, sein Spiel sei "die wahrscheinlich beste Fluchtmöglichkeit aus der Schläfrigkeit und dem Trübsal des Alltags". Tatsächlich lesen sich die Spielregeln wie das Script für einen Actionfilm: Drei Wochen lang, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ist jeder Teilnehmer ein Killer mit einer Zielperson, die es auszuschalten gilt. Zudem wird jeder selbst gejagt. Die Waffen: Wasserpistolen. Und wer am längsten trocken bleibt, hat gewonnen.

Um dieses Ziel zu erreichen, nehmen manche der Teilzeit-Kopfjäger erstaunliche Strapazen auf sich. Bei den Street Wars in San Francisco brach die Teilnehmerin Sandra sogar in die Wohnung ihres Opfers Kevin ein, um ihn nass zu machen. Vier Stunden harrte sie auf dem Boden der dunklen Küche aus, die Wasserpistolen im Anschlag. Und dann: Feuer frei. Beziehungsweise Wasser marsch! Bisher fanden die Street Wars in Großstädten wie New York City, Wien, Los Angeles und London statt.

Wer nicht warten möchte, bis so ein Wasserpistolenwahnsinn auch über die eigene Stadt hereinbricht, könnte natürlich auch einfach in den nächsten Spielzeugladen gehen und sich eine Wasserpistole kaufen. Dafür müssen sich auch Erwachsene längst nicht mehr schämen. Denn auf Beach-Partys und Veranstaltungen wie der Love Parade oder dem Schlagermove sind die bunten Wasserspritzen längst salonfähig.


Debatte

insgesamt 4 Beiträge zur Debatte
Sebastian Jansen am 10. März 2010, 11:19
>Ich lasse mich gern als Spaßbremse bezeichnen, aber ich kann es bis heute nicht nachvollziehen, dass es plötzlich gleichgültig ist, wenn man Kindern...

Sebastian Jansen am 10. März 2010, 10:50
Sehr geehrter Herr Trautmann,

man muss nicht erst nach Thailand fliegen, um gute Nerven zu beweisen. Auf http://www.freizeit-gangster.de finden Sie passend zum Artikel, die...


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