Wann wurde Adolf Hitler zum Judenhasser? Der Historiker Thomas Weber hat neue Dokumente über den Weltkrieg-I-Soldaten ausgewertet, der sich später "Führer" nennen ließ. Er stellt das Bild von der frühen Radikalisierung Hitlers in Frage - und räumt noch mit weiteren Legenden auf. Von Georg Bönisch
Aus der rechten Schläfe rann Blut, auf dem Fußboden bildete sich eine große Lache. Adolf Hitler, der Diktator, der größte Massenmörder aller Zeiten, hatte sich in den Katakomben seines Berliner Führerbunkers mit einer Pistolenkugel selbst gerichtet. Ein wohlüberlegter Abgang.
Im Tode präsentierte er sich nicht als Mann der Gegenwart, sondern als einer der Vergangenheit. Auf dem schlichten, feldgrauen Militärrock prangten nämlich nur zwei Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg: das Verwundetenabzeichen und das Eiserne Kreuz I. Klasse. Auf die war Hitler zeitlebens stolz, weil an ihnen der "Schmutz von Frankreich und der Schlamm von Flandern klebten".
Und sein kurz vor dem Selbstmord am 30. April 1945 diktiertes "politisches Testament" sollte die Botschaft transportieren, er sei, als Mann des Volkes, tief geprägt worden durch diese frühen Zeitläufe - seit er 1914 als "Freiwilliger" seine "bescheidene Kraft im ersten, dem Reich aufgezwungenen Weltkrieg einsetzte".

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"Wohl jeden Tag", deklamierte Hitler zuvor, habe er "sein Leben aufs Spiel gesetzt" und stets "dem Tod ins Auge gesehen". Ein Held also, gesund geblieben "wie durch ein Wunder". Den Stahlgewittern trotzend. Immer furchtlos in der "unvergesslichsten und größten Zeit meines irdischen Lebens".
Genau dieses Erlebnis soll Hitler, nach verbreiteter Lesart, so radikalisiert haben, dass er sich zum überzeugten, gnadenlosen Judenhasser entwickelte - der Erste Weltkrieg gilt als die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts. "Der Krieg machte Hitler, so wie die Revolution Stalin gemacht hatte", urteilt etwa der britische Historiker Richard Overy, und auch dessen Landsmann Ian Kershaw glaubt, Hitlers Weltbild habe damals "an Schärfe gewonnen". Joachim Fest, dessen Opus magnum "Hitler" höchste Standards setzte, war ebenfalls überzeugt von dieser Art Wechselspiel.
Die Legende vom Frontkämpfer im Stahlgewitter
Ein Newcomer ist da ganz anderer Meinung, und sie wird Diskussionen auslösen. Der 37-jährige Geschichtswissenschaftler Thomas Weber aus Hagen, der an der schottischen Universität Aberdeen lehrt, schöpfte aus einem Aktenbestand, der bis dahin erstaunlicherweise so gut wie unangetastet unter Staubschichten im Bayerischen Hauptstaatsarchiv lagerte. Es sind Papiere über Hitlers Regiment, die Brigade, die Division, Gerichtsdokumente samt Zeugenaussagen, beschlagnahmte Feldpostbriefe - eine Schatztruhe für jeden Forscher.
Damit möchte Weber in seinem Buch "Hitlers erster Krieg", das jetzt in deutscher Sprache erscheint, Ansichten über dessen Aufstiegsbiografie in Frage stellen und Legenden entmystifizieren: Die Einheit, in der Hitler diente, sei entgegen mancher Behauptungen mitnichten eine Art Vorläufertrupp der NSDAP gewesen - lediglich zwei Prozent der Soldaten, fanden Weber und seine Rechercheure heraus, traten der Partei später bei.
Auch war Hitler nie der Frontkämpfer, zu dem er sich und die nationalsozialistischen Propagandisten ihn stilisiert hatten. Diese Schönfärbung war ein hochpolitischer Akt im Vorfeld der sogenannten Machtergreifung, denn "kaum eine andere Nahtstelle zwischen bürgerlicher Gesellschaft und NS-'Revolution'" sei, schreibt der Historiker Gerd Krumeich, "so eng" gewesen wie die gemeinsame Betrachtung des "Weltkriegsvermächtnisses" samt den verbindenden, dramatischen Erfahrungen. Fast die gesamten vier Jahre hatte Hitler wenige Kilometer hinter der Hauptkampflinie gedient und damit häufig außerhalb der größten Gefahrenzone: als Meldegänger, keineswegs also im "Wirbelsturm des Trommelfeuers".
Hitler diente nicht in einem Freiwilligenregiment
Hitlers politische Identität, so lautet deshalb Webers provokante Schlussfolgerung, sei wohl kaum durch traumatische Fronterlebnisse eingebrannt worden, er sei bei seiner Rückkehr aus dem Krieg "vollkommen offen und formbar" gewesen. Und sie hätte "zu diesem Zeitpunkt noch in verschiedene Richtungen gelenkt werden" können.
Als er Soldat wurde, war Hitler bereits 25 Jahre alt - und vermutlich ein Fahnenflüchtiger. Im Mai 1913 hatte sich der sinistre Postkartenmaler nach Bayern abgesetzt, "mit einiger Sicherheit, um sich dem Militärdienst in Österreich zu entziehen" (Weber). Jetzt aber, im Jubel und patriotischen Taumel zu Beginn des Ersten Weltkriegs, riss es ihn in den Kampf - einen Kampf, so Hitler, der "den Massen, wahrhaftiger Gott, nicht aufgezwungen, sondern von dem gesamten Volke selbst begehrt" worden sei. Hitler wurde dem Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 16 (RIR 16) zugewiesen, kommandiert von Oberst Julius List. RIR 16 war kein Freiwilligenregiment, der Autor schafft auch diese Legende aus der Welt. Und im List-Regiment wimmelte es nicht, wie es die NS-Apologie überhöhend erklären sollte, von Studenten, Künstlern und Hochschulabsolventen.
Der Anteil angehender und tatsächlicher Akademiker unter den etwa 30 Prozent Freiwilligen war marginal. Stattdessen zogen überproportional viele Juden ohne Zwang fürs Vaterland ins Feld. Wohl keiner von ihnen, so Webers Befund, habe unter antisemitischen Ausfällen zu leiden gehabt, im Gegenteil: Die Offiziere des Kaisers seien darauf bedacht gewesen, "jüdischen Soldaten an der Front zu ermöglichen, ihr Judentum zu praktizieren".
Das schlecht ausgebildete und nur unzureichend ausgerüstete Regiment erlebte Ende Oktober 1914 seine "Feuertaufe", bei den Kämpfen um das flandrische Dorf Gheluvelt. In dramatischer Übertreibung behauptete Hitler, er sei der einzige Überlebende seines Zuges gewesen - wenig wahrscheinlich. Nach eindeutiger Aktenlage fielen am 29. Oktober insgesamt 13 Mann aus seiner Kompanie. In seinem Pamphlet "Mein Kampf" schrieb Hitler, dies sei erst der "Beginn" gewesen: "So ging es nun weiter Jahr für Jahr, an Stelle der Schlachtenromantik aber war das Grauen getreten."
"In jeder Schlacht einer der tapfersten Soldaten"
Seit Gheluvelt diente er freilich als Kurier zumeist außerhalb des Feuerbereichs von Gewehren und Maschinengewehren, vergleichsweise kommod eingebettet in der Etappe und mit geregelter Freizeit. Paradiesische Verhältnisse "in den Augen der Frontsoldaten" (Weber), die ständig mit dem Ende rechnen mussten.
Nach seinem gescheiterten Putschversuch 1923 und kurzfristiger Festungshaft setzten Hitler und seine Satrapen die vermeintlichen Kriegserfahrungen des vermeintlichen Weltkrieg-I-Heroen geschickt ein, um Stimmen zu sammeln auf dem Weg nach oben. "Der Mythos vom List-Regiment", sagt Weber, "wurde in den Jahren 1925 bis 1933 zum festen Bestandteil von Hitlers Rhetorik."
Es erschienen höchst schönfärberische Erinnerungen alter Kameraden ("Mit Adolf Hitler im Bayerischen RIR 16 List", "Adolf Hitler im Felde 1914/18"). Ein Autor jubelte, nur aus den Reihen dieses Regiments "konnte der Mann kommen", der "Wegweiser wurde zu einer neuen Zeit und in dieser unbestrittener, selbstverständlicher Führer". Selbst in einem Kinderbuch war zu lesen, Hitler sei "in jeder Schlacht immer einer der tapfersten Soldaten" gewesen.
Wer sich gegen diese Geschichtsklitterung erhob, der wurde gnadenlos verfolgt - und ins KZ gesteckt. Auch Hugo Gutmann, einer der jüdischen Offiziere, geriet 1937 in die Fänge der Gestapo und saß zwei Monate in Haft, wegen "verächtlicher, herabwürdigender und unwahrer Äußerungen über den Führer".
Der Leutnant hatte dafür gesorgt, dass Hitler, wie im Übrigen alle Meldegänger, mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse dekoriert worden war - und darüber einem Regimekritiker berichtet. Jenen Orden, den er im Tode trug.
Zum Weiterlesen:
Thomas Weber: "Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg - Mythos und Wahrheit". Propyläen Verlag, Berlin 2011, 592 Seiten.
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