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1978

Legendäre Konzerte

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Mit Hut und Gitarre: Bob Dylan auf seinem Album "Nashville Skyline" aus dem Jahre 1969. Als er im Sommer 1978 nach Deutschland kam, erwarteten viele deutsche Fans wohl noch den Dylan der sechziger Jahre - doch statt Protestliedern und Gitarre präsentierte dieser eine durchchoreografierte Show und Bigband-Sound.

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Der Dylan-Schock

Er war der Hohepriester der 68er: Folklegende Bob Dylan lieferte den Soundtrack des Protests für eine ganze Generation. 1978 trat der Songwriter erstmals in Deutschland auf - und schockierte seine Fans. Rückblick auf einen Meilenstein der Musikgeschichte mit unveröffentlichten Konzertfotos. Von Olaf Rippe


Debatte

Letzter Beitrag:

armin Osterholzer 16. Feb 2009, 23:49
Also... interessante Meinungen bisher... ich hatte das grosse... mehr...

So kann es gehen mit Erwartung und Wirklichkeit. Als im Sommer 1978 der überlebensgroße Bob Dylan, seit Mitte der sechziger Jahre Ikone und Stimme der weltweiten Protestbewegung, endlich für seine ersten Auftritte nach Deutschland kam, klafften beide mächtig auseinander. Das deutsche Publikum war euphorisiert von der Aussicht, den legendären Protestsänger mit Gitarre und Mundharmonika live zu sehen. Andere freuten sich auf Dylan, den Folkrocker, der 1965 seine Fans geschockt hatte, als er erstmals mit einer E-Gitarre aufgetreten war. Wieder andere wollten den Country-Eremiten Dylan sehen, der sich 1966 nach einem rätselhaften Motorraunfall 1966 weitgehend vom musikalischen Zeitgeist abgewandt hatte.

Doch es kam alles ganz anders.

Zum Tournee-Auftakt in Dortmund Ende Juni 1978 vermeldeten die Fernsehnachrichten: "Der Künstler verblüfft das deutsche Publikum. Dylan präsentiert seine Musik in völlig neuem Bigband-Gewand. Er selbst kleidet sich wie ein Entertainer aus Las Vegas." Dazu war ein kurzer Konzertausschnitt aus der Westfalenhalle zu sehen, in dem Dylan und seine Musiker den Song "Baby Stop Crying" von dem damals aktuellen Album "Street Legal" spielen, mit Make-up aufgedonnert und von üppigen Bläsersätzen begleitet.

Eine Vorstellung von dem, was sich an den beiden Abenden in der Dortmunder Westfalenhalle abspielte, vermitteln die Erinnerungen von Sex-Papst Günter Amendt, der auf Einladung des deutschen Veranstalters Fritz Rau die Tour von Dortmund bis Paris begleitete: "Die Show durchchoreografiert, Dylan geschminkt mit Lidschatten, die Band in Bühnenklamotten, 'Don’t Think Twice' im Reggae-Rhythmus, 'All Along The Watchtower' dominiert von der virtuosen Geige David Mansfields, the silver saxophone von Steve Douglas, die Kongas von Bobby Hall und das Schubidubidu der Girls im Hintergrund", schrieb Amendt später in seinem Buch "Back to the Sixties - Bob Dylan zum Sechzigsten." "Das war schon gewöhnungsbedürftig".

Wer vorgestern noch Aufstand rief …

Der Liedermacher Manfred Maurenbrecher erinnerte sich 2001 in einem Interview mit der "Tageszeitung" an das Dylan-Konzert in Nürnberg: "Alle hatten diesen Typ mit Gitarre erwartet, der immer noch schick aussieht und Anfang zwanzig ist und gegen alle möglichen Ungerechtigkeiten protestiert." Gekommen sei aber ein Enddreißiger mit sehr eleganten Klamotten, einem Frauenchor und einer "ganz alerten" Band. Dylan habe, so Maurenbrecher, ein paar ziemlich verrückte neue Sachen gesungen und die alten Protestsongs mit Chören und "ganz eleganten" Bässen versehen. "Die Fans", so der Liedermacher, "waren tödlich beleidigt, dass er nicht ihren Idealvorstellungen des protestierenden Arbeitslosen entsprach."

Die von Maurenbrecher dezent ironisierte Kritik, Dylan habe einen Ausverkauf politischer Ideale betrieben, als er sich auf der Bühne wie ein Entertainer im Las-Vegas-Stil gab, äußerte sich beim folgenden Konzert in der Berliner Deutschlandhalle in handfesten Unmutsäußerungen. Die Musiker wurden von Teilen des Publikums ausgebuht und ausgepfiffen, nach den Erinnerungen mancher flogen Gegenstände und Wasserbeutel auf die Bühne geflogen. Der Schriftsteller Thomas Brasch ("Vor den Vätern sterben die Söhne") verarbeitete die Tumulte beim Berliner Konzert literarisch in dem Gedicht "Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle". Den Verratsvorwurf wendet Brasch allerdings gegen das Publikum selbst - für ihn drückt sich in der reflexhaften Ablehnung von Dylans Wandlung die politische Unreife und Selbstgerechtigkeit der in die Jahre kommenden Protestgeneration aus:

Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle
ausgepfiffen angeschrien mit Wasserbeuteln beworfen
von seinen Bewunderern, als er die Hymnen
ihrer Studentenzeit sang im Walzertakt und tanzen ließ
die schwarzen Puppen, sah staunend in die Gesichter
der Architekten mit Haarausfall und 5000 Mark im Monat,
die ihm jetzt zuschrien die Höhe der Gage und
sein ausbleibendes Engagement gegen das Elend der Welt. So sah
ich die brüllende Meute: Die Arme ausgestreckt im Dunkel neben
ihren dürren Studentinnen mit dem Elend aller Trödelmärkte
der Welt in den Augen, betrogen um ihren Krieg,
zurückgestoßen in den Zuschauerraum
der Halle, die den Namen ihres Landes trägt, endlich
verwandt ihren blökenden Vätern, aber anders als die
betrogen um den, den sie brauchen: den führenden Hammel.
Die Wetter schlagen um:
Sie werden kälter.
Wer vorgestern noch Aufstand rief,
ist heute zwei Tage älter.


Ein Gig mitten in der Geschichte

Ausgerechnet die "Bild"-Zeitung machte sich in einem Artikel zur Tournee die Sichtweise der altlinken Dylan-Gegner zu Eigen. Der US-Sänger sei zur "reichen Pop-Diva geworden" geworden, hieß es dort, Dylan reise in einem luxuriösen Salonwagen der Bundesbahn mit goldenen Türklinken und allerlei anderem Prunk durch Deutschland - eine Darstellung, die die Wirklichkeit verzerrte und antisemitische Klischees bediente, wie im Rückblick Amendt meint, der selbst im Sonderzug mitreiste.

Trotz der Schelte zog Dylan in der Verkleidung eines Entertainers für die Massen auch tatsächlich die Massen an. Zwischen 70.000 und 100.000 Menschen kamen zu dem Konzert in Nürnberg, der vierten Station der Deutschlandtour. Allerdings verzichteten Dylan und Band bei diesem Auftritt auf ihre grelle Kostümierung, wie sich Amendt erinnert: Nachdem die Band vor dem Auftritt die Nazi-Architektur auf dem Nürnberger Zeppelinfeld, dem ehemaligen NS-"Reichsparteitagsgelände", in Augenschein genommen hatte, beschloss sie, in Straßenkleidung aufzutreten.

Die Deutschland-Tour konfrontierte den jüdischen Künstler Robert Zimmerman alias Bob Dylan zum ersten Mal mit dem Land der Täter - ausgerechnet auch an diesem historischen Ort. "Plötzlich war Dylan klar, dass er hier Songs spielte, die etwas mit Geschichte zu tun hatten", meint Günther Amendt. "Als er in Nürnberg 'Masters of War' spielte, hat er gesagt: Ich weiß, wo und warum ich diesen Song heute spiele." Konzertveranstalter Fritz Rau sah das Publikum in Nürnberg "mit dem Rücken zur nationalsozialistischen Vergangenheit und mit dem Gesicht zu einer demokratischen Zukunft namens Dylan" stehen - eine Variante zu Thomas Braschs Generationenanklage in Gedichtform: Beide sahen das deutsche Konzertpublikum damals stellvertretend für eine Gesellschaft, die noch nicht ganz zu ihrer demokratischen Identität gefunden hatte.

Grandios, vom Anfang bis zum Ende

Bigband-Sound und Songklassiker, die im Walzertakt oder trendigem Reggae-Rhythmus präsentiert wurden, mögen das Publikum verblüfft haben. Aber längst nicht alle nahmen Anstoß daran, dass Dylan seine Konzerte als Shows ohne explizite Botschaften inszenierte. Für viele war es schlicht ein Ereignis, die Songs des Musikers aus fast zwei Jahrzehnten endlich live zu hören. Immerhin zehrte er längst nicht mehr nur von den großen Platten der sechziger Jahre. Mit "Blood On The Tracks", "Desire" und "Street Legal" hatte er auch in den Siebzigern eine Reihe hervorragender Alben herausgebracht, die auch kommerziell teils zu den erfolgreichsten seiner Karriere gehörten.

Bei großen Teilen des Publikums fanden die "ziemlich verrückten neuen Sachen", die Manfred Maurenbrecher in Nürnberg hörte, jedenfalls weit größeres Wohlwollen als es die Enttäuschungsthese glauben machen will. Alles andere als enttäuscht war jedenfalls Johannes Erasmus, der seine Erinnerungen an eines der Konzerte in der Westfalenhalle 25 Jahre später für SPIEGEL ONLINE notierte: "Das Konzert: Grandios, vom Anfang bis zum Ende", schwärmte der SPIEGEL-Dokumentar, "Bob Dylan war länger als zehn Jahre für uns eher ein Gerücht gewesen als ein lebender Mensch. Und jetzt stand der Mann, von dem man kaum etwas wusste, obwohl man sich gelegentlich am Hauptbahnhof beim Internationale-Presse-Kiosk englische und amerikanische Musikzeitschriften holte, da auf der Bühne, nur wenige Meter entfernt."

Der Fernsehbericht zu eben jenem Konzert zeigt Dylan bei seiner Ankunft auf dem Essener Bahnhof, vor der Weiterfahrt im Bus zum Dortmunder Westfalenstadion. Obwohl Kameras dabei sind, ist hier von Inszenierung keine Spur. Dylan hielt offensichtlich die Konzert-Performance der '78-er-Tour offenbar auch von seiner eigenen Lebenswelt getrennt. In den TV-Aufnahmen bietet er das Gegenbild Glamour-Dylan, der sich auf der Konzertbühne diesmal "in theatralischen Inszenierungen, immer auf der Kippe zwischen Pomp und Peinlichkeit" als eine Art Zirkusdirektor gab. wie es der Autor Heinrich Detering in seinem Buch "Bob Dylan" formuliert.

Diese Inszenierungen mögen riskant gewesen sein. Doch mit ihnen gelang es Dylan, sich auch in Deutschland endgültig aus seinem Protestsänger-Korsett zu befreien - und zwang das Publikum, sich von festen Erwartungen und der Fixierung auf eine Leitfigur zu lösen.



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