Er saugte Fledermäusen das Blut aus und trank seinen eigenen Urin: Nach einem Sandsturm schleppte sich der italienische Ultramarathonläufer Mauro Prosperi 1994 zehn Tage durch die Sahara und überlebte. Bei einestages erzählt er, was ihn rettete - und warum er auch in diesem Jahr wieder in der Läuferhölle antritt. Von Katja Iken
Am dritten Tag fand Mauro Prosperi einen geeigneten Platz zum Sterben. Er nahm die italienische Fahne, spießte sie auf eine Zeltstange und rammte sie vor dem Eingang des verlassenen muslimischen Heiligtums in den Boden. Dann betrat der Italiener die Ruine, über der die Geier schon kreisten. Er schrieb eine Abschiedsbotschaft an seine Frau und kramte ein Messer aus seinem Rucksack. Schließlich schnitt er sich die Pulsadern auf und legte sich in den Wüstensand.
Doch nichts passierte. Am nächsten Morgen erwachte der 38-Jährige - noch schwächer als am Vortag, aber immer noch am Leben. Die Natur hatte seinem Selbstmordversuch einen Strich durch die Rechnung gemacht: Durch den drastischen Wassermangel war das Blut in seinem Körper zu zähflüssig geworden, um aus den Schnittwunden zu pulsieren. Der Marathonläufer stand auf, verließ den Schrein und nahm seinen Überlebenskampf erneut auf.
Er sollte ihn eine weitere Woche lang durch die glutheiße Sahara irren lassen. Erst am 23. April 1994, zehn Tage, nachdem ein Sandsturm die Wegmarkierungen des Wüstenmarathons hinweggefegt hatte, stieß Prosperi mitten in der Wüste auf ein Nomadencamp. Berberfrauen päppelten den halbtoten, um 15 Kilogramm abgemagerten Mann mit Ziegenmilch auf und übergaben ihn dem algerischen Militär. Prosperi war gerettet.
"Ich suchte nach etwas, das mich ganz erfüllt"
In diesem Jahr wird der Italiener wieder am "Marathon des Sables" teilnehmen, zum siebten Mal insgesamt. Der 55-Jährige Römer, der sich seine Polizistenrente als Personal-Trainer aufbessert, bereitet sich derzeit auf die Strapaze vor, die am 1. April beginnt. Aber warum tut er sich diese Läuferhölle in der marokkanischen Sahara immer und immer wieder an, die ihn vor siebzehn Jahren beinahe das Leben kostete? "Die Wüste hat mich verzaubert. Ich kann nicht anders als immer wieder mitmachen", sagt der Römer Prosperi. "Laufen ist mein Leben."
An seinem achten Geburtstag fing Prosperi mit modernem Fünfkampf an, er ritt, schoss, lief, schwamm. Mit elf bekam er ein T-Shirt geschenkt, auf dem stand: "Ich liebe den Sport". Sein Vater, ein einfacher Arbeiter, förderte das Talent seines Sohnes: "Ich sollte es einmal besser haben als er", sagt Prosperi. 1984 nahm er als Ersatzmann des italienischen Fünfkampf-Teams an den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles teil - die Mannschaft holte Gold. "Dann, nach meiner Profisportler-Phase, begann ich mich zu langweilen und suchte nach etwas, das mich ganz erfüllt", sagt der Italiener.
In einer Sportzeitschrift las er 1994 einen Artikel über den "Marathon des Sables" - und war infiziert. Seine damalige Frau Cinzia warnte ihn: "Wenn du willst, dass es Dir besser geht, fahre nicht in die Wüste", sagte sie. Mauro fuhr trotzdem hin. Um sich auszuprobieren in einem der härtesten Extremläufe der Welt: Mehr als 200 Kilometer in sieben Tagen, Temperaturen von bis zu 50 Grad, ein schwerer Rucksack auf dem Rücken. Nur Wasser und ein Zelt zum Übernachten bekommen die Läufer von den Veranstaltern gestellt. Den Rest, etwa Verpflegung, Kochgeschirr oder Schlafsack, müssen sie selbst schultern.
Die ersten drei Etappen liefen perfekt: Unter den 133 gestarteten Teilnehmern kämpfte sich Prosperi auf Platz sieben vor. Auch an Tag vier, an dem die mit 80 Kilometern längste Etappe angesetzt war, fühlte er sich gut. Gegen ein Uhr mittags passierte Prosperi den 30-Kilometer-Checkpoint, verband eine Blase am Fuß, nahm eine Flasche Wasser mit und rannte weiter. Wenige Minuten später zog ein schwerer Sandsturm auf. "Hart wie Nadeln biss sich der Sand in meine Augen, Ohren, Nase, Mund", erinnert er sich. Prosperi wickelte sich einen Schal um den Kopf und lief weiter, "schließlich wollte ich meine gute Position nicht aufgeben", sagt er. Sein Ehrgeiz sollte ihm zum Verhängnis werden: Während die anderen Sportler, wie für diesen Fall vereinbart, sofort anhielten und auf Hilfe warteten, verirrte sich Prosperi in der Wüste.
"Immer auf der Suche nach Wolken"
Sechs Stunden später legte sich der Sturm - und Mauro war verloren. Trotzdem lief er immer weiter, "weil ich wusste, dass ich die Hoffnung nicht aufgeben darf", sagt er. Wasser und Essen waren schon am ersten Tag aufgebraucht, Prosperi begann, in seine Wasserflasche zu urinieren. "Ich erinnerte mich an die Anekdoten, die mir mein Großvater aus dem Ersten Weltkrieg erzählt hatte. Um zu überleben, hatten die Männer in den Schützengräben damals ihren Urin getrunken. Das war meine einzige Chance", sagt er. Am nächsten Tag gegen 17 Uhr nahte Rettung. Ein Hubschrauber des marokkanischen Militärs kreiste direkt über ihm, Prosperi konnte bereits den weißen Helm des Piloten erkennen. "Ich feuerte eine Leuchtrakete ab, aber der Mann hatte die Sonne direkt im Gesicht", erinnert er sich. Der Hubschrauber drehte ab.
Prosperi packte die nackte Verzweiflung. Am dritten Tag wollte er aufgeben. Als er mitten in der Wüste auf eine Ruine stieß, stand sein Plan fest: Dies sollte sein eigenes Grab werden. "Ich war mir sicher, dass man meinen Körper hier eher finden würde als da draußen, mitten im Sand", sagt er. Und seinen Körper sollte man unbedingt finden: damit die Familie sofort und nicht erst nach mehreren Jahren, wie das bei Verschollenen oft vorkommt, Pensionsansprüche geltend machen konnte. Doch der Selbstmordversuch missglückte - dank des Wassermangels, dank des eigenen Durstes. "Ich sah das als Zeichen, dass ich weiterleben sollte", sagt Prosperi. Und machte weiter.
In der Ruine erlegte er zwei Fledermäuse, deren Blut er aussaugte. Auch die anderen Tiere, Schlangen und Eidechsen etwa, aß er roh - "um an Flüssigkeit zu kommen", wie er sagt. Er kaute Wurzeln und Blätter, trank seinen Urin und kauerte sich tagsüber hinter die Dünen, um sich vor der Sonne zu schützen. Erst nachts, wenn die Temperaturen abgekühlt hatten, ging er los, "immer auf der Suche nach Wolken", erinnert er sich. Ein alter Targi habe ihm vor dem "Marathon des Sables" diesen Tipp mit auf den Weg gegeben. Wolken in der Wüste, das bedeute Vegetation und damit Wasser, Menschen, Überleben. Am vierten Tag näherte sich ein Leichtflugzeug, Mauro brüllte um Hilfe. Keiner hörte ihn, das Flugzeug flog davon.
Einmal vom Atlantik bis zum Roten Meer
Um dem Suchtrupp ein Lebenszeichen zu geben, verbrannte Mauro seinen Schlafsack und ließ den Rauch in die Höhe steigen, auf Dünen deponierte er leere Aluminiumbüchsen, die in der Sonne funkelten. Vergebens. Trotzdem drehte er nicht durch, das war seine Rettung. "Ich fügte mich in die Situation, akzeptierte die Wüste. Um nicht verrückt zu werden, führte ich nachts innere Dialoge mit meinen Töchtern, meiner Frau, meinen Freunden", sagt er. An Tag acht seiner Odyssee stieß er auf eine Wasserlache. Prosperi trank sofort und bekam Magenkrämpfe. Das Wasser war verdorben. Endlich, am 23. April, sah er am Horizont Wolken auftauchen. Mit letzter Kraft schleppte er sich weiter und erkannte dann in der Ferne Kamele: Eine Nomadensiedlung.
"Eines der Kinder holte Soldaten aus einem nahe gelegenen Militärcamp. Die hielten mich anfangs für einen Spion. Sie packten mich in einen Toyota und verbanden mir die Augen", so Prosperi. Zwei Tage lang dauerte die Fahrt durch die Wüste. Sie endete für den völlig ausgezehrten Sportler in einem Militärkrankenhaus im algerischen Tindouf. Von dort aus rief er daheim in Catania an. "War meine Beerdigung schon?", fragte er seine Frau. Denn die marokkanischen Behörden waren bislang davon ausgegangen, dass Prosperi nicht mehr am Leben sei. "Mauro, nun lege ich dir Ketten an", habe seine Frau geantwortet. Aber es gelang ihr nicht.
Ein volles Jahr brauchte Prosperi, um sich von seiner Wüstenodyssee zu erholen, dann meldete er sich 1996 erneut zum "Marathon des Sables" an. 2002 wurde er Dreizehnter, mit einer Zeit von 25 Stunden, 30 Minuten und 37 Sekunden. "Die Wüste ist ein Traum. Sie bedeutet Unendlichkeit für mich", sagt der ehemalige Polizeioffizier und zitiert den italienischen Poeten Guiseppe Ungaretti: "M'illumino d'immenso" - "Ich werde von Unendlichkeit erleuchtet."
Als "Robinson Crusoe der Sahara" feierte die italienische Presse Prosperi nach dessen Rückkehr im April 1994. Nur ein professioneller Sportler mit einem außergewöhnlich durchtrainierten Körper sei in der Lage, so lange in der Wüste zu überleben, erklärte ein Wissenschaftler den Lesern des "Corriere della Sera". "Fünfkämpfer Prosperi war überdies in der Lage, Panik und Angst zu kontrollieren - Gefühle, die bei untrainierten Personen in dieser Situation zu verheerendem Energieverschleiß führen", zitierte die Zeitung den Pharmakologen.
Der Lebenstraum des Marathonmannes: einmal vom Atlantik bis zum Roten Meer laufen. Prosperi hat schon alles organisiert, nur fehlen ihm noch Sponsoren für den mehr als 7000 Kilometer langen Ultramarathon. "Was die Grenzerfahrung von 1994 in mir verändert hat?", fragt Prosperi. "Ich liebe die Natur noch mehr als zuvor und tue alles, um ihr so nah wie möglich zu sein." Am 1. April läuft er wieder los.
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