Über einestages

1939-1945

Wehrmachtssoldaten im O-Ton "Wupps, so ringehalten. Das macht Spaß!"


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Bei der Recherche über den U-Boot-Krieg im Atlantik stieß der Militärhistoriker Sönke Neitzel vor sechs Jahren erstmals auf Abhörprotokolle deutscher Wehrmachtoffiziere, in der diese in unerhörter Offenheit über ihre Kriegserfahrungen sprachen. einestages veröffentlicht Auszüge der Protokolle (die Bilder zeigen nicht die protokollierten Personen, sondern nur die in den Gesprächen beschriebenen Zusammenhänge).

Zivilisten im Visier:
Budde: "Zwei Störangriffe habe ich geflogen, also Häuser beschossen."
Bartels: "Aber nicht wie wir Zerstörangriffe, also mit bestimmtem Ziel?"
Budde: "Nein, nur Störangriffe. Was uns in die Quere kam, so Villen auf einem Berg, waren die schönsten Ziele. Wenn man so von unten anflog, dann wupps, so ringehalten, dann rasselten die Fenster, und oben das Dach ging hoch. Da war mal Ashford. Auf dem Marktplatz, da wurde eine Versammlung gehalten, Haufen Leute, Reden gehalten, die sind vielleicht gespritzt! Das macht Spaß!"




Blick eines Bordschützen aus der Bugkanzel eines deutschen Bombers vom Typ Heinkel He 111 während eines Angriffs auf eine polnische Stadt im September 1939.

Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-S52911

Kampfpiloten mähen Dorfbewohner nieder, Landser erschießen Frauen und Kinder: Zwei Forscher haben Abhörprotokolle ausgewertet, in denen Wehrmachtssoldaten über Töten und Sterben im Zweiten Weltkrieg berichteten. Der Sensationsfund zeigt, wie Männer zu Mordmaschinen wurden. Von Jan Fleischhauer


Die Literatur über den Zweiten Weltkrieg ist nahezu unüberschaubar, kein anderer bewaffneter Konflikt ist von der Forschung so gut ausgeleuchtet worden. Doch wie die Soldaten selber das mörderische Ringen um die Herrschaft in Europa erlebten, wie sie die Dauerpräsenz von Tod und Gewalt veränderte, was sie fühlten, fürchteten, aber am Waffengang eben auch genossen - all das hat die Wissenschaft bislang eher am Rande interessiert.

Schon bei aktuellen Militäroperationen ist es schwer, sich ein akkurates Bild vom Krieg aus Sicht der Teilnehmer zu machen. Wer als Soldat offen über das Erlebte berichtet, muss fürchten, auf Ablehnung zu stoßen, zumal, wenn er sich nicht immer so verhalten hat, wie es die Haager Landkriegsordnung eigentlich vorschreibt. Im Einzelfall droht ihm sogar ein Verfahren wegen einer Beteiligung an Kriegsverbrechen. So geben die Selbstzeugnisse in aller Regel nur einen geschönten Ausschnitt der Kriegswirklichkeit wieder.

Man darf also wohl von einem Sensationsfund reden, der zwei deutschen Wissenschaftlern jetzt in britischen und amerikanischen Archiven gelungen ist. Bei der Recherche über den U-Boot-Krieg im Atlantik stieß der Militärhistoriker Sönke Neitzel vor sechs Jahren erstmals auf Abhörprotokolle deutscher Wehrmachtoffiziere, in der diese in unerhörter Offenheit über ihre Kriegserfahrungen sprachen. Je weiter er grub, desto mehr Material fand er, insgesamt 150.000 Seiten an Originalquellen, die er zusammen mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer auswertete. Das Ergebnis dieser Arbeit ist ein Buch mit dem schlichten Titel "Soldaten", das ab kommender Woche im Handel liegt und eine Innenansicht des Zweiten Weltkriegs erlaubt, die wohl endgültig den Mythos von der sauberen Wehrmacht erledigen wird.

Einzigartige Dokumentation der Kriegswahrnehmung

Etwa eine Millionen Angehörige von Wehrmacht und Waffen-SS gerieten bis Frühjahr 1945 in britische oder amerikanische Gefangenschaft. Die meisten kamen nach ihrer Festsetzung in normale Kriegsgefangenenlager. Über 13.000 deutsche Gefangene aber wurden zur näheren "Beobachtung" in spezielle Abhörlager überstellt, deren Zellen mit versteckten Mikrofonen verwanzt waren. Aufgabe dieser Einrichtungen, die die Alliierten erst im Herrensitz Trent Park nördlich von London, dem Latimer House in der Grafschaft Buckinghamshire und von Sommer 1942 auch in Fort Hunt in Virginia eingerichtet hatten, war es, den Soldaten militärische Geheimnisse zu entlocken.

Weil die Lauscher aber naturgemäß sehr viel mehr protokollierten als Gespräche über Ausrüstung, Bewaffnung oder taktische Erwägungen, hinterließen sie eine einzigartige Dokumentation der Kriegswahrnehmung in historischer Echtzeit, die auch eine Antwort auf die Frage zulässt, was es braucht, um aus braven Familienvätern kaltblütige Gewalttäter zu machen. Wer die Abhörprotokolle liest, die Neitzel und Welzer aufbereitet haben, muss zu dem Schluss kommen, dass es dazu keiner besonderen Anleitung bedarf. Bei vielen dauert die Gewöhnungsphase gerade einmal ein paar Tage, dann geht ihnen das Tötungsgeschäft leicht von der Hand. Nicht wenige empfinden sogar offen eingestandenes Vergnügen dabei. Der Gebrauch von Gewalt ist ganz erkennbar eine reizvolle Erfahrung, sie liegt den Menschen sehr viel näher, als wir uns nach 65 Friedensjahren zu denken angewöhnt haben.

Krieg ist das umfassendste Sozialexperiment, wozu Menschen fähig sind, wenn sich die Lebensumstände ändern, an die sie sich anpassen müssen. Das Opfer gibt es nur noch als Ziel, das es zu treffen und zu vernichten gilt, als Schiff, Haus, Eisenbahn oder eben Radfahrer, Fußgänger und Frau mit Kinderwagen. Ein Bedauern über das Schicksal Unbeteiligter zeigt sich in ganz wenigen Fällen, Mitgefühl praktisch nie. Manche der abgehörten Soldaten sind sogar besonders stolz, wenn sie möglichst viele Zivilisten getötet haben, was allerdings noch lange nicht heißt, dass sie sich als gewissenlose Mordbestien sehen.

Tatsächlich hebt Krieg die Bedeutung moralischer Kategorien nicht auf, wie man vermuten sollte, er verschiebt lediglich ihren Gültigkeitsbereich. Solange sich der Soldat innerhalb der Grenzen bewegt, was als notwendig gilt, empfindet er sein Handeln als legitim, das kann durchaus Akte äußerster Brutalität einschließen. Deshalb bereiten ihm auch Handlungen, die in Friedenszeiten sofort Abscheu hervorrufen, keine besonderen Gewissensqualen.






Debatte

insgesamt 67 Beiträge zur Debatte
Kornelius Ruks am 8. Januar 2013, 19:54
Im Alltag geht der Kleinbürger immer den einfachsten Weg, macht alles nur halb und lau - weil er sich nicht traut. Aber im Krieg, da darf er plötzlich, ja soll sogar,...

Vincent C. Müller am 8. Januar 2013, 17:55
Beeindruckend. Irgendwie noch mehr beeindruckend als die Photos die man schon so oft gesehen hat. Und natürlich ist das alles typisch für viele Kriege, traurigerweise.


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