Über einestages

1962

Eichmanns Todesurteil

Henker für einen Tag


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Amit Shabi / Laif / DER SPIEGEL
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Shalom Nagar: Der Henker Adolf Eichmanns, Shalom Nagar, gibt im April 2011 in seinem Haus in Holon, Israel, ein Interview. Der 75-Jährige war 1962 einer der Aufseher während der Haftzeit des Kriegsverbrechers im Gefängnis von Ramla. Er sagt über Eichmann: "Er war immer höflich, aber auch distanziert; er hat mich nie angesehen."

Er hat nur einmal getötet, den NS-Verbrecher Adolf Eichmann. Für Israel war dies lebenswichtig. Für Schalom Nagar, den Gefängniswärter und einzigen Henker des jungen Staates, aber wurde die Hinrichtung des Holocaust-Organisators eine lebenslange Qual. Von Juliane von Mittelstaedt


Der Henker ist ein kleiner Mann von 75 Jahren, er hat einen weißen Bart und silbrige Schläfenlocken. Blut klebt am Ärmel seiner Strickjacke, Tierblut; er ist ein Schochet, ein Schächter. Strenggläubige Kranke rufen ihn, und er bringt ihnen ein Huhn oder ein Lamm, schwenkt es über ihrem Kopf, spricht einen Segen, dann schneidet er dem Tier die Kehle durch. "Es funktioniert, ich habe damit schon Sterbende und Unfruchtbare geheilt", sagt Schalom Nagar.

In der Nacht zum 1. Juni 1962 tötete Schalom Nagar einen Menschen. Nagar zog an einem Hebel in Trakt A1, im ersten Stock des Gefängnisses von Ramla. Der Hebel löste eine Falltür aus, und einer der größten Nazi-Verbrecher der Welt fiel, an einem Strick hängend, in den Tod.

Zwei Jahre nach seiner Entführung durch den israelischen Geheimdienst aus Argentinien war Adolf Eichmann tot, der Leiter des Referats IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt, zuständig für den Transport der europäischen Juden in die Konzentrationslager. Die Hinrichtung war ein Triumph für den noch jungen Staat Israel, im Jahr 14 seines Bestehens.

Der einzige Henker Israels

Zurück blieb Schalom Nagar, der einzige Henker Israels. Er hat stellvertretend für eine ganze Nation den Hebel gezogen. Er war es, der Eichmann vom Strick nahm. Seitdem ist Nagars Leben mit dem von Eichmann verbunden, er wird ihn nicht mehr los, diesen Deutschen, der dazu beitrug, sein Volk beinahe auszulöschen. "Ich war damals erst 26, das war zu viel für mich", sagt Schalom Nagar. "Ich wollte nie ein Henker sein."



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Nagar sitzt in seiner Wohnung in Holon, einer Trabantenstadt von Tel Aviv, zwischen Bildern von heiligen Rabbis und ledergebundenen Ausgaben von Tora und Talmud. In der Küche räumt seine Frau gerade den Kühlschrank aus, Vorbereitung für das Pessach-Fest, zu dem keine gesäuerten Nahrungsmittel im Haus sein dürfen. Fast 50 Jahre lang hat er kaum öffentlich über diesen Tag gesprochen, an dem er das einzige Todesurteil in der Geschichte Israels vollzog.

Die israelischen Filmemacherinnen Netalie Braun und Avigail Sperber haben nun über ihn die anrührende Dokumentation "Der Henker" gemacht, die Ende Mai beim Jüdischen Filmfestival in Berlin zu sehen sein wird.

Er wurde Tischler, Fallschirmjäger, Gefängniswärter

Die Geschichte des Schalom Nagar ist auch die Geschichte Israels. Sie beginnt im Jemen und endet Jahrzehnte später im Westjordanland, führt vom Aufbruch der Juden in ihre neue Heimat bis zur Unterdrückung der Palästinenser.
Am Anfang hieß Schalom Nagar noch Salam Nagar, auf Hebräisch wie Arabisch bedeutet beides dasselbe: Frieden. Als er sechs Jahre alt war, starb sein Vater, der Sohn schlief auf den Straßen der jemenitischen Hauptstadt Sanaa, bettelte und arbeitete, um zu überleben.

Zusammen mit einer Gruppe anderer Juden wanderte er in die Hafenstadt Aden, acht Monate dauerte die Reise, weil sie immer wieder gefangen genommen wurden; von Aden aus wurden die Flüchtlinge per Flugzeug nach Israel gebracht. Auf dem Flug sagten sie ihm: "Du brauchst deine Schläfenlocken in Israel nicht. Dort sind alle Bürger Juden, du musst nicht mehr zeigen, dass du anders bist." Jemand schnitt ihm die Locken ab. Dann landete Nagar in Israel, das war 1949, ein Jahr nach der Staatsgründung.

Der Straßenjunge wurde Tischler, Fallschirmjäger, schließlich Gefängniswärter. Als Eichmann in das Gefängnis von Ramla verlegt wurde, wählten Nagars Vorgesetzte ihn als einen der Bewacher aus, weil er gerade nicht aus Europa stammte, wie fast alle Juden, die von den Nazis ermordet worden waren. Sie glaubten, sein Hass sei bezähmbar. "Sie hatten große Angst, einer der Wärter könnte Eichmann umbringen oder verletzen", erzählt er. Eichmann, der größte lebende Judenmörder, sollte vor Gericht gestellt werden und nicht durch Mord oder Suizid entkommen.

"Nie habe ich Gefühle in seinem Gesicht gesehen"

Viermal drei Stunden pro Tag saß Nagar auf einem Stuhl in Eichmanns Zelle und beobachtete ihn, dann hatte er 48 Stunden frei, sechs Monate lang ging das so. Hinter der vergitterten Metalltür saß ein anderer Wärter, der Nagar beobachtete, im Raum dahinter ein Aufseher, der beide Wärter beobachtete. Das Essen für Eichmann brachte Nagar in einer Box, die mit einem Schloss verriegelt war. Bevor Eichmann aß, musste der Jude für den Nazi vorkosten, um sicherzugehen, dass dieser nicht vergiftet wird.

Nagar sah Eichmann zu, wie er am Schreibtisch saß und schrieb. Er sah ihm beim Schlafen zu, beim Lesen. Das Gesicht Eichmanns wurde zu einer Landschaft der Bösartigkeit, die er studierte. Aber er fand nichts, keine Schuld, keinen Hass, keine Furcht. "Nie habe ich irgendwelche Gefühle in seinem Gesicht gesehen", sagt Nagar. "Er war immer höflich, aber auch distanziert. Er hat mich nie angesehen, nur wenn er mich um etwas bat. Ansonsten schaute er zur Wand." Manchmal sagte er "Gracias", wenn Nagar ihn zur Toilette oder zur Dusche führte. Nagar sagt, auch er habe nichts gefühlt. Als hätte ihn Eichmann mit seiner Anwesenheit betäubt, mit dieser schrecklichen Ruhe, wie sie nur ein Buchhalter des Todes ausstrahlen kann.

Eines Tages bat ihn Schmuel Blumenfeld, ein aus Krakau stammender Gefängniswärter, Eichmanns Zelle betreten zu dürfen. Blumenfelds Familie war in Auschwitz umgekommen, er selbst hatte knapp überlebt. Blumenfeld zeigte Eichmann seine auf den Arm tätowierte Häftlingsnummer. "Ich war an Ihrem Ort, jetzt sind Sie an meinem", sagte er. Eichmann brüllte ihn an. Das war das einzige Mal, sagt Nagar, dass Eichmann aus der Rolle fiel.

Ein Galgen wird installiert

"Ich wusste wenig über den Holocaust und nichts über Eichmann", sagt Nagar. Aber nach und nach formte er sich ein Bild des Mannes und seines Schreckenssystems, so wie sich ganz Israel langsam ein Bild machte. Er war manchmal im Gericht, er kannte die Anklage: Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen. "Ich wusste, wir werden die sechs Millionen toten Juden nicht zurückbekommen. Aber Eichmann zahlte seinen Preis, und ich war Teil davon", sagt er äußerlich unbeteiligt.

Am Ende des Eichmann-Trakts wurde ein Galgen installiert, eine Falltür, zwischen den beiden Etagen. Darüber ein Strick. Der Oberaufseher fragte Nagar: "Würdest du Eichmann töten, wenn es so weit ist?" Nagar lehnte ab, als Einziger der Wärter. "Ich fand, unsere aschkenasischen Kollegen sollten das tun, sie haben gelitten und ihre Familien verloren." Aschkenasim werden die europäischen Juden genannt.

Aber offenbar fürchtete sich die Gefängnisleitung vor so viel Gefühl, und so wurde Nagar ausgewählt, das Todesurteil zu vollstrecken. Der Mann, für den der Holocaust am weitesten entfernt war, der für keinen Skandal sorgen, der seine Geschichte für sich behalten würde. Manche Historiker behaupten freilich, es habe mehrere Henker gegeben. Nagar aber beharrt darauf, der Einzige gewesen zu sein.

Die religiöse Pflicht

Eichmann wartete in der Zelle, mit ihm ein Pastor und ein Arzt. Schalom Nagar holte Eichmann ab und legte ihm den Strick um. "Er hat sich nicht gewehrt, nicht geweint, nicht gezittert. Dann gab mir der Kommandant den Befehl, und ich zog den Hebel."

Ein Jahr lang quälte sich Nagar mit dem Bild des Toten. Er schlief schlecht, hatte Alpträume, und wenn er an Eichmanns Gefängnistrakt vorbeiging, dann glaubte er, dessen Geist zu sehen. Er wandte sich der Religion zu, seitdem trägt er den Mantel und die Samtkippa der Orthodoxen. Mit der Zeit verblasste das Bild Eichmanns am Galgen, und Nagar begann zu glauben, Gott habe ihn erwählt für diese Mizwa, die religiöse Pflicht.

"Dieser Prozess und das Urteil zeigten der Welt die Brutalität und die Bösartigkeit gegenüber den Juden", sagt Nagar. "Und es war wichtig für unseren jungen Staat, es hat uns zusammengeschweißt." Die Schoah wurde rückwirkend zum Gründungsmythos des jungen Staats und zum Zentrum der israelischen Identität.

Fünf Jahre später eroberte Israel im Sechs-Tage-Krieg den Golan und das Westjordanland. Auch Schalom Nagar kämpfte mit, danach wurde er in das Gefängnis von Hebron versetzt. Er bewachte nun Palästinenser und Terroristen, die neuen Staatsfeinde. Sie schlugen die Gefangenen und pferchten sie in kleine Zellen, ohne Ausgang. "Wir sind so brutal geworden", sagt Nagar leise. Er erlebte, wie die Israelis von Verfolgten zu Besatzern wurden, auch er war Teil davon.

Angst vor der Rache der Palästinenser

Als die ersten Siedler sich 1968 in Hebron niederließen, half Nagar ihnen, ein Quartier zu finden. Daraus entstand Kirjat Arba, eine der radikalsten Siedlungen im Westjordanland. Nagar zog in die Siedlung, später baute er ein Haus am östlichen Stadtrand von Hebron. Als der Arzt Baruch Goldstein im Februar 1994 im Grabmal des Patriarchen Abraham in Hebron 29 Muslime erschoss, betete Nagar gerade im Raum nebenan. Nach dieser Tat zog er zurück nach Holon. Er hatte Angst vor der Rache der Palästinenser.

Nur noch einmal, 1988, rief sein ehemaliger Chef aus dem Gefängnis von Ramla bei Schalom Nagar an. Er fragte: "Willst du auch John Demjanjuk hinrichten?" Der ukrainische KZ-Aufseher stand gerade in Israel vor Gericht und war schon zum Tode verurteilt, aber dann brach die Sowjetunion zusammen, neue Dokumente tauchten auf, Demjanjuk wurde freigesprochen. Schalom Nagar sagt, er hätte den Hebel nicht gezogen. Einmal reicht.


Debatte

insgesamt 7 Beiträge zur Debatte
Frank Schulze am 30. April 2011, 00:32
"Die beiden Henker drückten jeder einen Knopf, von denen einer die Falltür öffnete. Eichmann stürzte drei Meter in die Tiefe."

Quelle: Der Spiegel...

Walter Wissenbach am 29. April 2011, 20:42
Ich hätte gern gewußt, was Eichmann dem Ausschwitz-Überlebenden, der ihm seine tätowierte Nummer zeigte, genau entgegengebrüllt hat. Was hatte dieses Tier...


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