Vor knapp 100 Jahren machte sich ein Deutscher auf eine abenteuerliche Expedition quer durch Afrika - per Motorboot. Ein Safari-Unternehmer aus Windhuk hat nun verschollene Filmaufnahmen des einzigartigen Unterfangens entdeckt. Von Matthias Schulz
Als Oberleutnant der Schutztruppen, stationiert in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) ritt Paul Graetz meist in weißer Uniform auf dem Zebra herum. Um 1905 verließ der Soldat die Armee und startete mit 75.000 Reichsmark Sponsorengeldern die verrückteste Autofahrt aller Zeiten.
Hunderte Fotos hat der mobile Abenteurer geschossen, um seine gefährliche Urwaldfahrt zu dokumentieren. Hernach schrieb er einen packenden Reisebericht und ließ kostbare handkolorierte Glasplatten-Dias fertigen, mit denen er wie ein Medienstar durch Europa tourte. Im Berliner Hotel Adlon besaß Graetz eine Dauersuite.
Seine zweite Expedition von 1911 mutet noch gewagter an. Der Plan sah vor, mit einem 8,20 Meter langen Motorboot von der Küste Mosambiks aus über Wasserwege zum sagenumwobenen Bangweulu-See in Sambia vorzustoßen. Von dort wollte man über den Kongo tuckern, um dessen Mündung am Atlantik zu erreichen - ein Durchstich von Ost nach West quer durch den Schwarzen Kontinent.
Wieder hatte Graetz hochwertige Fotoapparate im Gepäck. Zudem setzte er diesmal auch auf das Medium Film. Mit von der Partie war der französische Kameramann Octave Fière, der mit einem klobigen Cinematographen samt Holzstativ und Handkurbel an Bord der schwankenden "Sarotti" ging. In vorab eingerichteten Urwald-Depots entlang der Strecke lagerten 10.000 Meter Rohfilm.
Doch es kam anders. Die Mission scheiterte auf halber Strecke. Fière starb schon vorher nach einem Büffelangriff. 45 Minuten Film hatte er bis dahin abgedreht. Dieses Material - ein kostbares Dokument aus dem kolonialzeitlichen Afrika - war seit dem Zweiten Weltkrieg spurlos verschwunden.
Verstaubte Filmkopie im Keller
Erst dem in Windhuk ansässigen Safari-Unternehmer Carsten Möhle, der das Lebenswerk des vergessenen Abenteurers Graetz erforscht, ist jetzt die Auffindung des Zelluloids gelungen. "1926 wurde der Film zuletzt in einer Lehrfilmsammlung erwähnt, auch gab es Kopien von der UFA", erzählt er. Seine anfänglichen Recherchen stießen allerdings ins Leere.
Anfang 2007 wurde der Fahnder schließlich fündig - im letzten Wohnsitz des 1968 gestorbenen Pioniers, dem Haus "Afrikaruh" in Travemünde. Dort lebt heute dessen Tochter Uta Graetz-Africana, 65. Nach schwierigen Verhandlungen, die man teils auf Suaheli führte, kramte die Erbin im Keller eine kleine verstaubte Blechdose hervor: Darin enthalten war der Stummfilm von der "Sarotti"-Fahrt.
In Kintopp-Qualität und flimmernden Schwarzweiß zeigt das Werk, wie Graetz am Hebel eines Außenbordmotors mit hoher Bugwelle über schlammige Flüsse in Mosambik und Malawi braust - mitten hinein in eine wilde Natur aus Schlingpflanzen und Giftspinnen, deren menschliche Bewohner zum Teil noch unter steinzeitlichen Bedingungen lebten.
Kameramann Fière filmte sie auf der Krokodiljagd und beim Fischen mit Speeren am Malawi-See. Er lichtete Frauen in Bastkleidern ab, zeigte sie beim Ritualtanz und beim Kochen vor der Strohhütte. Dazwischen immer wieder Graetz. Insgesamt 240 Kilometer weit ließ er das Boot über Land schleifen, schweißnasse Schwarze zogen es mit Hanfseilen durch Urwaldschneisen und an Felshängen empor.
Fachleute wie der Dekan des Afrika-Instituts der Universität Leipzig halten die Aufnahmen für ein ethnologisches Kleinod. Weltweit lagen bislang nur 26 Vorkriegs-Filmminuten aus dem tropischen Afrika vor. "Nun sind zehn neue Minuten dazugekommen", freut sich Möhle.
Er spuckte Schleim und Blut
Doch so spannend die Szenen auch anmuten, sie wurden von einer schrecklichen Tragödie überschattet. Am 3. September 1911 war die Gruppe bis zum Chambezi in Sambia vorgestoßen. Brütende Hitze lag auf dem Land. Um Petroleum zu sparen, legten sich die boys an Bord der "Sarotti" in die Riemen.
Da passierte es: "Etwa 50 Schritt vor uns, dicht am Ufer in einer muldenartigen Einsenkung standen drei mächtige Büffel, uns verwundert anäugend", schilderte Graetz später den Vorfall. Sofort legte der Expeditionsleiter die Büchse an und traf einen am Schulterblatt. Doch das Tier konnte sich waidwund ins Unterholz retten.
Zwar sprang die Mannschaft umgehend aus dem Boot und verfolgte den verletzten Koloss. Doch der ging - jäh aus dem Sumpfgrasdickicht brechend - zum Gegenangriff über und rammte Graetz das linke Horn in die Wange. Der Kiefer barst. Kameramann Fière wurde "dreimal gespießt". Zwischen Herz und Hüfte klaffte ein Riss, Blut quoll aus einer tiefen Oberschenkelwunde. Der Mann starb.
Mit diesem Tod endete auch der filmische Teil der "Sarotti"-Reise. Graetz konnte die komplizierte Vorkriegs-Kamera nicht bedienen. Wenige Wochen später kam die gesamte Expedition an einem Wasserfall nahe der Grenze zur heutigen Demokratischen Republik Kongo zu erliegen. Der Verbleib der "Sarotti" ist unklar. Wahrscheinlich versank sie auf dem Fluss Luapula.
Auch der deutsche Expeditionsleiter befand sich damals in einer schlimmen körperlichen Verfassung. Er spuckte Schleim und Blut. Nach dem Büffelkampf trug er einen Gürtel, der seinen kaputten Kiefer am Kopf festzurrte. Immerhin gelang es dem Entdecker, die kostbaren Filmrollen nach Berlin zu retten, von wo aus eine Kopie nach Travemünde gelangt.
"Herr des Tucketucke": Lesen Sie auch in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL, wie der Pionier Paul Graetz wiederentdeckt wurde.

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