Über einestages

1937

Industrieruine Vockerode Monsterwrack am Elbufer


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sichtbarkeiten.de Jörg Rüger
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Abgedreht: In dieser gigantischen Halle wurde der Wasserzu- und -abfluss geregelt. Wie von Riesen hingestellt wirken die technischen Geräte, durch das einfallende Licht entsteht eine dramatische Szenerie.

Einst ernährte es einen ganzen Ort, dann fiel es in tiefen Dornröschenschlaf: Seit 1994 stehen die Maschinen im Braunkohlekraftwerk Vockerode still. Jörg Rüger ging vor Ort auf Spurensuche - und machte faszinierende Bilder aus dem Inneren eines verlassenen Giganten.


Frau Laue erinnert sich noch gut an das Jahr 1994: Jenes Jahr, in dem es still wurde in Vockerode. Nicht, dass es hier zuvor besonders unruhig gewesen wäre, gerade einmal 1500 Menschen leben in dem Örtchen, das heute in die Kleinstadt Oranienbaum-Wörlitz eingemeindet ist. Aber vor 1994, sagt Frau Laue, arbeiteten fast ebenso viele Menschen in dem Braunkohlekraftwerk am Elbufer, dessen 140 Meter hohe Schornsteine abends lange Schatten über die Stadt warfen.

Frau Laue war eine von 1300 Arbeiterinnen und Arbeitern, die bei dem Kraftwerk, dem größten Arbeitgeber des Ortes, angestellt waren. 30 Jahre hat sie hier Tag für Tag gearbeitet. Ihre Augen leuchten, wenn sie von damals erzählt: Damals, als noch menschliche Stimmen und Maschinenlärm durch die Hallen und Korridore schallten. In drei Schichten, so erzählt Frau Laue, sei rund um die Uhr geschuftet worden. Unaufhörlich wurde Braunkohle in den Öfen verheizt und zu Strom gemacht.

Ursprünglich sollte das Kraftwerk, das von 1937 bis 1942 in Vockerode gebaut worden war, das 130 Kilometer entfernt gelegene Berlin mit Strom versorgen. Aber der Zweite Weltkrieg machte diese Pläne zunichte. Nach Kriegsende wurden zwei Jahre lang fast alle Geräte des Werkes als Reparationsleistungen demontiert und in die Sowjetunion verfrachtet. Doch die Tage des Werks waren noch nicht gezählt: 1953 begann man in Vockerode, sechs Jahre lang das ausgeräumte Kohlekraftwerk wieder aufzubauen und sogar um einen zweiten Bau zu erweitern.

Spaziergang im Riesenofen

Es schien, als würde die Anlage allen Widrigkeiten trotzen. Selbst, als im Juli 1960 ein Militärflugzeug der Nationalen Volksarmee vom Typ Iljuschin IL-14 mit einem der vier Schornsteine kollidierte: Das Flugzeug stürzte ab, seine sieben Insassen starben. Der Schornstein aber blieb stehen.

Fast 60 Jahre lang prägte das Kraftwerk das Leben in Vockerode. Heute stehen die Maschinen still, und Frau Laue geht nur noch auf das Werksgelände, um Besucher durch die gewaltigen Hallen zu führen und ihnen von ihrer eigenen Zeit in diesen Mauern zu erzählen. Sie führt Gäste in die heute begehbaren riesigen Öfen und beschreibt ihnen, welch unglaublicher Lärm und welche Hitze hier einst geherrscht haben. Und sie leitet sie auf Gitterrosten in 30 Metern Höhe durch die enormen Werkshallen und erklärt, wie ab 1968 die Stadt Dessau von hier aus über eine 15 Kilometer lange Leitung mit Fernwärme versorgt wurde und wie eine 40 Hektar große Gewächshausanlage zum Anbau von Gurken und Tomaten mit der Wärme aus dem Kraftwerk beheizt wurde.

Seltsame farbige Lichter

Vieles von dem, was Frau Laue den Besuchern beschreibt, ist längst nicht mehr zu sehen: Die Gemüsebeete sind verschwunden, die Gewächshäuser abgerissen und viele der Maschinen und Geräte, die hier einmal im Einsatz waren, wurden seit der Stilllegung demontiert und entsorgt. Selbst die riesigen Schornsteine, einst schon von weitem sichtbares Wahrzeichen der Ortschaft, wurden vor zehn Jahren gesprengt. Doch was geblieben ist, ist eindrucksvoll genug: Mannshohe Isolatoren, hochhausgroße Öfen, eine Halle von 30 Metern Höhe und 270 Metern Länge. Schaltanlagen und Steuerungsstände, die wie aus einer anderen Welt wirken. Und über allem eine dicke Ruß- und Staubschicht. Die Anlage erinnert von innen eher an ein verlassenes Raumschiff als an ein Kraftwerk.

Jährlich führt Frau Laue um die 2000 Besucher durch den Bauch dieses Raumschiffes. Immer wieder wurden und werden die beeindruckenden Räume für Ausstellungen und Kunstaktionen benutzt, etwa für das Aktionstheater "Marquis de Sade", das hier von 2006 bis 2009 gastierte. Oder für die sachsen-anhaltinische Landesausstellung 1998 mit dem Titel "Mittendrin". Von der Ausstellung künden heute noch ein paar farbige Beleuchtungen in der Industrieruine und verwaiste Möbel in einigen Räumen, die einfach hier zurückgelassen wurden. Requisiten, die sich perfekt in die gespenstische Atmosphäre des Kraftwerks Vockerode einfügen: Schließlich sind es oft gerade die Spuren der Dinge, die uns am meisten faszinieren.


Debatte

insgesamt 12 Beiträge zur Debatte
Harald Nehm am 3. Januar 2013, 03:59
So mit Lichtershow und Ausstellungen, meine Güte, was wird da Geld verprasst, was wo anders drigend benötigt wird.

Pascal Patock am 4. September 2011, 06:59
Das am 22. Juli 1960 abgestürzte Militärflugzeug der ehemaligen DDR hatte "nur" sechs Insassen.

Der vermeindliche siebte war ein Arbeiter. ;-)


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