Wie fragt man auf "DOI-tsh" nach der Toilette? Ein kleines Taschenbuch sollte US-Soldaten 1944/45 helfen, sich im besetzten Deutschland zurechtzufinden. Der "Pocket Guide to Germany" enthielt viel Nützliches, viele Klischees und taugte sogar als Flirthilfe. Jetzt wird das Zeitdokument wieder aufgelegt. Von Alice Kohli
Florian Geier
22. Jul 2008, 01:15
"...das Land (...), welches sie erobern und besetzen...
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"Ish bin ah-may-ree-KA-ner. BIT-tuh HEL-fen zee meer". So ähnlich könnte sich der amerikanische Armeelastwagenfahrer Felix A. Cizewski aus Wisconsin einem Deutschen vorgestellt haben, hätte er 1945 auf den Straßen Münchens nach dem Weg fragen müssen. Die hilfreiche Redewendung hätte er im "Pocket Guide to Germany" gefunden, einem handlichen Taschenbuch der US-Armee.
Das Spektrum der in Lautschrift, deutscher Rechtschreibung und englischer Übersetzung aufgeführten Redewendungen sollte den GIs bei überlebenswichtigen Problemen helfen, aber auch in banalen Situationen die Kommunikation erleichtern und Missverständnissen mit den Eingeborenen vorbeugen - etwa mit der äußerst praktischen Frage "VO ist ai-nuh two-LET-tuh?".
So vergnüglich die Aussprachehilfen zu lesen sind: Ausrufe wie "DEK-koong" und "guh-FAR" erinnern an die dramatischen Umstände, unter denen das Taschenbuch entstand. Geschrieben hatten den Pocket Guide 1944 Deutschlandexperten der für die Kampfmoral der US-Truppen zuständigen Morale Service Division. Den US-Soldaten sollte das Brevier wenigstens die wichtigsten Fakten über das Land vermitteln, welches sie erobern und besetzen sollten: Deutschland.
"Blei und Lügen"
Am 6. Juni 1944 landeten die Alliierten in der Normandie, am 21. Oktober eroberten ihre Truppen mit Aachen die erste große Stadt auf deutschem Boden. Zu diesem Zeitpunkt waren in den Reihen der amerikanischen Soldaten bereits rund zwei Millionen Exemplare des hilfreichen Büchleins im Umlauf, das neben praktischer Lebenshilfe auch geografische Basisinformationen ("Im zentralen Deutschland gibt es Mittelgebirge, die an die Catskills oder den Blue Ridge erinnern"), Erläuterungen zur Landwirtschaft und Auskunft über die Wetterbedingungen ("Das Klima in Deutschland erinnert an das der Ostküste der Vereinigten Staaten in der Gegend von Baltimore und Washington") enthielt.
Auch der Grund für ihre Anwesenheit wurde den GIs noch einmal dargelegt: "Die Besetzung Deutschlands gibt euch die Chance, persönlich zu gewährleisten, dass der Deutsche nicht noch einmal zum Schießeisen greift und Blei und Lügen auf eine arglose Welt loslässt, sobald ihr euch umdreht und nach Hause geht."
Nach dem Krieg jedoch geriet der Pocket Guide bald in Vergessenheit. Die meisten Exemplare steckten zerfleddert im Gepäck heimkehrender GIs und verstaubten in Kellern oder auf Dachböden, entsorgt wie Schulbücher nach bestandener Prüfung. Das Exemplar des Armeelastwagenfahrers Felix A. Cizewski aus Wisconsin etwa fand sein Sohn Leonard 2006 in dessen Nachlass.
Cowboys, Indianer, reiche Onkel
So verschwand das soldatische Benimmbuch, welches das Deutschlandbild von Millionen Amerikanern mit prägte, aus dem kollektiven Gedächtnis. Erst 2004 legte das Bonner Haus der Geschichte den Reiseführer der etwas anderen Art neu auf. Jetzt erscheint der Pocket Guide erstmals in einer zweisprachigen und ausführlich kommentierten Ausgabe - als Dokument der Völkerverständigung, die damals noch so recht keine war. Deutsche und Amerikaner waren sich 1944 so fremd wie wohl nie zuvor und nie wieder. "Ihr werdet feststellen, dass viele Deutsche mit der Meinung aufgewachsen sind, dass Amerika überwiegend von Cowboys, Indianern und reichen Onkeln bevölkert ist", warnte die Fibel ihre Leser vor den Vorurteilen der deutschen Bevölkerung gegenüber ihrer Heimat.
