Über einestages

1981

30 Jahre Chaos Computer Club Mit dem Hacken davongekommen


zurück vor 1  /  7
Großbildansicht
dpa
zurück
vor
Wau Holland: Der Mitbegründer und frühere Präsident des Chaos Computer Clubs, Wau Holland - mit bürgerlichem Namen Herwart Holland-Moritz, war Kolumnist bei der "taz" und galt als Seele des CCC. Er starb am 29. Juli 2001 im Alter von 49 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls, hier ein Bild vom November 1984.

Es war die Geburtsstunde des Chaos Computer Clubs: In subversiver Runde trafen sich im September 1981 in den Räumen der Berliner "taz" Nerds aus der ganzen Bundesrepublik. Bekannt wurde die Hackerverbindung allerdings erst drei Jahre später - mit einem Coup, der eine Hamburger Bank arm machte. Von Michael Sontheimer


Wau war ein Unikat. Schwarzer wirrer Haarschopf und Bart. Blaue Latzhose, in deren Brusttasche ein Phasenprüfer steckte: "Falls ich mal telefonieren muss". Und dann die knarrende Stimme, mit der er seine Vorträge hielt: über Gott und die Welt, vorzugsweise über Mensch und Technik, gerne unterbrochen von einem schnarrenden Lachen, wenn er sich über eine unerwartete Assoziation oder Pointe freute.

Herwart Holland-Moritz, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, war der Prototyp des deutschen Hackers: anarchistisch, technophil, kommunikativ. Dr. Wau, so sein vollständiger Künstler- und Kampfname, war Gründer und etliche Jahre die Seele des Chaos Computer Clubs (CCC).

Heute ist der Club eine respektierte Organisation mit mehr als 3000 Mitgliedern, seine Aktivisten sind wegen ihrer Expertise in den aktuellen Fragen der digitalen Welt allseits geschätzt. Zum jährlichen Chaos Communication Congress kommen mehrere tausend Hacker aus der ganzen Welt.

Computer standen unter Faschismusverdacht

Das war nicht immer so. Angefangen hat die erstaunliche Geschichte des CCC vor 30 Jahren, mit 39 Zeilen in der "taz", in der Ausgabe vom 1. September 1981. Ein gewisser "Tom Twiddlebit" alias Klaus Schleisiek und ein "Wau Wolf Ungenannt" alias Herwart Herwart Holland-Moritz riefen da unter dem Titel "TUWAT, TXT Version" die "Komputerfrieks" des Landes zu einem Treffen auf.

Schleisiek hatte sein Informatikstudium abgebrochen und in Kalifornien Hippies kennengelernt, die mit dem Einsatz von Computern für Communitys experimentierten. Zurück in der Bundesrepublik sorgte er für die Videotechnik von Hamburger Atomgegnern und lernte Wau kennen, einen Informatikstudenten, der vorzugsweise auf einem englischen Klappfahrrad unterwegs war.

Computer galten damals bei den allermeisten Hippies, Linken und Alternativen als gefährliche Geräte. Sie wurden als Überwachungsinstrumente für die "Rasterfahndung" des Bundeskriminalamts gefürchtet und als Maschinen zur effektiveren Ausbeutung von Arbeitern gegeißelt. Computer standen tendenziell unter Faschismusverdacht.

Auf den Spuren der Kommune 1

Wau und Schleisiek zählten somit im doppelten Sinne zu einer Minderheit. Als Linksradikale standen sie am Rande der Gesellschaft und als Computerfreaks am Rande der radikalen Linken. Also suchten sie Gleichgesinnte.

In ihrem Aufruf in der "taz" hieß es: "Dass der 'personal computer' nun in Deutschland dem videogesättigten BMW-Fahrer angedreht werden soll, wird durch die nun einsetzenden Anzeigenkampagnen klar. Dass sich mit Kleinkomputern auch sinnvolle Sachen machen lassen, die keine zentralisierten Großorganisationen erfordern, glauben wir." Um nicht länger unkoordiniert vor sich hinzuwuseln, "tun wir wat und treffen uns am 12. 9. 81 in Berlin, Wattstraße. ("taz"-Hauptgebäude) ab 11 Uhr."

Zur Überraschung der Initiatoren tauchten dann in der "taz"-Redaktion in Berlin-Wedding tatsächlich rund 25 junge Männer aus der ganzen Bundesrepublik auf. Die einzige Frau, die sich dazugesellte, war eine "taz"-Mitarbeiterin, die den Abo-Computer des Zeitungskollektivs betreute. Die "Komputerfrieks", wie sie sich damals noch nannten, ließen sich im Konferenzraum an dem langen Tisch nieder, um den sich schon die Kommune 1 mit Fritz Teufel und Rainer Langhans versammelt hatte, und begannen zu diskutieren.

Kriegserklärung an die Deutsche Post

Als die "taz"-Redakteure nach Hause gingen, diskutierten sie immer noch. Das Themenspektrum reichte laut Protokoll von "alternativen Komputerspielen bis zur "Entmystifizierung des Komputers durch Aufklärung". Protokollführer Schliesiek erinnert sich: "Wir hätten nicht gedacht, dass so viele kommen, es herrschte Aufbruchstimmung." Einen Monat später trafen sich die meisten der innovativen Runde erneut in München.

Schleisiek ging zunächst jedoch wieder in die USA, und Wau begründete in Hamburg erst einmal einen Stammtisch computerinteressierter junger Männer mit exzentrischem Einschlag. Niemand weiß mehr, wann Wau den Namen "Chaos Computer Club" für die Runde vorschlug. Im Februar 1984 erschien jedenfalls die erste Ausgabe des Fachblatts "Datenschleuder" mit einer Auflage von 800 Exemplaren.

Im November 1984 ließen Wau und Genossen die Betreiber des Bildschirmtextsystems Btx der Bundespost erzittern. Mit dem Passwort der Hamburger Sparkasse riefen sie die Btx-Seite des CCC eine Nacht lang ununterbrochen auf. Da der Besuch von Btx-Seiten gebührenpflichtig war und die Gebühren zum allergrößten Teil dem Anbieter der besuchten Seiten gutgeschrieben wurden, war der Club am nächsten Morgen um 135.000 Mark reicher - und die Sparkasse entsprechend ärmer.

Per Telefonleitung in die weite Welt

Wau und Club-Sprecher Steffen Wernéry machten die Sicherheitslücke öffentlich und erklärten, sie hätten sich das Passwort erhackt. Glaubwürdiger ist allerdings die angeblich auch später von Wau bestätigte Version, nach der der Sohn eines hochrangigen Postbeamten den Hackern das Passwort per Post zuschickte.

Ende des Jahres 1984 trafen sich 300 Hacker zum ersten Mal zu einem Kongress. 1986 gründeten Wau und Konsorten einen eingetragenen Verein "zur Förderung der Informationsfreiheit und eines Menschenrechts auf mindestens weltweite ungehinderte Kommunikation".

Es waren die - kaum mehr vorstellbaren - Zeiten, in denen es noch kein World Wide Web gab. Die Hacker arbeiteten mit Commodore 64-Rechnern, mit Apricots und Ataris. Diese PC ließen sich mittels sogenannten Akkustikkopplern oder Modems mit den Telefonleitungen und somit mit der weiten Welt, beziehungsweise anderen Rechnern, verbinden. Man konnte andere PCs anwählen, in denen Mailboxen eingerichtet waren, die wie Postfächer funktionierten.

Plötzlich war es kein Spiel mehr

Auf dem gleichen Wege konnte man auch in die verschiedensten von Wissenschaftlern aufgebauten und genutzten Datennetze gelangen, aus denen später das Internet wurde. So konnten Hacker in Großrechner spazieren oder gar mit ihren Kleincomputern die Kontrolle über die Riesenmaschinen übernehmen.

Modems oder Koppler selbst zu bauen, waren allerdings illegal, da die Post das Monopol auf Datenübertragung und die Zulassung der hierfür nötigen Geräte hatte. Wer mit einem selbstgebastelten Apparat seine Daten auf die Reise schickte, machte sich strafbar und musste schlimmstenfalls mit einer Razzia rechnen.

Wau und seine Mitstreiter spielten genüsslich mit dem Image des Subversiven. Sie posierten mit Sonnenbrillen für Fotografen. Doch nachdem sich Freunde des Clubs in die Rechner der US-Raumfahrtbehörde NASA gehackt hatten, wurde aus dem Spiel Ernst.

Vom Chaosclub zur angesehenen Organisation

Steffen Wernéry - neben Wau der Sprecher des Clubs - wurde in Paris verhaftet, weil er angeblich versucht haben soll, den Elektronikkonzern Philips zu erpressen. Ein Hacker aus Hannover verkaufte zusammen mit Freunden Informationen an den sowjetischen Geheimdienst KGB, nicht zuletzt um sich davon Kokain zu kaufen. Am Ende beging Hagbard Celine, so sein Deckname, Selbstmord.

Acht Jahre nach dem ersten Treffen in Berlin tat der Club seinem Namen alle Ehre und versank im Chaos. Wau und Steffen verdächtigten einen Mitstreiter, der bei der Post arbeitete, er würde für den Verfassungsschutz spitzeln. Andere mutmaßten, Steffen selbst sei den Schlapphüten in die Falle gegangen.

Es ist vor allem dem damals gerade mal 18 Jahre alten Andy Müller-Maguhn zu verdanken, dass der Club nicht zusammenbrach. Andy zog nach dem Fall der Mauer nach Berlin und etablierte dort in der Marienstraße in Berlin-Mitte eine neue Dependance. Junge und kluge Köpfe, nun auch aus Ostdeutschland, stießen dazu. Langsam wurde der Club das, was er heute ist, eine in den komplizierten Fragen des Informationszeitalters kompetente, unabhängige Organisation, die nach wie vor ihre alte Mission verfolgt: "Private Daten schützen, öffentliche nutzen."

Wau, der Urheber dieser Devise, war nach dem Fall der Mauer zunächst nach Martinsroda in Thüringen und dann nach Berlin gezogen. Im Gegensatz zu manchen seiner Clubkollegen, die sich als gutdotierte Referenten finanziell über Wasser hielten, hatte er nach der Pleite seiner Firma nicht mal mehr eine Krankenversicherung. Nach einem schweren Schlaganfall starb er vor zehn Jahren, am 29. Juli 2001, in Bielefeld.

Was wirklich erstaunlich ist: Die meisten der für das erste Treffen in Berlin angekündigten Themen sind auch noch heute absolut aktuell. Zum Beispiel: "Datenrecht: Wem gehören meine Daten?" "Es war sehr ermutigend", erinnert sich Schleisiek an das von ihm initiierte historische Treffen vor 30 Jahren. Ähnlich wie zuvor die Anti-Atom-Bewegung formierte sich mit dem CCC und um ihn herum eine Szene, die die Auswirkungen von Technologien und ihre ethischen Dimensionen reflektierte und ihrer Zeit weit voraus war. "Wir waren eben einfach gut damals", meint Klaus Schleisiek.


Debatte

insgesamt 13 Beiträge zur Debatte
Finn Bastiansen am 31. Januar 2013, 16:14
Ich möchte hierzu auf einen Podcast hinweisen, der sehr interessant die frühe Zeit des CCC beleuchtet:

http://cre.fm/cre161

Chaosradio Express 161 - "Der CCC...

Michael Spaten am 28. Juli 2011, 15:12
> C 64 und Ataris waren keine PC's sondern HC's (Home Computer)
Gewiss! und das war ein Stueck Luxus fuer die damahlige Zeit


Kommentare? Fragen? Ergänzungen? Diskutieren Sie mit! Zur Debatte ...

Artikelinfos


versenden


Löschung des Berichts beantragen

Verwandte Artikel

Mekkas der Moderne: Die Apple-Garage: "Wir haben mit nichts angefangen"

Die Technikwelt schaut auf San Francisco: Regelmäßig wirft...

Urvater der Hacker-Szene: Genie und Hörsinn

Er war blind - und ein Genie: Schon mit sieben Jahren...

Zehn Jahre Wikipedia: Der kurze Sommer der Anarchie

Die wichtigste Regel: Es gibt keine Regel! Vor zehn Jahren...


Artikel bewerten

4,1 (28 Bewertungen bisher)


Foto hinzufügen


Mehr aus der Rubrik...


Mehr im Internet




» Album bearbeiten


» Album-Metadaten bearbeiten


» Produktionsansicht