| Bitte nicht zu sexy: Audrey Hepburn am Set von "Frühstück bei Tiffany". In der Romanvorlage von Truman Capote ist die von Hepburn gespielte Figur Holly Golightly noch wesentlich freizügiger und provokanter angelegt als in der Verfilmung. Trotzdem bot sich für Hepburn mit dem Film die Gelegenheit, die Rolle der Frau im Kino neu zu definieren. |
"Moon River", eine Marmorfassade und mächtig Kitsch: Vor 50 Jahren kam "Frühstück bei Tiffany" in die Kinos und machte Audrey Hepburn zur Stil-Ikone. Dabei stand der Film, der das Frauenbild in den USA revolutionierte, ständig auf der Kippe - und verleitete den Verfasser der Romanvorlage zu einer Hasstirade. Von Mark Pitzke, New York
Schon Stunden vorher stehen sie Schlange. Draußen und in der Lobby, zu Hunderten. Als es schließlich so weit ist, stürmen sie in den Kinosaal, um sich verbissen um jeden Sitz zu balgen. "Könnten Sie nach links rücken?", bittet ein Pärchen eine ältere Dame, die sich mitten in einer Reihe auf dem besten Platz installiert hat. Die Dame schüttelt den Kopf.
Der Ansturm gilt freilich keiner Kinopremiere, keinem brandneuen Blockbuster-Film. Sondern einem Hollywood-Klassiker, den die meisten nur noch aus dem Fernsehen kennen: "Frühstück bei Tiffany", der sentimentalen Komödie von 1961 mit Audrey Hepburn als liebenswertem Callgirl.
50 Jahre ist es an diesem Mittwoch her, dass der Kultstreifen in die US-Kinos kam und Holly Golightly erstmals aufgebrezelt-verkatert über die Fifth Avenue tapste. Weshalb die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die Oscar-Behörde Hollywoods, neulich eine restaurierte Jubiläumsfassung in ihrem New Yorker Theater zeigte - nur wenige Ecken vom Juwelier "Tiffany" entfernt, der dem Film seinen Namen gab.
"Ich hätte kotzen können"
Das Publikum der Jubiläumsvorführung besteht zur Hälfte aus jungen Fans, zur Hälfte aus ergrauten Häuptern, die schon bei der Premiere hätten dabei sein können. Als Hepburn in der unvergesslichen Eröffnungsszene vor Tiffany aus dem Taxi steigt, im schwarzen Cocktailkleid und Sonnenbrille, Kaffeebecher, Papiertüte und Backwerk in der Hand, brandet Applaus auf.
Bis heute hat "Frühstück bei Tiffany", das bei seiner Uraufführung vor 50 Jahren als Meilenstein eines neuen US-Frauenbilds galt, nicht an Anziehungskraft eingebüßt. Die hauchdünne Hepburn im Givenchy-Outfit ist oft kopiert worden, die Oscar-prämierte Titelschnulze "Moon River" bis heute ein Oldie-Hit - und die Marmor-Granit-Fassade von "Tiffany" seither ein millionenfaches Fotomotiv für Touristen.
Dabei stand der Welterfolg lange auf der Kippe, wie Sam Wasson jetzt in seinem Buch "Fifth Avenue, 5 a.m." amüsant nachzeichnet. Überaus turbulent ging es demnach vor "Tiffany" zu, schon die Besetzung entpuppte sich als problematisch. Die Dreharbeiten gerieten zum Kraftakt, nicht zuletzt für Audrey Hepburn. Erfolgsautor Truman Capote, auf dessen Novelle das Drehbuch fußte, hasste das Endergebnis: "Ich hätte kotzen können."
Sex durfte, wenn überhaupt, nur angedeutet werden
In der Tat war die Vorlage schwer entschärft worden - und verkitscht. Capotes "Breakfast at Tiffany's", 1958 erschienen, zeichnete das bitterböse Porträt eines Lebemädchens, das sich von reichen Männern aushalten lässt. Holly Golightly war ein Kondensat aus mehreren echten Society-Damen sowie Capotes eigener Mutter. Der namenlose Erzähler der Geschichte wiederum, ein schwuler Schriftsteller und Nachbar Hollys, war eine Anspielung auf Truman Capote selbst.
"Breakfast at Tiffany's" war sein literarischer Durchbruch. Die Novelle markierte den Beginn seiner Karriere, die acht Jahre später mit "Kaltblütig" ihren Höhepunkt finden sollte. Sogar Zeitgenosse Norman Mailer nannte ihn den "perfektesten Autor meiner Generation".
Die Verfilmung jedoch war alles andere als perfekt. Hollywood steckte Ende der fünfziger Jahre noch fest im Griff der Moralhüter: Sex durfte, wenn überhaupt, nur angedeutet werden, außerehelicher schon gar nicht, Frauen hatten züchtig zu sein, Männer galant oder Machos, auf jeden Fall aber hetero. Prostitution war tabu und Homosexualität erst recht, und die Drehbuchschreiber mussten sich mit Anspielungen um derlei Reizthemen drücken.
Das neue Motiv: Liebe
Als das Paramount-Studio den Film- und Bühnenautor George Axelrod ("Das verflixte 7. Jahr") anheuerte, um "Tiffany" zu adaptieren, stand der vor einem Dilemma. Die Heldin sprach freimütig über ihre bezahlten Nachtdienste (50 Dollar "für die Toilette"). Sie fluchte, log, brach Lovern das Herz, schmiss Partys, die die Sittenpolizei auf den Plan rief. Auch hatte die Geschichte kein Happy End.
Das ging in Hollywood natürlich gar nicht. Die Lektoren hatten Capotes Story lange als "nicht empfehlenswert" abgelehnt. Doch die Paramount-Produzenten Martin Jurow und Richard Shepherd waren fasziniert. Sie kauften Capote die Rechte ab - für 65.000 Dollar.
Um die Story einer Prostituierten zu erzählen, ohne von Prostitution zu reden, ließ Axelrod alle offenen Capote-Provokationen fallen. Sex existierte nun nur noch zwischen den Zeilen. Das neue Motiv war Liebe. Holly wurde zum charmanten Flirt, ihr Nachbar zum Hetero (und Gigolo), der sich in sie verknallte. Axelrod erfand romantische Szenen wie den Shopping-Trip, und weil dies nun mal Hollywood war, klatschte er auch noch ein Happy End dran.
Das Problem mit der Monroe
Für jene Zeiten war es trotzdem eine enorm progressive Darstellung. Hollywoods Frauen waren damals entweder hirnlose Dummchen (Marilyn Monroe), keusch-frigide Eisstatuen (Doris Day) oder glamouröse Göttinnen (Liz Taylor). Eigenständige Wesen mit Sex, Biss und ausgeprägten Makeln gab es kaum.
Capote wollte erst Monroe, die auch persönlich um die Rolle buhlte, als sie zufällig neben Jurow im Flugzeug saß. Doch Monroe war berüchtigt für ihre Unzuverlässigkeit, und zur Erleichterung der Produzenten sprach ihre Schauspiellehrerin Paula Strasberg am Ende ein Machtwort: "Marilyn Monroe wird keine Hure spielen." Daraufhin hatten Jurow und Shepherd die grandiose Idee, Audrey Hepburn zu fragen, die für "Ein Herz und eine Krone" 1953 einen Oscar bekommen hatte.
Doch Hepburn spielte stets adrette, harm- und vor allem sexlose Mädchen. Auch traute sich Hepburn die komplexe Rolle nicht zu. Hinzu kam, dass ihr Ehemann Mel Ferrer, dessen eigener Hollywood-Stern immer mehr von Hepburn überstrahlt wurde, die "Tiffany"-Story hasste. Erst sanfter Druck der Produzenten und ein Brief Capotes stimmten Hepburn um.
Ein Crew-Mitglied erleidet einen Stromschlag
Die Dreharbeiten begannen am Sonntag, dem 2. Oktober 1960, um 5 Uhr früh mit der allerersten Filmszene in New York City - Hollys Schaufenstertrip zu "Tiffany". Schon vor Sonnenaufgang drängelten sich die Fans hinter den Barrikaden. Hepburn war extrem nervös. Es blieb nur wenig Zeit: Zwei Stunden später würde es auf der Fifth Avenue Verkehrschaos geben, da der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow auf Staatsbesuch war.
Auch die anderen Szenen in Midtown mussten noch am selben Tag abgedreht werden - eine an einem Brunnen sowie die Innenaufnahmen, bei denen sich "Tiffany" erstmals den Kameras öffnete. Dabei kam es zu einem Kurzschluss, und ein Crew-Mitglied erlitt einen Stromschlag.
Für Hepburn war "Tiffany" eine Tortur. Ihr Filmpartner George Peppard nervte sie mit seiner Arroganz. Ferrer mischte sich überall ein. Edwards ließ alles dutzendmal drehen, unter anderem die legendäre Partyszene, die zur Dauerparty am Set wurde. Nur eine Woche verbrachte das Filmteam in New York. Der Rest des Films entstand im Hollywood-Studio.
Die legendäre Schlussszene ließ Edwards dort in zwei Versionen drehen - mit und ohne Liebe, mit und ohne Kuss, mit und ohne Regen. Für die Regen-Version, die Edwards am Ende wählte, musste Hepburn immer wieder die Garderobe wechseln, von nass zu trocken.
Aufgetakelt als Holly Golightly
Zur Galapremiere in Hollywood - am 17. Oktober 1961, zwei Wochen nach dem US-Kinostart - kamen Stars wie Marlon Brando, Henry Fonda, Jerry Lewis und Jayne Mansfield. Kritiker wie Publikum liebten "Tiffany". Nur der Auftritt des Komikers Mickey Rooney in einer Nebenrolle als lispelnder Japaner stieß schon damals vielen Amerikanern als rassistisch auf.
Komponist Henri Mancini gewann mit seiner Filmmusik und dem Titelsong "Moon River", von Hepburn selbst gesungen, zwei Oscars. Auch Hepburn wurde nominiert. Sie unterlag Sophia Loren für "Und dennoch leben sie".
"Tiffany" machte Hepburn zur Stilikone. Sie drehte noch viele weitere Filme, aber keinen mehr vom gleichen Kaliber. Edwards wurde zum Regisseur zahlloser Hitkomödien wie der "Rosaroten Panther"-Serie. Und Truman Capote? Der wurde mit dem Film nie glücklich. "Ich war schockiert", wütete er später in einem Interview. "Frühstück bei Tiffany" habe so viel Ähnlichkeit mit seinem Buch wie die Tanzgarden der Rockettes mit der berühmten Primaballerina Galina Ulanova.
Dem Image des Streifens schadete das nichts. Bei der Jubiläumsvorführung neulich erschien eine Frau sogar aufgetakelt als Holly Golightly, samt schwarzem Cocktail-Dress und langem Zigarettenhalter. Hollys Stil ist eben nie aus der Mode gekommen - zumindest in New York.
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