| Rockender Appell: Bruce Springsteen bei seinem Auftritt 1988 in Ost-Berlin. "Es ist schön, in Ost-Berlin zu sein", rief der Sänger in holprigem Deutsch: "Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung, ich bin gekommen, um Rock 'n' Roll für euch zu spielen, in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden." Bei der zeitversetzten Radioübertragung auf dem DDR-Jugendsender DT 64 fehlte der entscheidende Satz des Stars über die Mauer. |
Rock-Revolte auf der Radrennbahn: Die Mauer stand noch, als Bruce Springsteen 1988 vor 200.000 Menschen in der DDR auftrat. Die SED wollte den Rocker für ihre Propaganda einspannen, doch ihre Untertanen schwenkten US-Fahnen - und der "Boss" forderte den Abriss der Mauer. Von Steffen Gerth
Als um 19.07 Uhr der erste Gitarrenakkord über die Menschenmenge donnerte, war es für Bruno Remane so, als würde die Erde beben. Als sei er in einen Rausch versetzt worden, der erst nach dem vier Stunden dauernden Konzert langsam abklingen sollte. Ach was, nach vier Stunden: "Ich fühlte es einfach so, die Musik war so drin!", notierte der damals 23-jährige Soldat der Nationalen Volksarmee noch einen Monat später euphorisch in seinem Tagebuch: "Was für ein getanzter Abend, was für ein vertanzter Abend! Den Abend kann ich heute noch nicht fassen, tatsächlich. Kann es sein, dass ich heute noch elektrisiert bin? Phantastisch gewesen!!! Warum kann so ein Abend nicht andauern!"
Remane war einer von offiziell 160.000, geschätzt aber rund 200.000 DDR-Bürgern, die am 19. Juli 1988 Zeugen eines epochalen Ereignisses der DDR-Kulturgeschichte waren: US-Rocklegende Bruce Springsteen trat live in Ost-Berlin auf. "Ein Wunder scheint geschehen - unsere kleine DDR, in der doch nichts passierte", notierte Remane. Das Springsteen-Konzert auf der Radrennbahn im Ost-Berliner Stadtteil Weißensee war die "Erfüllung eines Traumes", wie er noch heute schwärmt.
Die Sehnsucht der Ostdeutschen nach Rockmusik aus dem Westen war Ende der achtziger Jahre gewaltig. Die harmonische Lyrik von DDR-Bands wie den Pudhys oder Karat, die gemäßigt abweichlerische Haltung von City und selbst das für DDR-Verhältnisse fast schon anarchische Auftreten der Gruppe Pankow reichte den Leuten nicht mehr. Hartmut Krüger, damals als Kultursekretär der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Organisator des Springsteen-Konzerts, sprach später von einem gewaltigen Bedürfnisstau bei der Jugend des Landes.
Stones auf dem Index
Und tatsächlich - die ansonsten sture und unbelehrbare Staatsführung reagierte entgegenkommend: "Rockkonzerte mit zehntausenden Besuchern haben sich als wirksame Form der massenpolitischen Arbeit der FDJ unter der Jugend der DDR bewährt", stellt der Zentralrat der SED im Juni 1988 nüchtern fest.
Das Springsteen-Konzert wurde so 16 Monate vor dem Mauerfall zum finalen Höhepunkt des mühsamen Annäherungsprozesses der SED-Offiziellen an westliche Unterhaltungskunst jenseits des Schlagergedudels - und damit an den Musikgeschmack des eigenen Volkes. Bis in die siebziger Jahre waren DDR-Rockfans noch drangsaliert worden. Die Rolling Stones standen bis 1982 auf dem staatlichen Index, dann durfte das DDR-Jugendradio DT 64 in der Sendung "Musik für den Recorder" vier ausgewählte Stones-Titel senden.
Im Jahr darauf konnte Deutschrocker Udo Lindenberg nach jahrelangem Gezerre erstmals in Ost-Berlin auftreten - für zehn Minuten und vor einem ausgesuchten Publikum im "Palast der Republik". Die erhoffte Lindenberg-Tournee durch den Arbeiter- und Bauernstaat kam nicht zustande. Weiter Weststars, die die DDR in den Achtzigern beehren durften, waren David Bowie, Bob Dylan und Joe Cocker, der rund zwei Wochen vor Springsteen ebenfalls in Weißensee auftrat.
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