Über einestages

1970-1991

Erfindung des Rollkoffers

Zieh!


zurück vor 1  /  9
Großbildansicht
ddp images
zurück vor
Wie im Film: Der französischen Firma Delsey gelang 1972 ein Scoop, denn ihr rollender Hartschalenkoffer trug den Namen "Trolley". Dieser schaffte das, wovon jedes Unternehmen träumt: Er wurde über die Jahrzehnte zum Synonym für ein Produkt, den Rollkoffer. Im Film "Zoolander" zog Ben Stiller als Model ebenfalls einen Trolley hinter sich her.


Ab jetzt können Sie die Bildergalerien auf einestages auch in XXL ansehen! Klicken Sie einfach auf die Lupe unten rechts am Bild.

Es klingt wie ein Amerikanischer Traum: Ein US-Pilot ärgert sich über schweres Gepäck und wird mit einer genialen Erfindung zum Millionär. Erst Ende der Achtziger soll so der Rollkoffer entstanden sein. Tatsächlich ist die Idee viel älter. Ihr Durchbruch wurde nur verzögert - von reisenden Machos. Von Christoph Gunkel


Es gibt nur wenige Menschen, die von sich behaupten, das Rad neu erfunden zu haben. Der Amerikaner Robert Plath ist einer von ihnen. Mit zwei kleinen Kunststoffrädchen, davon sind viele seiner Landsleute überzeugt, hat er die Welt verändert. Oder zumindest das Leben von Millionen Bürgern angenehmer gemacht.

Robert Plaths kaum bekannte Geschichte klingt wie der perfekte Amerikanische Traum, und sie geht so: Ein Mann arbeitet jahrelang als Pilot bei der Northwest Airlines, bis er irgendwann im Jahr 1987 plötzlich eine ebenso einfache wie geniale Idee hat, die sein Leben auf den Kopf stellt und ihn binnen kurzer Zeit zum Multimillionär macht: Er schraubt einfach zwei kleine Räder unter einen Koffer.

Vorbei waren nun die Zeiten, in denen er sein Gepäck mühsam durchs Terminal schleppen musste. Er zog es jetzt. Man kann sich Rath vorstellen, wie er entspannt und mit lässigem Blick durch die Flughäfen Amerikas stolzierte, während seine Kollegen ihm neidisch nachschauten. Und seinem Rollkoffer.

Ein Pilot wird Unternehmer

Erst produzierte Plath nur für Freunde und Kollegen. Dann feuerte der geschäftstüchtige Hobby-Tüftler die Nachfrage an, indem er jedem, der einen Neukunden warb, fünf Dollar Prämie versprach. Jetzt nahm das Geschäft erst richtig Fahrt auf. Die heimische Garage, in der er zunächst produzierte, wurde schnell zu klein. Plath kaufte ein Warenhaus mit 60.000 Quadratmetern Fläche, gründete mit TravelPro seine eigene Firma und schmiss 1991 seinen Job. Der Pilot, der am Boden blieb, ließ nun sein Geschäft abheben. 129 Dollar kosteten die ersten Rollkoffer, schon im ersten Jahr machte die neue Firma 1,5 Millionen Dollar Umsatz.

Die Geschichte des Koffermillionärs Robert Plath machte Schlagzeilen. Doch nicht der wirtschaftliche Erfolg stand im Mittelpunkt, sondern die Frage, warum eigentlich niemand zuvor auf diese Idee gekommen war. Wie konnte es sein, dass der Mensch das Automobil im 19. Jahrhundert erfunden hatte und den Rollkoffer erst viele Jahrzehnte später? Zwei Rädchen unter einem Koffer, was war das schon?

Die Frage ist berechtigt, doch für die Kulturwissenschaftlerin Claudia Selheim ist sie falsch gestellt. Denn anders als in den meisten Artikeln über die Erfindung des Rollkoffers behauptet, sei Plath gar nicht der Erste gewesen, der Koffer auf Rädern anfertigte.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es Koffer mit Rollen

"Leider weiß man heute nicht, wer den ersten Rollkoffer hergestellt hat", sagt Selheim. Für die Ausstellung "Reisebegleiter - mehr als nur Gepäck", die in diesem Jahr im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gezeigt wurde, hat sie sich intensiv mit der Geschichte des Gepäckstücks beschäftigt. "Am bemerkenswertesten fand ich dabei, dass es schon im 19. Jahrhundert verschiedene Modelle von rollenden Koffern gab."

So entwarf bereits um 1850 das "Handbuch für Fußreisende" eine Art Blaupause für den modernen Trolley. Man müsse, so hieß es dort, einfach "ein paar leichte Räder mit einer leichten Achse befestigen" und dann noch einen speziellen Reisestock mit abschraubbarer Zwinge anfertigen. Die Anleitung erklärte: Wer keine Lust mehr auf das Schleppen habe, der schraube "den Stock in die dazu eingerichtete Achse und fährt so sein Gepäck hinter sich her, bis man wieder Luft zum Tragen bekommt".

Und der Bauplan für den Do-it-Yourself-Rollkoffer war kein Unikat: Ende des 19. Jahrhunderts gab es truhenartige Koffer mit Rollen; auch bei Handelsvertretern waren die rollenden Gepäckstücke sehr beliebt. "Allerdings konnten sich diese frühen Rollkoffer damals noch nicht durchsetzen", sagt Claudia Selheim, "dafür waren die Böden einfach viel zu schlammig und holprig."

Patent für "Rolling Luggage"

Und so begann das goldene Zeitalter des Rollkoffers erst im 20. Jahrhundert - allerdings nicht mit Robert Plath, sondern mit Bernard Sadow. Der war Vizepräsident eines großen Kofferherstellers im US-Bundesstaat Massachusetts, als er 1970, wie er später gerne in Interviews erzählte, "eine seiner besten Ideen" hatte. Eine glatte Untertreibung.

Der zündende Gedanke kam ihm, als er mit seiner Frau an einem Flughafen in Puerto Rico an der Zollabfertigung wartete - beladen mit zwei schweren Koffern, ohne dass irgendwo ein Träger in Sicht war. Plötzlich sah er einen Gepäckwagen, verriet Sadow dem Fernsehsender CNN, und erst jetzt sei ihm der naheliegende Gedanken gekommen, Gepäckwagen und Koffer zu vereinen.

Wieder zu Hause machte er sich sofort an die Arbeit. Er befestigte vier Rollen unter der Längsseite des Koffers, brachte noch ein flexibles Band zum Ziehen an und meldete die Konstruktion unter dem Namen "Rolling Luggage" zum Patent an. Im April 1972 erhielt er es unter der Nummer 3.653.474.

Doch war Sadow damit der wahre Rollkoffererfinder? Auch das ist umstritten. Denn bereits in den sechziger Jahren gab es Hilfsmittel, etwa Winkelbleche auf Rollen, an denen ein Koffer mit einem Gummigurt befestigt werden konnte. Und schon 1971 bewarb das Versandhaus Quelle einen "Kofferroller" als "idealen Gepäckträger" für unterwegs. Der französische Hersteller Delsey wiederum rühmt sich damit, 1972 den ersten rollenden Hartschalenkoffer auf den Markt gebracht zu haben. "Trolley" hieß er - und damit gelang der Firma zumindest ein Marketing-Coup: Der Begriff wurde im englischen Sprachraum zu dem Synonym für Koffer auf Rädern.

Billig- und Designertrolleys

Wer auch immer es war, die Begeisterung für die Konstruktion hielt sich in Grenzen. "Ich präsentierte meinen rollenden Koffer in jedem New Yorker Warenhaus, und alle haben mich für verrückt erklärt", erinnerte sich etwa Bernard Sadow. Alle seien sich einig gewesen: Niemand würde sein Gepäck an einer Leine hinter sich herziehen wollen wie einen Hund. Und überhaupt, war das Ganze nicht eher was für Weicheier?

Die Prognose traf zu. Wer Geld hatte, leistete sich Träger, und wer seine Freundin beeindrucken wollte, war Macho genug, um selbst das sperrigste Gepäck noch mit einem Lächeln die Treppen hoch- und runterzutragen. Erst als Macy's, die größte Warenhauskette der USA, Sadows Rollkoffer vertrieb, nahm dessen Popularität langsam zu.

Es dauerte allerdings noch zwei Jahrzehnte, bis der Rollkoffer zu einem Milliardengeschäft wurde. Flüge waren billiger geworden, Fernreisen häufiger, Urlaubsziele immer exotischer. Das archaische Macho-Gehabe nahm ab, die Zahl der vielreisenden Frauen in Führungspositionen nahm drastisch zu.

Plötzlich konnten sich Millionen Menschen ein Leben ohne den einst belächelten Trolley nicht mehr vorstellen. Der Rollkoffer half der darbenden Kofferindustrie aus der Krise. Er eroberte Hotellobbys, Flughäfen und Bahnhöfe; Airlines passten ihre Gepäckfächer der Form der Rollkoffer an; Discounter wie Walmart und Aldi überschwemmten den Markt, während bekannte Designer luxuriöse Trolley-Kollektionen entwarfen. Auf einmal gab es die Dinger in etlichen Farben, Formen und Preisklassen.

Der ungeheure Erfolg war jedoch nicht allein auf die veränderten Reisegewohnheiten der Menschen zurückzuführen. Denn US-Pilot Robert Plath hatte den Rollkoffer tatsächlich entscheidend verbessert: Anders als Sadow setzte er statt auf ein Band auf einen höhenverstellbaren Teleskopgriff; anstelle von vier Rädern baute er nur zwei an. Mit diesen kleinen Veränderungen begann der Siegeszug für den standardisierten Trolley, der heute durch jeden Gang eines Flugzeugs passt.

Robert Plath, so viel steht fest, hat das Kofferrad nicht neu erfunden. Die Welt verbessert hat er aber dennoch.


Mitarbeit: Yascha Mounk


Debatte

insgesamt 13 Beiträge zur Debatte
Arnfried Schiller am 18. Dezember 2011, 11:52
Meine Meinung:
1) Wer etwas hinter sich her zieht, sollte auch hinter sich achtgeben.
2) Man sollte nur soviel rollen, wie man zur Not auch tragen kann. Die Fähigkeit zu...

K. Moelle am 17. Dezember 2011, 10:37
Hallo Andreas Bauer,

sie haben von mir vollste Sympathie und Zustimmung! Rollkoffer sind zumindest im öffentlichen Alltagsverkehr einer Großstadt in der Tat ein...


Kommentare? Fragen? Ergänzungen? Diskutieren Sie mit! Zur Debatte ...

Artikelinfos


versenden


Löschung des Berichts beantragen

Verwandte Artikel

Verrückte Erfindungen: Technik, die erheitert

Ein Plastikbusen als Einschlafhilfe, Gewehre, die um die...

Vergessene Technologien: Riesenohren aus Beton

Mit haushohen Stahlbetonschalen lauschten die Briten in den...

Sinnlose Technik: Erfinder-Irrsinn, den die Welt nicht wollte

Leuchtende Autoreifen? Ein Fahrrad mit Nähmaschine? Ein Bett...


Artikel bewerten

3,9 (14 Bewertungen bisher)


Foto hinzufügen


Mehr aus der Rubrik...




» Album bearbeiten


» Album-Metadaten bearbeiten


» Produktionsansicht