| Apokalypse possierlich: Was ist rund, puschelig und badet gerne im Sonnenuntergang? Das leibhaftige Böse! Jedenfalls, wenn man dem Cover von "Time's End" der christlichen Metal-Band Saint aus dem Jahr 1986 glauben darf. Für das christliche Hardrock-Magazin "HM" gehört die Platte mit den Kuscheldämonen auf dem Cover unter die 100 besten christlichen Metal-Alben aller Zeiten. |
Heavy Metal für Jesus, HipHop im Namen des Herrn: Seit die Band The Crusaders vor 45 Jahren Gläubige mit christlichem Rock in Aufruhr versetzten, drängten die absurdesten Interpreten auf den religiösen Plattenmarkt. einestages präsentiert die schrägsten Bands der Christenheit - und ihre irren Plattencover. Von Danny Kringiel
Kurz erschien der Schriftzug "Sexualerziehungsvideo", dann brach der Lärm los: Der Drummer drosch auf sein Schlagzeug ein, verzerrte Gitarren jaulten auf, und die ganze Band sprang wie von Sinnen über die Bühne. Die Gesichter der Musiker waren hinter Skimasken verborgen. Der Bassist hatte oben ein Loch hineingeschnitten, aus dem seine langen Haare heraushingen, die er synchron zum Gitarrenriff durch die Luft schleuderte. Der Sänger begann, ins Mikrofon zu schreien: "Deine Lust nicht im Griff? Heirate! Brauchst du's wirklich dringend? Heirate! Dann kriegst du endlich Sex - in der Hochzeitsnacht!"
Auf den T-Shirts trugen die Musiker ihren Bandnamen in Form eines Verbotsschilds: "Lust" stand darauf, durchgestrichen mit einem zweiten, roten Wort - "Control". Die 1988 gegründete Band Lust Control machte Punk - aber christlichen Punk. Entsprechend schrie Sänger Doug van Pelt in ihren Liedern immer wieder gegen die Abkehr von christlichen Werten an: Im Song "The Big M" grölte er, Masturbation sei nur künstlicher Sex und eine Sünde gegen den eigenen Körper. Und in "Planned Parenthood" wettert van Pelt sogar: "Du bist für Abtreibung, du bist für die Rechte Homosexueller. Du bist Anti-Christ!" Aussagen, so erzkonservativ wie die eines texanischen Wanderpredigers - nur in modernerem Gewand.
Nicht die Inhalte, sondern die laute Musik, in die sie verpackt wurden, waren Ende der achtziger Jahre auch der Grund dafür, dass viele gläubige Amerikaner ihre Probleme mit Lust Control hatten. Christliche Ladenketten weigerten sich, das Debütalbum "This Is a Condom Nation" in ihre Regale zu stellen. Dabei war die religiöse Punkband Teil einer Entwicklung, die schon in den sechziger Jahren ihren Lauf genommen hatte: Damals hatte christliche Musik sich von ihren Wurzeln entfernt - und ihre Liebe für modernere Stile entdeckt. Seither hat die christliche Musikindustrie sich zu einem Millionengeschäft entwickelt und neben Lust Control noch manch andere skurrile Blüte getrieben.
Jauchzet mit Schlagzeug und Gitarren
Den Anstoß zu dieser Revolution gaben 1966 "Freddy and the Fanatics", ein paar Jungs aus Los Angeles, deren Rockband bisher weniger durch Frömmigkeit, sondern mit herumspritzendem Kunstblut auf sich aufmerksam gemacht hatte: "Unser Sänger trat in Mönchsroben und Ketten auf. Wenn wir unser erstes Stück spielten, zerbiss er Ketchup-Packungen in seinem Mund, damit es aussah, als würde er Blut spucken", erinnerte sich Gitarrist Fred Barnett im September 2009 im Interview mit dem Musik-Blog "Flower Bomb Songs".
Die Musik der Band - eine Mischung aus kalifornischer Surfmusik und dem Rock der Rolling Stones - weckte bald das Interesse von Plattenproduzenten. 1966 nahm das Plattenlabel Tower Records sie unter Vertrag, unterzog jedoch das Image der Band einer Radikalkur: Ihr Name wurde in The Crusaders, die Kreuzritter, geändert und ihre Musik als christlicher Rock vermarktet. Auf der Hülle ihres noch im gleichen Jahr erschienenen Debütalbums hieß es: "Zum ersten Mal wird Gott durch das modernste der musikalischen Ausdrucksmittel gepriesen: den Beat!" Entsprechend trug das Album den Titel "The Crusaders Make a Joyful Noise with Drums and Guitar" - eine Anspielung auf Psalm 100 des alten Testaments: "Make a joyful noise unto the lord" ("Jauchzet vor dem Herrn").
Die Plattenfirma hatte dennoch keinen Grund zum Jauchzen: Die Platte, auf der sowohl religiöse Lieder wie "The Battle Hymn of the Republic" als auch christlich gefärbte Eigenkompositionen wie "With the Lord on Your Side" waren, blieb das einzige Album der Band. Schon im nächsten Jahr änderten die Crusaders ihren Namen noch einmal in The Love Exchange. Wenig später lösten sie sich auf. Aber auch, wenn ihre Mischung aus Religion und verzerrten Gitarren nur kurzlebig war - für die christliche Musikindustrie war sie eine Sensation. Eine Rezension des "Billboard"-Magazins vom 12. November 1966 bezeichnete das Album als kontrovers, räumte aber ein, dass es sich wahrscheinlich "als gigantischer Verkaufserfolg erweisen" werde. Im Fall der Crusaders lag er zwar falsch - doch seine Prognose, dass sich christlicher Rock verkaufen würde, war vollkommen richtig.
Ein Kaplan wird "Großmeister des Rap"
War christlicher Rock 1966 noch sonderbar, so wurde er in den siebziger Jahren zum Massenphänomen: Zu dieser Zeit sonderten sich die "Jesus People" als christliche Unterströmung der amerikanischen Hippiebewegung ab. Der Soundtrack zu ihrem Traum von Nächstenliebe, Harmonie und Frömmigkeit wurde die "Jesus Music". Sie umfasste nicht mehr nur seichte Rockkapellen wie die Crusaders, sondern auch Country-Bands wie Gentle Faith, Jazzformationen wie die Sweet Comfort Band aus Kalifornien und sogar Hardrock-Musiker wie eine Gruppe aus Indiana, die auf den seltsamen Namen Petra hörte - in Anspielung auf das griechische Wort für "Fels", also englisch "Rock".
Gerade diese Kombination von Hardrock und christlichen Texten sollte im kommenden Jahrzehnt ungeahnte kommerzielle Höhenflüge erleben: 1986 veröffentlichte die Glamrock-Band Stryper ihr Album "To Hell with the Devil". Das Cover wurde verziert von Bildern der Bandmitglieder mit Engelsflügeln, die den Teufel in einen flammenden Abgrund hinabschleudern. Die Platte war das erste christliche Rockalbum, das auch in der nichtchristlichen Musikwelt ein riesiger Erfolg wurde. Ausgerechnet ein Haufen Langhaariger, die zu ohrenbetäubenden Gitarrensoli ihre Haare schüttelten, waren zu den ersten kommerziellen Superstars im Namen des Herrn geworden: "To Hell With the Devil" hielt sich über drei Monate in den Billboard Album Charts und spielte in den USA mit mehr als einer Million verkauften Exemplaren Platin ein.
Die Musikindustrie begann, offener gegenüber bisher ungewohnten Klängen zu werden und Bands unter Vertrag zu nehmen, die sich außerhalb des klassischen Kirchenmusik-Sounds bewegten: Christliche Metal-Acts wie Messiah Prophet eiferten dem Erfolg von Stryper nach. Ein junger Kaplan namens Stephen Wiley veröffentlichte 1985 mit "Bible Break" das erste HipHop-Album mit explizit christlichen Texten - und wurde dafür 1988 vom Musikmagazin "Spin" als "Großmeister des Rap" gefeiert. Selbst in der Reggae-Musik, traditionell eine Bastion des Rastafari-Glaubens, fassten plötzlich christliche Bands Fuß: So erreichte "Reggae Worship", das erste Album der Band "Christafari" um den singenden Geistlichen Mark Mohr, 1993 die Billboard Charts.
Die neue Offenheit machte sich wirtschaftlich bezahlt: Im Dezember 1991 gab das "CCM Magazine", eine Fachzeitschrift für zeitgenössische religiöse Musik, an, der Umsatz mit christlicher Musik in den USA habe sich von 180 Millionen Dollar im Jahr 1981 auf 680 Millionen Dollar im Jahr 1991 gesteigert.
Kreischen für den Herrn
Heute scheint musikalisch alles möglich: Solomon Olds, Sänger der Band Family Force 5, die Rock mit dem Crunk-HipHop der amerikanischen Südstaaten vermischt, kreischt über verzerrten Gitarren und elektronischen Beats: "In meiner Seele fühle ich höchste Wonne, besser als Drogen. Sie kommt von ganz oben." Die kalifornische Band P.O.D. verkauft konservativ-christliche Songs wie "Abortion is Murder" (Abtreibung ist Mord) im zeitgemäßen Nu-Metal-Gewand. Und der Singer-Songwriter Daniel Smith alias Danielson tritt bei Konzerten als Baum der Erkenntnis verkleidet auf, um seine religiöse Botschaft unter das Publikum zu bringen.
Rund ein halbes Jahrhundert nachdem die Crusaders es wagten, mit E-Gitarren für den Herrn zu schraddeln, hat es fast den Anschein, als hätten christliche Fundamentalisten in den USA ihre musikalische Toleranz entdeckt, solange Reggae, Metal oder Rap nur im Dienste des Glaubens stehen. Fast. In der Hausordnung der christlichen Bob Jones University in Greenville, South Carolina, gibt es noch heute einen Hinweis, was auf dem Campus nichts verloren habe: "Rock, Pop, Jazz und Country - sowie religiöse Musik, die Anleihen bei diesen Musikrichtungen macht." Für manche, so scheint es, wird alles, was über Chor und Kirchenorgeln hinausgeht, eben doch immer nur eines bleiben: Lärm.
einestages präsentiert die ungewöhnlichsten, sonderbarsten und lustigsten Bands aus der Welt der christlichen Musik und ihre Plattencover - von einer Taufe in der Reggae-Disco bis zum gottesfürchtigen Aerobic-Soundtrack.
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