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1906-1912

Deutsch-britisches Wettrüsten Das große Fürchten


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"Fürchtenichts": Die Indienststellung der "HMS Dreadnought" war ein epochaler Entwicklungssprung in der Schiffbautechnik. Sie gilt als der Urahn aller Schlachtschiffe des 20. Jahrhunderts. Das neue Vorzeigeschiff der Royal Navy, das alle bisherigen Kampfschiffe in den Schatten stellte, brachte das Flottenwettrüsten zwischen Deutschland und Großbritannien ins Rollen.

Stapellauf der "Dreadnought" im Februar 1906 in Portsmouth

Anfang der Angstmaschine: Als 1906 die britische "HMS Dreadnought" vom Stapel lief, gab es auf den Weltmeeren kein mächtigeres Kriegsschiff. Der schwimmende Schlachtkoloss ließ das Deutsche Reich erschaudern - und war die Initialzündung für das erste große Wettrüsten der Weltgeschichte. Von Johanna Lutteroth


Selten hatte Portsmouth so viele Besucher wie an diesem kalten Februartag 1906. In der südenglischen Stadt strömten Tausende Schaulustige Richtung Marinewerft, wer konnte, verfolgte das Spektakel in kleinen Booten vom Wasser aus. Die Menschen feierten die Taufe eines ganz besonderen Schiffes, die König Edward VII., angereist mit tausendköpfigem Gefolge, höchstpersönlich vornahm.

"HMS Dreadnought", "Fürchtenichts", hieß das Schiff, das an diesem Wintertag in Portsmouth vom Stapel lief – und es übertraf alles, was damals auf den Weltmeeren schwamm. Die "Dreadnought" war das erste mit Dampfturbinen angetriebene Kriegsschiff. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 22,4 Knoten hängte sie die Konkurrenz mit Leichtigkeit ab. Und statt zweier schwerer Geschütztürme hatte sie gleich fünf. Sie war eine nach allen Seiten feuernde Kriegsmaschine mit der Effektivität von drei herkömmlichen Linienschiffen, die die halbe Welt in Angst und Schrecken versetzte. Sie ließ keinen Zweifel daran aufkommen, wer der Herrscher über die Weltmeere war.

Was niemand ahnte: Die "Dreadnought" war nicht, wie es zunächst schien, der Höhepunkt englischer Rüstungsbestrebungen, sondern nur der Anfang des ersten, rasanten Wettrüstens der Weltgeschichte.

Vor allem den Deutschen, die selbst an der Herrschaft über die Weltmeere arbeiteten, fuhr der "Dreadnought"-Schreck in die Knochen. Jahrelang hatte das Reichsmarineamt unter der Leitung von Staatssekretär Alfred von Tirpitz der deutschen Öffentlichkeit eingeredet, welch akute Bedrohung von der Royal Navy ausgehe. In regelmäßigen Abständen kolportierte er, die Briten wollten die langsam erstarkende deutsche Flotte in einer Nacht- und Nebelaktion in ihren Heimathäfen vernichten. Das einzige, was dagegen helfe, seien noch mehr Kriegsschiffe. Der Propagandafeldzug unter dem Motto "Abschreckung durch Totrüstung" zeigte Wirkung: Tirpitz erhielt über Jahre die nötigen Mittel, um den massiven Ausbau der deutschen Marine voranzutreiben. Aber würde die Rechnung nach dem "Dreadnought"-Desaster noch aufgehen?

Deutsch-britisches Pressegezänk

Eines war seit dem Stapellauf klar: So schnell würde sich Großbritannien nicht kaputtrüsten lassen. Im Gegenteil: John Arbunoth Fisher, seit Anfang 1905 Oberster Befehlshaber der Royal Navy und Auftraggeber der "Dreadnought", hatte sich mit "bulldoggengleicher Energie", wie es die britische Presse formulierte, auf den absurden Wettlauf mit den Deutschen eingelassen, der offiziell dem Friedenserhalt dienen sollte. Öffentlichkeitswirksam hatte er gezeigt, dass letztlich nur Großbritannien in der Lage war, den Kriegsschiffsbau zu revolutionieren, und Tirpitz doch nur in der Regionalliga spielte.


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Dabei kam ihm zugute, dass die von Tirpitz über Jahre lancierten, anti-englischen Spitzen in Großbritannien eine heftige Gegenreaktion ausgelöst hatten. Dort galt das Deutsche Reich inzwischen als veritable Bedrohung. Und auch in England kursierte das Gerücht, die Marine solle vom Gegner vernichtet werden. Anlässlich des sogenannten Doggerbank-Zwischenfalls im Herbst 1904 entlud sich auf englischer Seite die aufgestaute Paranoia zum ersten Mal. Die russische Ostseeflotte hatte in der Hochphase des russisch-japanischen Kriegs an der Doggerbank einige englische Fischkutter angegriffen, die sie für japanische Torpedo-Boote hielt. Die Briten waren fest davon überzeugt, die Deutschen hätten den Angriff lanciert. Ein Vorwurf, der sich zwar nie bestätigte, aber in den Medien für viel Wirbel sorgte.

Die "Sun" räsonierte am 6. November 1904 über die von Tirpitz so oft beschworene Möglichkeit, die deutsche Flotte ohne Vorwarnung anzugreifen und zu vernichten. Die "Army and Navy Gazette" fand das eine gute Idee: "Wenn es essentiell für Europa werden sollte, dass der deutsche Flottenbau gestoppt wird, dann hat die britische Flotte derzeit nichts Wichtigeres zu tun." Und auch die Zeitschrift "Vanity Fair", sonst eher für leichtere Themen zuständig, stimmte zu: "Wenn die deutsche Flotte zerstört würde, herrschte in Europa für zwei weitere Generationen Frieden." Während Berlin und London nach außen hin den Anschein von Ausgleich und Harmonie erweckten, führten die Medien beider Länder ganz offen einen Krieg mit Worten. Es war der Beginn einer fast acht Jahre dauernden deutsch-britischen Pressefehde, die mal lauter, mal leiser ausgetragen wurde.

Größer, schneller, weiter

Tirpitz und Fisher befeuerten nach Kräften diesen Pressekrieg, um ihre Flottenbaupläne voranzutreiben. Und damit begann neben den Scharmützeln der Zeitungen etwas viel Bedrohlicheres: das erste Wettrüsten der Weltgeschichte, eine finstere Materialschlacht, die beide Volkswirtschaften an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit treiben sollte. Sechs Jahre lang ging es um Stahlpanzer, Geschützrohre, Zahlen und Daten. Sechs Jahre lang bekriegten sich die deutschen und britischen Medien, während die Regierungen in London und Berlin öffentlich abwiegelten und das angeblich so gute Verhältnis der beiden Staaten betonten. Sechs Jahre lang drohte der Seekrieg - und brach dann doch nicht aus.

1906 gelang es Tirpitz, im Reichstag eine Novelle zum Flottengesetz durchzudrücken und weitere Mittel für den Schlachtschiffbau lockerzumachen. Die Antwort auf die "Dreadnought" lief zwei Jahre später vom Stapel: die "SMS Nassau". Der deutsche Stahlkoloss hatte sogar sechs Geschütztürme, lief aber weiterhin mit einer Kolbendampfmaschine, weil die deutsche Industrie noch keine Dampfturbinen herstellen konnte. Statt Linienschiffen wurden nun die deutschen "Dreadnoughts" der "Nassau"-Klasse gebaut. Insgesamt vier Stück liefen 1908 vom Stapel. In den folgenden Jahren legte Tirpitz jedes Jahr vier neue Kampfmaschinen auf. Rund 120 Millionen Mark flossen jährlich in die Stahlkolosse - trotz einer Staatsverschuldung von vier Milliarden Mark.

Fisher zog mit. Bis 1908 gab er jährlich drei "Dreadnoughts" in Auftrag. Die neuen Kampfmaschinen wurden jedes Jahr leistungsfähiger, dank immer modernerer Antriebssysteme, neuer Panzertechniken und größerer Kaliber. Doch dann wechselte 1909 die Regierung, und der neue Premierminister Herbert Henry Asquith hielt sich in Rüstungsfragen zurück. In der Öffentlichkeit kam das gar nicht gut an. Das sogenannte Vierertempo des deutschen Flottenbaus sorgte für große Unruhe. Die Reichsführung habe ihren Schlachtflottenbau intensiviert, warnte die "Times" im Oktober 1908. Die Forderung war unmissverständlich: Wir müssen gegenhalten.

Grandiose Fehlinvestition

Die Angst drohte in Hysterie umzuschlagen. Großbritannien befinde sich mitten in einem tödlichen Kampf ums nationale Überleben, das Land stehe am Rande eines Krieges, wie er zerstörerischer und grausamer nicht vorstellbar sei, schrieb die "Daily Mail" angesichts der vermeintlichen deutschen Übermacht. Die Flottenpanik ergriff die gesamte Bevölkerung. In düstersten Farben schilderten Redner und Zeitungen den deutschen Angriff, der unmittelbar bevorstehe. Navy-Chef Fisher wusste die Stimmung für sich und sein Flottenbauprogramm auszunutzen. Ende Juli 1909 hatte er die Regierung weichgekocht. Sie bewilligte weitere acht "Dreadnoughts", die aufgrund ihrer Größe und Schlagkraft "Super-Dreadnoughts" genannt wurden. In den folgenden Jahren kamen jeweils vier dazu. 1911 waren es sogar sechs.

Spätestens jetzt war klar, dass Fisher das Rennen gemacht hatte. Denn die Materialschlacht hatte das Deutsche Reich finanziell nahezu ruiniert. Noch mehr Geld konnte und wollte niemand mehr in die Flotte pumpen. Tirpitz musste sich zwangsläufig mit der kleinen Lösung abfinden. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs wurde dann die ganze Absurdität des Wettrüstens offenbar: Aus Angst, die gigantische Schlagkraft ihrer Flotten könne zu einem Armageddon zur See führen, vermieden englische und deutsche Marineführer ein Aufeinandertreffen.

Nur zwei Mal wurden die beiden Riesenflotten aufeinander losgelassen: Am 24. Januar in der Doggerbank und am 31. Mai 1916 in den Gewässern vor Jütland. Weil die Admiräle auf beiden Seiten fürchteten, ihre Regierungen könnten nach dem Krieg die Flotten einstampfen, entschlossen sie sich nur zu wenigen Duellen. Doch sowohl die Auseinandersetzung 1915 als auch die sogenannte Skagerak-Schlacht 1916 bestätigten nur noch einmal, dass das deutsche und britische Flottenbauprogramm eine grandiose Fehlinvestition war: Es gab keine klaren Sieger.

Mitarbeit: Jakob Kraft


Debatte

insgesamt 20 Beiträge zur Debatte
Nils Holstein am 23. Februar 2012, 11:08
Eine Fehlinvestition war die Hochseeflotte nur insofern, als das sie nicht in dem Maße eingesetzt worden ist wie mal konzipiert. Und als sie dann im November 1918 sollte,...

Rainer Wille am 23. Februar 2012, 04:13
[quote]Die "Dreadnought" war das erste mit Dampfturbinen angetriebene Kriegsschiff[/quote]

Dieser Artikel ist wirklich sehr schlecht recherchiert. Als erstes...


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