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1912

Babelsberg-Diva Asta Nielsen Deutschlands erster Superstar


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"Naturereignis": Asta Sofie Amalie Nielsen, 1881 in Kopenhagen geboren, war der Grund für die erste große Blüte des Filmstudios Babelsberg vor dem Ersten Weltkrieg. Auf die Zuschauer übte die stets leicht entrückt, fast maskenhaft scheinende Schauspielerin eine magische Wirkung aus.

Regisseur Paul Wegner bezeichnete Asta Nielsen einst als "die einzige Künstlerin im Film, die schlichtweg als Genie anzusprechen ist und deren Kunstleistungen die Selbstverständlichkeit von Naturereignissen haben" (Szenenfoto des Stummfilms "Erdgeist" von 1923).

Heißer Hüftschwung, sinnlicher Mund und erst diese Augen! Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Asta Nielsen der erste Star des deutschen Kinos. Der Hype um die Stummfilmdiva brachte Dichter zum Schwärmen, Fans zum Randalieren - und machte Potsdam zu Deutschlands Hollywood. Von Katja Iken


In Berlin machten die Fans ihr das Leben zur Hölle: Die Frau mit der Wespentaille und den riesengroßen Augen wagte sich kaum noch vor die Tür, an Einkaufen war nicht mehr zu denken. Im Theater zog sie die Vorhänge der Loge so dicht zu, dass sie kaum noch die Vorstellung verfolgen konnte. Die Dänin litt darunter, dass die Menschen Bilder, Postkarten und Büsten von ihr kauften, als wäre sie eine Heilige. Und bei den Premieren ihrer Filme musste die Polizei ausrücken, "damit berittene Truppen das Publikum in Schach halten konnten", wie sie in ihren Memoiren schreibt.

Die Rede ist von Asta Sofie Amalie Nielsen, einem der ersten weiblichen Superstars in der Geschichte des Kinos. Eine Frau, deren erotischer Hüftschwung Anfang des 20. Jahrhunderts eine ganze Generation von Männern um den Verstand brachte. "Sie ist alles! Sie ist die Vision des Betrunkenen und der Traum des einsamen Mannes", frohlockte der französische Dichter Guillaume Appollinaire einst. Und Filmdiva Greta Garbo, die mit Asta Nielsen 1925 für den Stummfilm "Die freudlose Gasse" vor der Kamera stand, befand: "In der Ausdrucks- und Wandlungsfähigkeit bin ich im Vergleich zu ihr ein Nichts."

Die "Duse des Nordens" mit dem sinnlichen Mund und dem ungeheuer starken Ausdruck, die stets ein wenig entrückt wirkte, erhob nicht nur den Stummfilm von der Jahrmarktsposse zur Kunstform. Sie steht auch am Anfang einer großen Tradition deutscher Filmkunst: Denn erst der enorme, wirtschaftliche Erfolg der ersten Asta-Nielsen-Filme, allen voran "Nachtfalter" und "Heißes Blut", ermöglichte es der deutschen Filmgesellschaft Bioscop, massiv zu expandieren.

Von der Kunstblumen- zur Traumfabrik

Um die Filme mit der dänischen Schauspielerin zu drehen, errichtete man in jenem strengen Winter 1911/1912 vor den Toren Berlins ein gläsernes Atelier - die Urzelle des Filmstudios Babelsberg, dessen hundertjährige Geschichte nun der Bildband "100 Years Studio Babelsberg - The Art of Filmmaking" Revue passieren lässt. In der Stadt selbst, wo die Filmfirma Bioscop bis dato ein bescheidenes Atelier unterm Dach betrieben hatte, war es auf Dauer zu eng geworden. Und zu gefährlich.

Denn Zelluloid brennt wie Zunder - eine neue feuerpolizeiliche Verordnung zwang die in Berlin ansässigen Filmfirmen zu kostspieligen Sicherheitsvorkehrungen und Umbauten. Dazu jedoch war die Bioscop nicht bereit - zudem in dem elf mal zwölf Meter messenden Atelier in der Chausseestraße 123 auch keine idealen Produktionsbedingungen herrschten. Es war nicht nur zu klein, sondern auch zu dunkel: Oftmals hing über der Stadt mit ihren Fabrikschornsteinen und Kachelöfen eine dicke Dunstglocke, die kaum natürliches Licht ins Atelier ließ. Kein würdiger Ort, um ein Ausnahmetalent wie Asta Nielsen in Szene zu setzen.

Als die Bioscop 1911 den lukrativen Auftrag erhielt, acht neue Filme mit dem aufstrebenden dänischen Star zu produzieren, machte sich deren Kameramann und technischer Leiter, Guido Seeber, auf die Suche nach einem geeigneten Grundstück für ein neues Studio außerhalb der Großstadt. Weit weg von den Qualmwolken des Molochs und den Schatten werfenden Häusern - aber doch schnell erreichbar. Im Herbst 1911 entdeckte er im Südwesten Berlins, unweit der Wohnkolonie Neubabelsberg, ein leerstehendes, von Feldern und Wiesen umgebenes Fabrikgebäude.

An der Stirnseite des Gebäudes, wo einst Kunstblumen und später Futtermittel hergestellt worden waren, ließ Seeber innerhalb von nur drei Monaten seine neue Traumfabrik hochziehen: ein 15 mal 20 Meter großes Atelier mit einer kittlosen Spezialverglasung und einer Strebenkonstruktion, die möglichst viel Tageslicht ins Innere ließ. Das angrenzende Fabrikgebäude ließ Seeber sanieren, es bot fortan Platz für Requisiten, Garderoben, Büros und Labore zur Filmentwicklung.

Biest ersticht Verehrer

"Von Neujahr an finden unsere kinematographischen Aufnahmen nur noch statt in unserem eigenen neuerbauten Riesen-Atelier Neubabelsberg, Stahnsdorfer Straße 99-101", annoncierte die Bioscop im Dezember 1911 voller Stolz im Berliner Tageblatt. Am 12. Februar war es soweit: Die Klappe für den ersten Film fiel. Hinter der hölzernen Kurbelkamera stand Guido Seeber - davor bewegte sich, einen wagenradgroßen Hut auf dem Kopf balancierend, die grandiose Asta Nielsen. Und das mit einer Sinnlichkeit, die nicht nur ihren Ehemann, den Regisseur Urban Gad, sondern auch Seeber selbst in Wallung brachte, wie Asta Nielsen später in ihren Memoiren schrieb.

"Totentanz" hieß der im Winter 1912 abgedrehte Film: kein wirklich gutes Omen für einen Studiostart. Der dänische Star spielte darin, ebenso wie in Asta Nielsens grandiosem Debütfilm "Abgründe" von 1910, eine Frau, die zwischen zwei Männern steht. Bella, ein Biest im hautengen Abendkleid, flirtet heftig mit dem um sie buhlenden Komponisten Czerneck. Doch sie entscheidet sich am Ende für ihren biederen Ehemann - und ersticht zum Schluss des nur noch fragmentarisch erhaltenen Films kurzerhand den Musikus.

Wie die Dreharbeiten liefen, ist nicht bekannt. Offenbar war man bei der Bioscop eifrig darauf bedacht, dass möglichst wenig Menschen das revolutionäre Filmstudio von innen kennenlernten. Und versagte neugierigen Journalisten den Zutritt, wie die Filmillustrierte "Lichtbild-Bühne" bedauerte: "Die 'Deutsche Bioscop-Gesellschaft' hat in Neubabelsberg bei Potsdam ihr sonniges Heim aufgeschlagen. Dieses Naturtheater zu besichtigen, müsste interessant sein. Leider ist man dort so mimosenhaft verschlossen, dass das dortige Personal strenger Weisung gemäß die Erlaubnis versagte", schimpfte die Illustrierte in einem Artikel vom 16. Juni 1912.

Schweißtreibender Dreh

Nur so viel scheint sicher: Besonders angenehm war es nicht, mit dem offenbar perfektionistischen Duo Asta Nielsen/Urban Gad zusammenzuarbeiten. "Ich weiß noch, wie anfangs das neue Atelier zum ersten Mal von Asta Nielsen benutzt wurde", erinnerte sich Seebers Kamerakollege Karl Hasselmann später, "da haben die wochenlang probiert, um scharfe Bilder rauszubekommen."

Nielsen und Gad hätten sich "bei den Probevorführungen direkt vor die Leinwand gesetzt, und sowie eine kleine unscharfe Bewegung kam 'Halt, aufhören, unscharf, noch mal!'" gerufen. Am nächsten Tag "wurde die Szene wiederholt, noch mal gedreht, das ging 'ne ganze Weile so. Der gute Seeber hat dabei bitter geschwitzt", so Hasselmann.

Wurde beim "Totentanz" zunächst ohne Zusatzbeleuchtung bei Tageslicht gedreht, schwitzte die Filmcrew später noch aus einem anderen Grund. Da die Bioscop in der Anfangszeit nur über einen Wechselstromanschluss verfügte und daher nicht die nur bei Gleichstrom funktionstüchtigen Quecksilberlampen verwenden konnte, griff man beim Dreh auf Bogenlampen zurück: eine Lichtquelle, die nicht nur eine ungeheure Hitze erzeugte, sondern auch ungefiltert UV-Strahlen aussandte.

"Wie bei Hungersnot an Bäckerstüren"

Um keine Bindehautentzündung zu bekommen, schützten sich die Schauspieler mit dunklen Brillen, die sie erst wenige Augenblicke vor Drehbeginn ablegten. "Harte Arbeit fordert der Film von denjenigen, die in dem glühenden Glashaus beschäftigt sind", resümierte Urban Gad. Doch die Mühe lohnte sich: Am 7. September kam "Der Totentanz" in die Berliner Kinos - und geriet, ebenso wie die anschließenden, kurz hintereinander abgedrehten Nielsen-Filme, zum Kassenschlager.

Im Rahmen des beispiellosen Asta-Nielsen-Hypes vor dem Ersten Weltkrieg wurden Lichtspielhäuser nach der Schauspielerin benannt sowie ein "Asta-Nielsen-Walzer" komponiert. Und die Fans der nordischen Diva drängten sich vor den Kinos "wie bei Hungersnot an Bäckertüren" und brachen "um ein Billett sich fast die Hälse", wie ein Kritiker anlässlich der Premiere des Asta-Nielsen-Films "Engelein" schrieb.

Der Diva selbst schien der ganze Trubel dubios. Sie litt nicht nur unter ihrer gewaltigen Popularität, sondern stand auch dem Medium Kino kritisch gegenüber, das sie als "Welt des Scheins" und "verlogenes Orgelbrausen" schalt. Zudem zeichneten sich die Filme, in denen sie mitwirkte, oftmals durch gruseligen "Handlungskitsch" aus, wie sie schrieb.

Zweites Glashaus für den Stummfilm-Star

Die Welt jedoch begehrte den Kitsch nun einmal: Dank der sprudelnden Einnahmen aus den Asta-Nielsen-Filmen konnte die Bioscop bereits im Herbst 1912 mit dem Bau eines zweiten, noch größeren Glashauses im Süden beginnen. Wiederum war es ursprünglich ausschließlich für Aufnahmen von Asta-Nielsen-Filmen konzipiert.

Doch die Filmdiva wurde der Bioscop untreu - und stand ab 1913 für die Konkurrenz vor der Kamera. Mit Kriegsausbruch schlitterte das von seinem großen Star verlassene Babelsberger Filmstudio in die Krise. Der Bioscop-Chef fror die Zahlungen ein, Regisseure und Kameramänner mussten an die Front.

Im Schützengraben fand der deutsche Schriftsteller Ernst Moritz Mungengast ein Asta-Nielsen-Foto. Es steckte in dem goldenen Rahmen eines Spiegels: "Ich fühlte, wie diese Augen alles wussten und sahen, die Champagne, die Höhe von Loretto, Verdun und die Somme", schrieb er später über seine Begegnung mit dem Konterfei der Schauspielerin. "Ich spürte diese Augen in mir brennen wie zwei feurige Kugeln. Sie gaben mir meine Seele zurück."

Dem Mann im Schützengraben spendeten sie neues Leben. Der Welt gaben diese riesengroßen, wunderschönen Augen das Filmstudio Babelsberg.


Vom ersten Dreh im "kleinen Glashaus" mit Stummfilmdiva Asta Nielsen und hölzerner Kurbelkamera über den Hildegard-Knef-Streifen "Die Mörder sind unter uns" bis hin zum frierenden Regisseur Roman Polanski vor der Kulisse von "Der Pianist": Sehen Sie in der einestages-Bildergalerie die spannendsten Babelsberger Setaufnahmen aus 100 Jahren Studiogeschichte!


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Zum Weiterlesen:



Michael Wedel / Chris Wahl / Ralf Schenk: "100 Years Studio Babelsberg - The Art of Filmmaking". teNeues-Verlag, Kempen 2012, 260 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


Debatte

insgesamt 9 Beiträge zur Debatte
Volker Altmann am 13. Februar 2012, 18:51
Hier gehen wir absolut konform - der et-Bericht ist in deutscher Sprache verfasst.

Meine Eingangsfrage im ersten Beitrag war deshalb schon: "...ist es zwingend, uns das...

Siegfried Wittenburg am 13. Februar 2012, 14:33
"Allerdings täuscht der et-Bericht ein wenig darüber hinweg, dass es nicht allein um Asta Nielsen geht."

Der et-Bericht wiederum ist in der deutschen Sprache...


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